Ich erinnere mich noch an einen Sonntag im November 1973, den ersten autofreien Sonntag, an dem ich mit meinen Eltern auf der Autobahn spazieren gehe. Mit dieser Maßnahme soll der Bevölkerung vor Augen geführt werden, wie ernst die Energieversorgung hierzulande ist.

Infolge des Jom-Kippur-Krieges im Nahen Osten drosseln viele OPEC-Staaten ihre Öllieferungen, verhängen ein Embargo gegen die USA und andere Staaten, die Israel unterstützen.

Ölkrise 1973: Wie das OPEC-Embargo Deutschlands Wirtschaft traf

Die dadurch verursachte Angebotsverknappung von Benzin und Heizöl treibt die Ölpreise in die Höhe und verschärft damit die ohnehin schon hohe Inflation. Die Versorgungskrise greift zunehmend auf Industrie und Verkehr über und bremst das Wirtschaftswachstum.

Zugleich verharrt die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau. Die sozialliberale Koalition aus SPD und FDP reagiert mit dem im Eilverfahren beschlossenen Energiesicherungsgesetz und Heizölkostenzuschüssen.

Stagflation der 70er: Energiesicherungsgesetz gegen die Krise

Doch die Stabilisierungspolitik nach den Lehren von Keynes mit ihren fiskal- und geldpolitischen Interventionen zeigt keine Wirkung mehr.

Thomas Beilner
Thomas Beilner ist Honorarprofessor für Finanzmarkttheorie an der Universität Erfurt. Sie erreichen den Autor unter thomas.beilner@uni-erfurt.de.© fmt | Thomas Beilner

John Maynard Keynes (1883–1946) war ein britischer Ökonom und forderte ein aktives Eingreifen des Staates in Krisensituationen, um das System wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Keynes’ Rezept: Staatsausgaben, niedrige Zinsen, Steuersenkungen

Seine Therapievorschläge sind: höhere Staatsausgaben als Ausgleich für die fehlenden privaten Investitionen, um damit Aufträge und Arbeitsplätze entstehen zu lassen, niedrige Zinsen, um die Kreditaufnahme zu verbilligen, flankiert mit Steuersenkungen, um in der Summe Anreize für den Konsum zu schaffen.

Keynes betrachtet die Nachfrageseite als Ursache für wirtschaftliche Krisen und Arbeitslosigkeit. All dies hat in den 70er Jahren nicht mehr geholfen, da die Angebotsseite betroffen ist.

Warum Nachfragepolitik beim Angebotsschock versagt

Die Arbeitslosigkeit und Inflation bleiben hoch. Zudem verfolgt die Deutsche Bundesbank eine restriktive Geldpolitik, erhöht die Leitzinsen und verlangsamt damit das Wirtschaftswachstum.

Hier kommen die diesjährigen mit dem „Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften in Erinnerung an Alfred Nobel“ verdient ausgezeichneten US-amerikanischen Ökonomen Robert Ernest Hall (1943) Stanford University und Michael Woodford (1955) Columbia University ins Spiel, deren gesamtwirtschaftliche Modelle zum Neukeynesianismus zuzuordnen sind.

Wirtschaftsnobelpreis 2026 für Robert E. Hall und Michael Woodford

Auch sie fordern ein staatliches Eingreifen in Krisensituationen, allerdings versuchen sie mit ihrer Forschung einzuschätzen, in welchem Maß der Konsum von privaten Haushalten künftig rückläufig ist und Unternehmen Preisanpassungen vornehmen werden, um, mit dieser Erwartungspolitik ausgestattet, gezielt staatliche Maßnahmen ableiten zu können.

Dieser Ansatz unterscheidet Hall und Woodford von Keynes deutlich, der stillschweigend immer gleiche Erwartungen der Wirtschaftssubjekte auf staatliche Maßnahmen unterstellt hat.

Neukeynesianismus: Erwartungen von Haushalten und Unternehmen im Modell

Hall und Woodford gelingt es, die Grundlagen der Mikroökonomie, also das wirtschaftliche Verhalten einzelner Wirtschaftssubjekte wie Haushalte, Unternehmen und Märkte, mit der Makroökonomie, der Betrachtung einer Volkswirtschaft als Ganzes, zu verbinden, um durch eine Einschätzung der Erwartungshaltung der Wirtschaftssubjekte eine Stabilisierung der Volkswirtschaft in einer Krise zu erreichen.

Nach Meinung der beiden Preisträger mildern gut abgestimmte wirtschaftspolitische Maßnahmen die Volatilität an den Finanzmärkten und bessere politische Entscheidungen können so getroffen werden.

Mikrofundierung der Makroökonomie: Stabilisierung durch Erwartungssteuerung

Um die Erwartungen steuern zu können, bedarf es einer transparenten Kommunikation, insbesondere durch die Zentralbanken. Sie werden aufgefordert, ihre Geldpolitik vorausschauend dar- und festzulegen.

Während mein altes Lehrbuch (1981) von Otmar Issing „Einführung in die Geldpolitik“, dem späteren Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), die Notenbank primär als die „Hüterin der Währung“ ansieht und die Geldwertstabilität durch die Steuerung der Geldmenge sucht, spielt das Geld bei Hall und Woodford eine eher untergeordnete Rolle.

Geldmenge oder Zins? Issings Monetarismus trifft Inflationserwartungen

Statt einem monetaristischen Ansatz zu folgen, richten sie die Geldpolitik vielmehr an der Zinsentwicklung und den Inflationserwartungen aus.

In der Zeit von Corona haben die führenden Zentralbanken diesem Ansatz folgend durch massive Anleihekäufe die Geldmenge enorm ausgeweitet. Als dann die Inflation zurückkehrte, wurde die falsche Wirkung dieser expansiven Geldpolitik deutlich.

Anleihekäufe in der Corona-Zeit und die Rückkehr der Inflation

Erinnern Sie sich an meine Aussage an dieser Stelle? Es ist leicht, eine Zahnpastatube auszudrücken, aber sehr schwer, die Zahncreme wieder in die Tube zu bekommen.

Es zeigt sich, dass kein umfassendes Modell ausreicht, um alle instabilen Vorgänge in einer Ökonomie genau zu erfassen. Weder Neukeynesianismus noch Monetarismus sind allein in der Lage, die Vielschichtigkeit wirtschaftlicher Zusammenhänge genau abzubilden.

Kein Modell erklärt alles: Grenzen von Neukeynesianismus und Monetarismus

Vielmehr gilt es, die unterschiedlichen Einflussfaktoren in ihrer Gesamtheit zu berücksichtigen und sich nicht ausschließlich an ökonomischen Modellen zu orientieren.

Die Arbeiten von Robert Ernest Hall und Michael Woodford sind daher als Beiträge zu einem größeren Ganzen zu verstehen, denn auch ihre Modelle, Konzepte und Ansätze stoßen an ihre Grenzen.

Erwartungen von Menschen und Firmen: der Verdienst der Preisträger

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Ihr besonderer Verdienst liegt darin, die Reaktionen und Erwartungen von Menschen und Firmen in unterschiedlichen Situationen systematisch in die Modellwelt zu integrieren. Das Komitee für die Vergabe des diesjährigen Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften würdigt diese Leistung zu Recht.