Mit 15 Jahren blättert Jost Samorski in seinem Atlas. Er träumt von fernen Ländern, kennt alle Hauptstädte der Welt auswendig. Schade, denkt sich der junge DDR-Bürger, dass du nie einen Fuß dorthin setzen wirst. Doch bekanntlich kommt es anders. Heute ist Samorski Gastronom, Hotelier, Postkartensammler – und Abenteurer mit einem Faible für Lateinamerika. Aus den Träumen von einst wurden echte Auszeiten: Er bereiste 13 lateinamerikanische Länder, bestieg 33 Vulkane.

Sein „MohrenCafé“ in Eisenberg richtete Samorski im Stil lateinamerikanischer Lebenskultur ein. Am 23. und 24. Oktober lädt er dorthin zu Themen-Nachmittagen mit dem Titel „Café de Nicaragua“ ein. Wann und unter welchen Umständen die Liebe zu Lateinamerika – umfasst alle Länder Amerikas, in denen Spanisch und Portugiesisch gesprochen wird – entbrannte, erzählt er im Interview.  

Herr Samorski, woher kommt Ihr Faible für Lateinamerika?

2020 war ich in Kolumbien. Dann kam Corona, Mexiko gehörte zu den Ländern, die man bereisen durfte. Aufgrund meines Arbeitsverbotes flog ich dorthin und schob den Rückflug immer wieder hinaus. Eines Tages lernte ich Leute kennen und flog mit denen nach Guatemala. Ich fuhr mit dem Bus durch den Urwald, war vollkommen unabhängig. Kein Handy, keine E-Mail, ich ruhte in mir selbst. Auf meiner Reise lernte ich Musiker kennen, die auch nicht arbeiten durften. Mit ihnen stehe ich noch heute in Kontakt.

Sie waren aber die meiste Zeit allein unterwegs?

Ja. Reisegruppen gab es zu dieser Zeit nicht. Für die Exkursion zu einem Tempel im Urwald habe ich einen Guide beauftragt. Ich bezahlte ihm den Gruppenpreis, machte aber zur Bedingung, dass ich dafür Geschichten hören möchte: Über Wirtschaft, Kultur und wie das System unter der Politik von Präsident Daniel Ortega funktioniert.

Jost Samorski
Auf zum Gipfel des Ometepe: Für den Eisenberger Jost Samorski ein anstrengender, aber wunderschöner Aufstieg. © privat | Jost Samorski

Erinnern Sie sich an ein besonders stimmungsvolles Ereignis?

In Quito, der Hauptstadt von Ecuador, feiern die Menschen Silvester in ihrer Altstadt. Dort befestigen sie Puppen an Holzpaletten und zünden diese gegen Mitternacht an. Die Leute springen über diese brennenden Stapel und erhalten auf der anderen Seite Weintrauben, die ihnen Glück bringen sollen.

Momente, vor denen Ihnen heute noch gruselt?

Es war schon etwas befremdlich, als ich von einem Kurztrip zurückkehrte und die Seitenscheiben meines Leihwagens durchlöchert vorfand. Ich hatte das Auto extra vor einer Polizeistation direkt an der Grenze von Guatemala nach Honduras abgestellt. Es war aber nichts gestohlen worden. Bis heute kann ich den Sinn dieser Aktion nicht nachvollziehen. In Mexiko wurde ich von freilaufenden Hunden angefallen. Zum Glück trug ich zwei Hosen übereinander. Doch es ging immer alles gut, ich werde meine Reisepläne deshalb nicht aufgeben. Man muss lernen, mit solchen Situationen umzugehen.

Samorski Vulkane
Mystischer Blick zum Gipfel des Vulkans: Was den Abenteurer dort oben wohl erwartet?© privat | Jost Samorski

Bislang haben Sie 33 Vulkane bestiegen, darunter einen der aktivsten – den Stromboli in Italien. Fünf waren es in Nicaragua. Manche nennen es verrückt, andere faszinierend und wieder andere fahrlässig, sich so in Lebensgefahr zu begeben. Was empfinden Sie beim Blick in den Krater?

Das ist schon etwas Besonderes. Mir ist dann bewusst, dass ich an einem Punkt stehe, an dem im Vergleich zur Weltbevölkerung nur sehr wenige Menschen stehen. Von jedem Vulkan nehme ich mir einen Stein mit. Wichtig ist, den gefährlichen Dämpfen und Aschewolken auszuweichen. Im besten Fall engagiert man für solche Exkursionen einen privaten Guide. Das sind manchmal einfache Feldarbeiter, die sich in dem Gebiet aber sehr gut auskennen und zum Beispiel auch über die Pflanzenwelt Bescheid wissen.

Sie lernten Spanisch, um mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Wie nehmen diese Sie auf, obwohl Sie doch schon optisch auffallen?

Ganz anders als die skeptischen Mitteleuropäer. Insbesondere Deutsche lassen wenig Nähe zu. Sie bleiben lieber auf Distanz. Das ist in Lateinamerika ganz anders. Die Leute freuen sich, Fremden etwas zeigen oder erklären zu dürfen und gehen offen auf sie zu. Wenn man sich als Gast ihnen öffnet, kann man viel besser in Struktur und Kultur der Menschen dort eintauchen.  

Samorski Vulkane
Fantastisch: Sonnenuntergang am Cerro Negro in Nicaragua – einem Vulkan, der nur aus Asche besteht. © privat | Jost Samorski

Welcher war bislang Ihr anstrengendster Vulkan?

Der Ometepe in Nicaragua – die weltweist größte vulkanische Insel in einem Süßwassersee. Auf manchen Bergen beginnt man auf einer Höhe von 2000 Metern mit dem Anstieg. Hier ging es von Null auf 1610 Meter hinauf. Das mag unspektakulär klingen, ist aber sehr kräftezehrend. Auf den Cotopaxi in Euador, den ich mir 2023 vornahm, habe ich mich professionell vorbereitet. Eine Woche lang hielt ich mich auf 4000 Metern Höhe auf und war deshalb topfit. Wichtig ist, den selbst gesetzten Umkehrpunkt einzuhalten, auch wenn es verlockend ist, weiterzugehen. Der Vulkan ist 5900 Meter hoch, bei 5200 bin ich umgekehrt, obwohl ich noch Zeit gehabt hätte. Aber auf einen Meter Schnee war ich ohne Schneeschuhe nicht vorbereitet.

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Wobei empfanden Sie die meisten Glücksgefühle?

Als ich auf einem Melonenlaster durch Honduras getrampt bin. Im Führerhaus war kein Platz und so stieg ich auf die Melonen. Mit dem Fahrer hatte ich vereinbart, dass ich einfach aufs Dach klopfe, wenn ich absteigen will. So taten wir es und ich dachte: Hey, du bist in Honduras. Das war ein Adrenalinschub sondergleichen.

Mehr Glücksgefühle mit Hochlandkaffee, Schokoladentorte, Kakao und Geschichten von Jost Samorski gibt es zu den Themen-Nachmittagen „Café de Nicaragua“ am 23. und 24. Oktober, jeweils von 14 bis 17 Uhr im „MohrenCafé“ am Markt in Eisenberg. Dort können Besucher auch eine eindrucksvolle Fotoausstellung mit Reiseimpressionen des Gastronomen besichtigen und probieren, wie es sich in einer Hängematte liegt.