• Erwin Koschorreck ist 93 und noch ziemlich fit
  • Jeden Tag dreht er im Dorf seine Runden – zu Fuß
  • Für 70 Jahre im Angelverein wurde er kürzlich geehrt

„Was waren die Schleien für Prachtexemplare“, sagt Erwin Koschorreck und schüttelt ein wenig versonnen den Kopf. „Aber die Aale, Karpfen und Hechte waren auch nicht schlecht.“ Einmal sei er beim Angeln in den Tongruben sogar auf ein Auto gestoßen, das die Feuerwehr dann bergen musste, berichtet der betagte Mann aus Gösen. „Das Auto hattest du aber nicht an der Angel“, ruft ein Gast und lacht.

Am 2. September, einem Mittwoch, sitzt man vormittags in trauter Runde im Wohnzimmer von Erwin Koschorreck in Gösen. Es ist sein 93. Geburtstag. Die Familie ist da, alle paar Minuten nimmt die Tochter einen Anruf mit besten Wünschen für den Jubilar entgegen, dem sie das Telefon weiterreicht. Es gibt Saft, Sekt und Häppchen, in der Küche blubbert die Kaffeemaschine.

Goldenes Ehrenzeichen für 70 Jahre Mitgliedschaft

Ulrich Nette und Uwe Langenhahn vom Sportanglerverein Eisenberg / Thüringen und Umgebung sind ebenfalls Gäste. Sie haben nicht nur einen Präsentkorb mitgebracht, sondern eine der höchsten Auszeichnungen des Deutschen Angelfischerverbandes: Das große goldene Ehrenzeichen. Dazu gehört eine Ehrenurkunde für 70 Jahre Mitgliedschaft im Verein. „Das kommt nicht oft vor“, sagt Nette.

Der Sportanglerverein hatte sich im Oktober 1990 aus den ehemaligen Betriebssportgemeinschaften (BSG) der Porzellanwerke, dem Stahlwerk (heute Silbitz Guss) und den Möbelwerken gebildet, erzählt Vereinschef Ulrich Nette. Diverse Ortsvereine wie Bürgel oder Hermsdorf seien später dazugestoßen. Erwin Koschorreck ist seit 1956 dabei, sein besonderes Augenmerk habe stets auf dem Nachwuchs gelegen: „Er hatte über die vielen Jahrzehnte immer ein Auge auf die Gewässer. Besonders am Herzen lag ihm die Fischaufzucht“, sagt Nette anerkennend.

Erwin Koschorreck
Ehrung mit Seltenheitswert: Für 70 Jahre bei den Sportanglern erhielt Erwin Koschorreck (Mitte) von Vereinschef Ulrich Nette (rechts) das große goldene Ehrenzeichen des Deutschen Angelfischerverbandes. Links Uwe Langenhahn. © Funke Medien Thüringen | Jana Scheiding

Gewässer sind heute besser geschützt

Heute sei es schwierig, den Gewässern nahe zu kommen – unter anderem aus Tier- und Naturschutzgründen. Sportangler Uwe Langenhahn erinnert sich: „Früher sind wir mit dem Trabi rund um den Teich gefahren, das geht heute nicht mehr.“ Seit etwa sechs Jahren war Erwin Koschorreck nicht mehr am Wasser. „Wenn man auf die flimmernde Oberfläche schaut, muss man aufpassen, dass man nicht hineinfällt“, schildert er eines seiner letzten Erlebnisse am Gewässer.

Zum Angeln gekommen sei der vierfache Vater – zwei Töchter und zwei Söhne – schon als Kind, berichtet er. Er stamme aus Ostpreußen, da habe man mit Fisch so manches Abendessen gesichert. Mit zwölf Jahren sei er nach Eisenberg gekommen, später siedelte die Familie wegen der Landwirtschaft nach Gösen um. Dort ging der Junge in die Schule. „Ich habe für den Lehrer Holz gehackt, dafür gab es ein paar Pfennige“, sagt der Mann und lächelt.

Tonteich Eisenberg
Domizil am Tonteich in Eisenberg: Das Vereinshaus hat Erwin Koschorreck mit aufgebaut (Archivbild). © Funke Medien Thüringen | Jana Scheiding

Koschorreck: Musste mich zwischen Angeln und Fußball entscheiden

Eine Zeitlang habe er bei einem Goldschmied gearbeitet. „Mein Traum war es, Autoschlosser zu werden.“ Weil sich dieser Wunsch nicht erfüllte, wurde er Schlosser im Hermsdorfer Tonwerk. Als er einmal mit dem Fahrrad über die Autobahn zur Arbeit fuhr, „stoppte mich die Polizei und schickte mich durch den Wald“.

Früher habe Erwin Koschorreck eine zweite Leidenschaft gehabt: Fußball. Sogar Schiedsrichter sei er gewesen. „Als wir von meinen Eltern den Garten übernahmen, weil sie nach Hermsdorf zogen, musste ich mich entscheiden“, sagt er, der damals dem Angelsport den Vorzug gab.

Beim Angeln gab es manche Überraschung

Früher seien die Kinder beim Angeln fast immer mit dabei gewesen, erinnert sich der Jubilar. Dabei habe es manche Überraschung gegeben. „Wir bauten Stege, fielen dabei ins Wasser.“ An einer der Gruben sei sogar eine Hütte entstanden, die aber schon lange nicht mehr existiere. An diese schöne Zeit erinnere er sich oft und gern. Vor allem an die Streiche – als sie einem von ihnen die Mütze an der Angel befestigten und der Kopfschutz dann in hohem Bogen davonflog.

Schöne Geschichten werden an der Kaffeetafel erzählt. Auch weniger schöne, wie die von der Verschmutzung der Gewässer zur DDR-Zeit. Da kann Ulrich Nette mitreden: „Wir wussten immer, welche Farbe die in Weißenfels produzierten Schuhe hatten. Einmal war das Wasser blau, dann wieder braun.“ Der Fisch habe damals zeitweise nach Chemie geschmeckt.

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Jeden Tag was anderes

Alles vorbei. Und heute? Erwin Koschorreck ist noch immer sehr aktiv. „Jeden Tag ist etwas anderes“, erzählt er. Er schaut bei seinem Sohn vorbei, liest die Zeitung, besucht das Grab seiner Frau auf dem Friedhof. „Man muss die Blumen anschneiden, damit sie länger halten“, sagt er. Zwar helfe ihm jemand im Haushalt, doch Wäsche waschen und die Betten machen seien Aufgaben, die er sich nicht nehmen lasse.

Fast jeden Tag läuft der 93-Jährige mindestens eine Runde durchs Dorf. Weil es in seinem Wohnhaus keinen Aufzug gibt, muss er eine ziemlich steile Treppe bewältigen. Ob er keine Angst habe, zu stürzen? „Nein, das macht mir nichts aus. Aber um meine Knie zu schonen, gehe ich auf der Treppe einfach rückwärts.“