Für ihr Buch „Die Holländerinnen“ ist Dorothee Elmiger mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Sie erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf mit ihr für die Shortlist Nominierten erhalten jeweils 2500 Euro. Darunter ist Kaleb Erdmann mit „Die Ausweichschule“. Der Autor war elf Jahre alt, als er den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium miterlebte. In „Die Ausweichschule“ geht er mit diesem Ereignis literarisch um.

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Dorothee Elmigers Roman erzählt von einer kollektiven Grenzüberschreitung, irgendwo im Regenwald Südamerikas. Ein namenloser Regisseur lädt Künstler*innen, unter ihnen die Erzählerin, zu einem monströsen Theaterprojekt in ein Resort „zwischen den Wendekreisen“ ein. Gemeinsam soll man den Spuren von zwei Holländerinnen nachgehen, die auf ungeklärte Weise verschwunden sind.
„Je tiefer sie sich im Dickicht und Morast verläuft, desto mehr reißt Elmiger die Leser*innen in einen Sog der Angst. Ihr Roman erzählt von Menschen, die in ihr ‚dunkelstes Gegenteil‘ verfallen“, findet die Jury. „Indirekt ist dabei nicht nur Elmigers Sprache, sondern auch ihr Verweis auf unsere Gegenwart, die Schritt für Schritt in Selbstüberhebung versinkt.“
„Die Holländerinnen“ vielerorts vergriffen – Mehrere Wochen Lieferzeit
Die Lektüre lässt einen nicht mehr los, auch wenn in dem Buch vieles unklar bleibt: Nichts wird zu Ende erzählt, nichts aufgeklärt. Konkret ist nur die Verunsicherung. Die Sprache bildet diesen Grusel perfekt ab: Sätze winden sich wie Schlingpflanzen um eine dunkle Mitte, der Konjunktiv distanziert das Geschehen von der Realität.
„Der Horror liegt naturgemäß außerhalb der Sprache“, schreibt Elmiger, er sei, „wenn man so wolle, ihr Gegenteil“. Das darzustellen, gelingt ihr meisterhaft. Wer das Buch lesen will, könnte derzeit allerdings Pech haben: Der beim Hanser-Verlag erschienene Titel ist vielerorts vergriffen und hat nach Auskunft von Buchhändlern aktuell mitunter mehrere Wochen Lieferzeit.

Erfurter Autor gehörte zu den sechs Nominierten
Der Erfurter Autor Kaleb Erdmann gehörte mit „Die Ausweichschule“ zu den sechs Nominierten. Er erlebte den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium als 11-jähriger, wird mit seinen Mitschülern evakuiert und registriert in den folgenden Wochen die Hilflosigkeit der Erwachsenen im Angesicht dieser Tat. Mehr als zwanzig Jahre später bricht das Ereignis völlig unerwartet erneut in sein Leben ein und löst eine obsessive Beschäftigung mit dem Sujet aus, die in ein Romanprojekt resultieren soll. Aber warum nach so vielen Jahren alte Wunden aufreißen? Hat er ein Recht dazu? Wie verhält es sich mit seinen Erinnerungen, welche Geschichten hat er so häufig erzählt, dass sie wahr wurden?
Aus Sicht der Jury ja. In „Die Ausweichschule“ gelinge es ihm, ohne politische Mission, ohne Sensationslust, mit den Ereignissen literarisch umzugehen: suchend, tastend, selbstironisch. „Die Ausweichschule“ stehe für das Gebäude, in welches die Schülerinnen und Schüler damals umziehen mussten und gleichzeitig für den eigenen sowie den kollektiven Umgang mit dem Geschehen. Erdmanns Balance zwischen Distanz und Annäherung an den Amoklauf überzeuge sprachlich ebenso wie die Beschreibung seiner Suche nach der Verlässlichkeit von Erinnerung. Der Roman sei auch eine Geschichte über das Schreiben und über die Frage, wie man von der Wirklichkeit erzählen kann. Er sei vielschichtig und ehrlich, sein Ton trotz der Schwere des Themas humorvoll, komisch und nicht moralisierend.
el/nb/dpa




