Gemeinde feiert zwei Tage lang die Einweihung der Synagoge

Nordhausen.  TA-Serie (3) Zentrale Orte jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert: Das Gebäude am Pferdemarkt fällt der Pogromnacht zum Opfer.

Auf diesem Foto ist die Innenansicht der Synagoge zur Heiligen Lade hin abgebildet.

Auf diesem Foto ist die Innenansicht der Synagoge zur Heiligen Lade hin abgebildet.

Foto: Stadtarchiv Nordhausen

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Im Jahr 1906 wurde Otto Eisner 14 Jahre alt und feierte Bar Mitzwa (Tag des Eintritts der Religionsmündigkeit). Seine Mutter, Emma Eisner, hielt Anfang Juni 1906 dazu im Tagebuch fest: „Ottos Geburtstag am 21. Mai 1906 wurde dies Mal, aus Rücksicht auf seine bevorstehende ,Einsegnung’ und in so fern gefeiert als er den einen Wunsch, einen Faustball, erfüllt bekam. Heute am 2. Juni ist nun der wichtige Tag für Otto gekommen, wo er eingesegnet wird. Es traf sich sehr nett, daß außer Otto noch 2 Jungen eingesegnet wurden, Hans Schönbeck u. Paul Wolfen. Morgens 9 Uhr war die Feier; der Dr. Rabbiner Schönberger hielt eine sehr schöne Ansprache mit dem Motto: Vergiß‘ es nicht. Auch zum Schluß sang der Chor in der Synagoge: Vergiß es nicht u s. w. Otto machte seine Sache recht gut; es war eine erhabene Feier. Wenn wir nun auch nur im engsten Familienkreis (Mittags 2 Uhr) zum Diner bei uns zusammen waren, so war es recht vergnügt. […] An Besuch fehlte es nicht; 55 Gratulanten erschienen. Von uns bekam Otto Noten u 50 Mk auf die Sparkasse; von Großeltern aus Bielefeld eine Uhr; von Großmutter Eisner eine Kette, […] von Onkel Adolf ein Werk: Meister der Tonkunst […]. Es war ein vielbewegter Tag, der sehr harmonisch ohne eine Störung verlief; hoffentlich bleibt es ihm stets eine schöne Erinnerung!“

Anlässlich der Bar Mitzwa von Otto Eisner schenkte Adolf Paderstein aus Dortmund am 1. Juni 1906 ihm das Buch über Meister der Tonkunst. Die Fortführung des Geistes der westphälischen Reformen zeigt auch die Durchführung von Konfirmationen beziehungsweise „Einsegnungen“. Mit der Begriffsanwendung sah man von der Tradition ab, dass nur Jungen die Bar Mitzwa zuteil wurde. Auch Mädchen konnten gleichberechtigt mitfeiern. Das Programmheft für die Feier der „Confirmation“ am 5. Juni 1889 zeigt, dass dieser Begriff auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der jüdischen Gemeinde gepflegt wurde.

Bau der Synagoge wurde schon 1832 anvisiert

Das besondere Ereignis macht neugierig, wo dieses begangen wurde. Es war die Synagoge – ein Gebäude, das der Pogromnacht zum Opfer fiel.

Der Bau einer eigenen Synagoge muss spätestens 1832 schon Thema in der jüdischen Gemeinde gewesen sein. Denn es ist aktenkundig, dass Anfang dieses Jahres Herz Cusel Plaut der Gemeinde einen Staatsschuldschein im Wert von 100 Reichstalern für die zukünftige Erbauung einer Synagoge schenken wollte. Aus den Quellen geht hervor, dass die jüdische Gemeinde 1842 ein schönes, in der Mitte der Stadt gelegenes Grundstück erworben hatte. In dem darauf befindlichen Haus war die Religionsschule eingerichtet worden sowie eine Wohnung für den Prediger und Religionslehrer. Im Garten des Hauses sollte die Synagoge errichtet werden. Auf dem Grundstück lastete durch den Kauf eine Hypothek von 2000 Reichstalern.

Im April 1844 wurde für die Beaufsichtigung des Baus eine Baudeputation eingerichtet, die aus vier Gemeindemitgliedern bestand: Sanitätsrat Dr. Wessely, Michael Friedlaender, Aaron Cramer und Herz Ruben Herzfeld. Letzterer war auch Buch- und Kassenführer. Wie in dem „Circular“ zu lesen ist, sollte mit dem Bau noch im April 1844 begonnen werden.

Finanziert wurde der Bau der Synagoge größtenteils durch einen am 9. April 1844 notariell beurkundeten Leibrentenvertrag mit dem Kaufmann Johann Christian Kessel. Dieser war zwar erst 47 Jahre alt, aber so kränklich, dass er sein Geschäft aufgeben wollte. Erben hatte er nicht. So vereinbarte er mit der jüdischen Gemeinde, dass diese von ihm 4000 Reichstaler bekommen würde und er im Gegenzug bis zum Ende seines Lebens eine jährliche Leibrente in Höhe von 300 Reichstalern. Günstig war dieses Geschäft für die Gemeinde im Rückblick nicht. Denn Kessel lebte noch 31 Jahre. Das Kapital von Kessel sowie 420 Reichstaler an eingeworbenen Spenden reichten nicht aus, um die Baukosten von 6120 Reichstalern zu decken. In der Folge wurde eine Anleihe im Umfang von 2500 Reichstalern in Form von Aktien im Wert von je 25 Reichstalern ausgegeben. Sie umfasste neben den fehlenden 1700 Reichstalern noch 800 Reichstaler, die Gemeindemitglieder bereits lange zuvor zum Kauf des Grundstücks gezahlt hatten. Die Rückzahlung der Anleihe im Umfang von mindestens 150 Reichstalern pro Jahr war für die Zeit nach dem Erlöschen der Leibrente von Kessel und dann durch Auslosung der einzulösenden Aktien vorgesehen.

Repräsentatives Gotteshaus mitten im Stadtzentrum

Mithilfe der Finanzierungen konnte der Bau im Jahr 1845 fertiggestellt werden. Dass die Synagoge im Stadtzentrum, am Pferdemarkt, erbaut wurde, geht wohl auch auf die historische Strömung zurück, Synagogen zunehmend weniger im Hinterhof zu erbauen, sondern als repräsentative Gotteshäuser, wie sie auch bei den Christen üblich waren, mit der Frontseite der Straße zugekehrt im Zentrum der Stadt. Dies war Ausdruck des Sicherheitsgefühls und des gewachsenen Gleichberechtigungssinns, der bei der jüdischen Bevölkerung angekommen war, gelebt und präsentiert wurde. So signalisierte der Synagogenbau der christlichen Umwelt die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Nordhausen.

Die jüdische Gemeinde feierte die Einweihung ihres Gotteshauses zwei Tage lang. Die offizielle Einweihungsfeier am 12. September 1845 um 15 Uhr war ein Ausdruck für die sichtbare Existenz eines Zentrums jüdischen Lebens und Wirkens in der Stadt. Die Gemeinde definierte mit dem Bau ihren gesellschaftlichen Mittelpunkt, der für den innergemeinschaftlichen Halt und für die Anerkennung von außen bedeutend war. Zur Einweihung gehörte die Überführung der Thorarollen in die neue Synagoge am Pferdemarkt. An der Feier nahmen Bürgermeister Heinrich Karl Kölling, Landrat Karl von Byla und einige auswärtige Rabbiner teil.

Da die Gemeinde keinen Rabbiner hatte, weihte der Gemeindelehrer und Prediger Abraham Jacob Cohn die neugebaute Synagoge am 12. September ein. Der 13. September 1845 fiel auf einen Sabbat, an dem der aus Ellrich stammende braunschweigische Landesrabbiner Dr. Levi Herzfeld auf Bitte des Vorstands der Gemeinde die Predigt hielt. Als Thema wählte er „Die religiöse Reform“. Herzfeld trat aktiv für Reformen im Judentum ein und informierte darüber die jüdische Leserschaft in seinen zahlreichen publizierten Predigten. Er sprach in der Predigt über die Wichtigkeit des biblischen und historischen Grundwissens, die Förderung der Beherrschung der wesentlichen Gebete der Gläubigen, die Notwendigkeit von Reformen und ein Umdenken, wie es bereits die Vorbilder Moses Mendelssohn, Hartwig (Naphtali Herz) Wessely und Israel Jakobson taten. Auch mit diesem Bewusstsein über die Problematik trat er unter anderem für das weniger Nachaußentragen der Religion und für die Beherrschung der deutschen Sprache bei seinen Glaubensgenossen und ebenso für die Verwendung der deutschen Sprache im Gottesdienst ein. Somit war die Einweihungspredigt ein Appell zur Verwirklichung von weiterführenden Reformen im Judentum.

Sanierung in den 1880er Jahren notwendig

Eine Sanierung der Synagoge erfolgte in den 1880er-Jahren. Ein bautechnisches Gutachten über die eingetretene Baufälligkeit des Gebäudes 1887 hatte das Ergebnis gebracht, dass die mit Kalkstein in Gipsmörtel ausgemauerte Eichenholzkonstruktion, die nach außen durch eine ebenso starke Mauerblende verdeckt und dadurch von der Luftzufuhr abgeschnitten war, Verstockung und Fäulnis aufwies, besonders an den Wetterseiten, an denen die Wände den meisten Niederschlägen ausgesetzt waren. Die Grundschwellen an der südlichen Lang- und westlichen Giebelseite waren völlig zerstört. Neben der notwendigen Sanierung wurde die Synagoge auch vergrößert. Bereits ein Jahr später waren die Baumaßnahmen abgeschlossen, so dass am 17. August 1888 die feierliche Einweihung erfolgte, an der auch viele christliche Gäste teilnahmen.

Im Synagogenbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen oft maurische Stilelemente zum Einsatz. Trotz der Akkulturationsbestrebungen kam hierdurch eine eigene jüdische Identität zum Ausdruck. Mit dem neoromanischen Stil ihres Vorbaus hat sich die Synagogengemeinde in Nordhausen jedoch der Bauweise angeschlossen, die zu dieser Zeit für Kirchen und andere repräsentative Bauten im christlichen Umfeld üblich war. Besonders der Synagogenbau von liberal- und reformgesinnten jüdischen Gemeinden in den 1860er-Jahren zeugt von romanischen und gotischen Stilelementen als Ausdruck der Angepasstheit an das christlich-dominierte Umfeld. Damit gibt der Neubau an der Synagoge in Nordhausen den architektonischen Hinweis, dass es sich um eine Reformgemeinde handelte.

Die Autorin ist Historikerin aus Nordhausen. Weiterführende Forschungsergebnisse zur jüdischen Gemeinde in Nordhausen im 19. Jahrhundert nebst ausführlichen Quellenangaben finden sich in ihrer im Verlag der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung im Jahr 2018 erschienenen Dissertation „Vom reichsstädtischen Schutzjuden zum preußischen Staatsbürger jüdischen Glaubens. Chancen und Grenzen der Integration der Nordhäuser Juden im 19. Jahrhundert“

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