Wie kann es sein, dass sich „normale“ Menschen in einem totalitären System an der Ermordung von Tausenden beteiligen? Direkt oder indirekt? Und was folgt aus der Erkenntnis der Nachgeborenen, einen NS-Täter als Großvater zu haben? Diesen, doch sehr persönlichen Fragen geht Lorenz Hemicker in seinem im Frühjahr 2025 erschienenen Buch „Mein Großvater, der Täter“ eindrücklich nach. Am Donnerstag, 9. Oktober, kommt der FAZ-Journalist und Autor nach Weimar und liest: Er schildert dabei seine jahrelange Spurensuche.

Größtes Massaker im Baltikum

Als die SS und ihre Helfer im Herbst 1941 in Rumbula bei Riga mehr als 27.000 Jüdinnen und Juden ermorden, war dies eines der größten Massaker im Baltikum. Ernst, wie Hemicker seinen Großvater im Buch meist nennt und zu dem er eine deutliche Distanz aufbaut, war als Tiefbauingenieur und SS-Offizier eines der Räder in der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten. Er plante die Gruben in Rumbula, in denen die Toten nach der Erschießung namenlos verscharrt wurden. Dies alles blieb weit über 1945 ein Geheimnis von Ernst. Wie viele deutsche Männer, die am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatten, sprach er nie über seine Erlebnisse und schon gar nicht über seine Verstrickungen in den NS-Staat. Als „Mitläufer“ entnazifiziert, lebte er anschließend in der Bundesrepublik ein „normales“ Leben. Erst als die Behörden Mitte der 1960er Jahre auf den einstigen SS-Mann aufmerksam wurden, musste er sich rechtfertigen. Und 1969 platzte die Bombe, als Sohn Peter von den Taten seines Vaters aus einem Brief des Landgerichts Hamburg erfuhr. Er war wegen „Beihilfe zum Mord“ vorgeladen worden. Ernst Hemicker, der 1973 starb, wurde nie für seine Taten belangt oder verurteilt. Dies und das lange Schweigen sollten seinen Sohn Peter bis zu seinem Lebensende beschäftigten – und auch auf Enkel Lorenz Auswirkungen haben. Eigentlich wollte beide gemeinsam mehr über die Rolle von Ernst erfahren, doch starb Peter Hemicker kurz bevor die Recherche sie nach Lettland geführt hätte. Lorenz Hemicker macht alleine weiter und ihn beschäftigt die Frage, was die Täter der NS-Zeit eigentlich antrieb.

Mit Überlebenden des Holocaust getroffen

Bei seiner Recherche zu seinem Großvater traf er sich etwa mit Überlebenden des Holocaust in Lettland und besuchte den Ort des Massakers. Bei seiner Recherche geriet er bisweilen in Sackgassen: So wird die Enttäuschung deutlich, nicht noch mehr Puzzleteile zu den Taten seines Großvaters und zu dessen Werdegang gefunden zu haben. Doch dem Journalisten ist in jahrelanger Arbeit gelungen, viele Dokumente, Berichte und Interviews zusammenzutragen und diese in das vorliegende Buch einfließen zu lassen. Ein wichtiges Werk, gerade in einer Zeit, in denen politisch orchestriert eine „Schlussstrich“-Debatte geführt wird nach dem Motto: „Was haben wir heute Lebenden mit den Taten der Groß- und Urgroßeltern zu tun?“

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Lorenz Hemicker liest am Donnerstag, 9. Oktober, um 20 Uhr aus seinem Buch im Foyer des Deutschen Nationaltheater in Weimar. Die Veranstaltung wird vom Referenten für internationale Kulturpolitik, Kevin Hanschke, moderiert und ist eine Kooperation mit der Kulturdirektion der Stadt Weimar sowie dem DNT.