19.000 Menschen haben abgestimmt. 65 Prozent von ihnen wären bereit, länger als acht Stunden am Tag zu arbeiten. Eine Stunde Diskussion später sind es plötzlich 30.000 Teilnehmende – und 75 Prozent Zustimmung. Für Sarah Tacke ist damit offenbar klar: Die Bereitschaft, mehr zu arbeiten, sei da.
Das Problem: Es ist gar nicht klar, ob dieselben Menschen zweimal abgestimmt haben. Mehr als 10.000 von ihnen sind schließlich erst später dazugekommen. Trotzdem tut die Sendung so, als habe die Diskussion einen Meinungsumschwung bewirkt. Aus einem Stimmungsbild wird ein Vorher-Nachher-Vergleich, aus zwei unterschiedlichen Teilnehmergruppen eine Erkenntnis. Sozialforschung nach dem Prinzip: Wird schon passen.
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Sarah Tacke verkauft Stimmung als Erkenntnis
Das ist schade, denn Tackes zweite Ausgabe ist deutlich besser als ihre erste. Unter dem Titel „Mehr arbeiten, weniger krank sein – rettet das Deutschland?“ entsteht diesmal tatsächlich das, was man gemeinhin von einer Talkshow erwartet: eine Diskussion. Keine bloße Aneinanderreihung vorbereiteter Statements, sondern Widerspruch, Zustimmung und einige überraschende Allianzen.
Am Tisch sitzen Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen von der CDU, Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow von der Linken, Unternehmerin Christina Böhm und der Grünen-nahe Student und Buchautor Quentin Gärtner. Eine gute Runde, die weniger vorhersehbar diskutiert, als es die Parteibücher vermuten lassen.
Vor allem Ramelow und Madsen stimmen einander erstaunlich häufig zu. Vielleicht auch, weil beide nicht unbedingt als Schablonen ihrer Parteien taugen. Die Deutschen seien nicht faul, Arbeit müsse sich finanziell lohnen, Bürokratie lähme Unternehmen und Verwaltung: Bei den großen Diagnosen liegt die Runde am Ende bemerkenswert nah beieinander.
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Unterschiede gibt es trotzdem. Madsen wirbt mit Blick auf Dänemark für mehr Flexibilität und weniger Kündigungsschutz. Böhm legt noch einen drauf: Schlechte Arbeitsleistung könne sich ein Betrieb auf Dauer nicht leisten. Als Arbeitgeberin sei sie aber ja unter Druck: „Wenn ich meine Leute scheiße behandele, dann sind die weg“, sagt sie mit Verweis auf den Fachkräftemangel.
Ramelow hält dagegen, dass längst nicht alle Beschäftigten in der komfortablen Lage sind, ihrem Arbeitgeber einfach den Rücken zu kehren. Wer Angst vor Arbeitslosigkeit habe, brauche Schutz.
Gärtner, der erst zum letzten Drittel der Sendung dazustößt (das ist dann Konzept der Sendung, auch wenn es sich nicht erschließt), öffnet schließlich den Blick. „Womit verdienen wir in Zukunft unser Geld?“, fragt er. Während die anderen noch Arbeitsstunden, Krankschreibungen und Kündigungsfristen vermessen, spricht er über fehlendes Wagniskapital, abwandernde junge Fachkräfte und Investitionen, die in Schulen, Hochschulen und Brücken nicht ankommen. Die Frage ist eben nicht nur, wie lange Deutschland arbeitet – sondern woran.
„Herr Ramelow, Herr Ramelow, Herr Ramelow“
Tacke schafft für diese Diskussion den Raum. Prägen kann sie sie allerdings kaum. Ihre Fragen geben selten eine neue Richtung vor. Wenn Gäste zu lange reden, setzt sie zum Einhaken an, fällt ihnen ins Wort, hebt die Hand – und lässt sie dann doch weiterreden.
„Herr Ramelow, Herr Ramelow, Herr Ramelow“, versucht sie einmal, den Bundestagsvizepräsidenten einzufangen. Bei Madsen wiederholt sich das Spiel. Tacke signalisiert, dass sie unterbrechen möchte, zieht es aber nicht konsequent durch. Entweder stoppen und eine Antwort einfordern oder laufen lassen. Das permanente Dazwischen erzeugt Reibung, aber keine Führung.

Weniger arbeiten und mehr verdienen?
Besonders deutlich wird das, als Böhm von Mitarbeitern erzählt, die bei 210 bezahlten Stunden weniger netto hätten als bei 190. Tacke widerspricht, wird aber umgehend von ihren Gästen überstimmt. Dabei ist ihr Einwand grundsätzlich berechtigt: Die Steuerklasse ändert sich nicht automatisch aufgrund höherer Arbeitszeit oder eines höheren Monatslohns.
Wegen des progressiven Steuertarifs kann von den zusätzlich verdienten Euros zwar anteilig weniger übrigbleiben – der gesamte Nettolohn sinkt dadurch normalerweise aber nicht. Ob Böhm den Nettostundenlohn, eine besonders ungünstige Monatsabrechnung oder den Wegfall anderer Leistungen meint, bleibt offen. Tacke hätte nachfragen und den Widerspruch auflösen müssen.
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Auch optisch ist die Sendung noch auf der Suche nach sich selbst. Die Gäste sitzen gemeinsam an einem Tisch. Gleichzeitig werden ihre Köpfe immer wieder in Kacheln eingeblendet – wie in einem Teams-Call, zu dem aus unerfindlichen Gründen trotzdem alle ins Büro gekommen sind.
Einen Mehrwert bieten die Kacheln nicht. Im Gegenteil: Bei der Vorstellung ihrer Gäste schaut Tacke in die Kamera, während die anderen scheinbar ins Nichts blicken, weil sie von weiteren Kameras eingefangen werden. Das soll vermutlich modern und nah wirken, sieht aber vor allem nach einer Idee aus, die niemand mehr rechtzeitig aus der Präsentation gelöscht hat.
Trotzdem ist diese zweite Ausgabe ein Fortschritt. Die richtige Runde sitzt am Tisch, die Gäste reagieren aufeinander und ausgerechnet ein Linker und ein CDU-Politiker finden häufiger zusammen als erwartet. Tacke muss nun nur noch lernen, diese Gespräche nicht bloß zu ermöglichen, sondern sie zu führen. Ihre Sendung beweist nicht, dass die Deutschen bereit sind, mehr zu arbeiten. Sie beweist vor allem: Tackes Talk funktioniert besser, sobald ihre Gäste miteinander arbeiten.





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