Ein Unfall verändert sein Leben. Seit 33 Jahren sitzt Flo Sitzmann im Rollstuhl, wurde danach erfolgreicher Sportler, Buchautor und sammelt Spenden für Kinder. Am 29. November liest er im Greizer 10arium aus seinen Büchern und will davon erzählen, wie er seine Zuversicht nie verlor.

Nach einem Motorradunfall lagen Sie lange im Krankenhaus, mussten zahlreiche Operationen und die Amputation Ihrer Beine über sich ergehen lassen. Was waren Ihre Gedanken damals?

Ich bin ein positiv denkender Mensch, sehr lebensbejahend. Das wurde mir irgendwie in die Wiege gelegt und ist mit meiner Geschichte natürlich absolut hilfreich, wer weiß, wo ich sonst gelandet wäre. (lacht)

Sie lagen im Koma und nach dem Aufwachen war diese Haltung bereits wieder da?

Der Lebenswille war sofort da. Ich wollte danach gar nicht mehr einschlafen, ich wollte wach bleiben. Das alles zu verarbeiten, das hat natürlich seine Zeit gedauert, aber danach ging es los bei mir, da hatte ich Perspektiven und Pläne im Kopf. Die Blicke der Gesellschaft auszuhalten, das war damals eigentlich die größere Herausforderung für mich.

Florian Sitzmann
Mehr als 70 Operationen musste Flo Sitzmann nach seinem Unfall, durch den er beide Beine verlor, ertragen. Später kämpfte er sich bis an die Weltspitze im Sport, verfasste Bücher, war Mittelpunkt eines Films. © Florian Sitzmann

Was meinen Sie damit?

Man geht durch die Stadt und wird angegafft, quasi ausgezogen mit den Blicken der Anderen. Natürlich sind die Menschen irritiert, sehen sie jemanden, der amputiert ist. Das kommt auch nicht alle Tage vor. Da ist es verständlich, dass sie neugierig sind. Der Mensch ist ein Sensationstier und wenn der bunte Hund kommt, dann schaust du den halt an. Das war schwierig für mich, ich war noch nicht so selbstbewusst wie heute im Umgang damit.

Was war damals Ihre Reaktion?

Ich war 18, 19 Jahre alt und recht aggressiv bei diesem Thema, ein junger, wilder Kerl. Ich habe die Leute angesprochen, die mich angegafft haben. Dass sie vielleicht nur Fragen hatten, hat mich gar nicht interessiert. Als ich gemerkt habe, dass ich viel Gutes damit anrichten kann, über das Thema zu sprechen, war das kein Problem mehr. Heute sehe ich die Blicke gar nicht mehr. Mir fällt es gar nicht mehr auf. Heute bin ich zufrieden, entspannt, kommunikativ. So ergeben sich auch immer wieder nette Gespräche.

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Gab es eine Zeit, in der Sie wütend waren auf Ihr Schicksal?

Überhaupt nicht, ich bin auch nicht auf meinen Kumpel wütend, der das Motorrad gefahren und einen Fehler gemacht hat. In den ersten Monaten hatte ich gar nicht die Energie dafür und unterbewusst habe ich wahrscheinlich gespürt, dass ich meine gesamte Energie für meinen Neustart benötigen werde. Natürlich hatte ich die ersten Wochen die Gedankenschleife „warum sind wir nicht fünf Minuten später losgefahren“. Aber das musst du hinter dir lassen, da trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich habe auch Menschen kennengelernt, die waren 30 Jahre in dieser Schleife gefangen.

Wie reagieren die Menschen eigentlich auf Ihren Namen?

(lacht) Viele fragen mich, ob es ein Künstlername ist. „Haben Sie sich das ausgedacht, weil sie jetzt Rollstuhlfahrer sind?“. Nein, das sollte einfach so sein, bei mir ist der Name einfach noch Programm. Sie merken schon: mit mir kann man viel Spaß haben an so einem Abend, wie dem in Greiz.

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Wie spaßig ist denn die Bezeichnung „der halbe Mann“ gemeint, die Sie nutzen?

So habe ich ja auch mein erstes Buch genannt. Der Begriff bezieht sich ausschließlich auf die Tatsache, dass der Körper nur die Hälfte ist. Ich kann nur nicht mehr laufen, mehr nicht. Ich bin einfach gerne polarisierend und locke die Menschen damit. Das hat für mich auch viel mit Haltung zu tun, einen positiven Blick vorzuleben, fröhlich zu bleiben, hoffnungsvoll zu sein. Ich hoffe dabei immer auf Nachahmer, deshalb mache ich auch weiter so. Etwas anderes kann ich nicht.