Frauen wurden früher vom Musikerberuf ausgeschlossen und sollten stattdessen „vorteilhaft“ heiraten – doch viele entschieden sich für die Musik. Ihre Lebensgeschichten sind oft filmreif. So zum Beispiel die von Ethel Smyth, eine britische Komponistin, die für ihren Kampf um Anerkennung in der Musikwelt sowie als aktive Suffragette bekannt war und deshalb etwa zwei Monate im Gefängnis saß. Oder Chiquinha Gonzaga, die mit 16 Jahren einen Mann heiratete, der ihr die Musik verbieten wollte. Sie verließ ihn, was zu einer lebenslangen gesellschaftlichen Ächtung führte.

Philharmonisches Orchester des Theater Erfurt spielt Komponistinnen

Ihre Lebensgeschichten drehten sich um die Musik. Um die Komposition. Ebenjene Inhalte, die das Theater Erfurt bei den Konzerten „Starke Frauen – Unerhörte Stimmen“ zum Thema erhebt. Am 9. November um 18 Uhr und 10. November um 10 Uhr lädt das Spielhaus ein, gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester Erfurt unter der Leitung von Generalmusikdirektor Hermes Helfricht auf Klangreise zu gehen. Mit Werken von Fanny Hensel, Lili Boulanger, Augusta Holmès, Rachel Portman und vielen weiteren Komponistinnen aus Europa, Asien und Amerika sind von Klassik bis Filmmusik diverse Genre vertreten.

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Youtube, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Viele dieser Stücke werden laut Theater erstmals in Erfurt aufgeführt und sollen eine ernstgemeinte Einladung sein, Musikgeschichte neu zu hören – und neu zu schreiben. Denn „unerhört“ meint hier beides: zu selten gespielt und zu Unrecht überhört. „Was mich bis heute schmerzt, ist, dass ihre Musik noch immer zu selten gespielt wird“, sagt auch Ioana Petre, die Leiterin des Jungen Theaters.

„Starke Frauen – Unerhörte Stimmen“

Eine von ihr initiierte Konzertreihe für Kinder mit ausschließlich Werken von Komponistinnen wurde zum Aha-Moment. „Uns wurde klar, wie viel großartige Musik von Frauen geschrieben wurde – und wie schwer es diese Frauen damals hatten.“

Theater Erfurt öffnet Ohren für Klangfarben jenseits des Kanons

Petre und ihr Team haben tief gegraben, um ein Programm zusammenzustellen, das nicht nur historische Vielfalt zeigt, sondern auch die Ohren öffnet für Klangfarben jenseits des Kanons. Eines ihrer Herzensprojekte: die brasilianische Komponistin Chiquinha Gonzaga. „Für ihre Stücke habe ich eigens Kontakt zu einem Dirigenten in Brasilien aufgenommen, den ich zufällig auf YouTube entdeckt habe“, erzählt Petre. „So kamen wir an Arrangements, die es in keinem Verlag gibt.“

Auch interessant

Auch für Generalmusikdirektor Hermes Helfricht ist das Ganze mehr als ein Konzert – es ist eine musikalische Spurensuche: Die Aufgabe von Künstlern sei es, die Vielfalt und Tiefe unseres gemeinsamen Erbes sichtbar zu machen, betont er. Und Vielfalt bedeutet in diesem Fall: nicht nur Mendelssohn, sondern auch Fanny Hensel. Nicht nur Debussy, sondern auch Lili Boulanger. „Immer wieder tauchen Werke auf, die neue Perspektiven eröffnen. Solche Projekte wecken Neugier – bei Musikerinnen und Musikern gleichermaßen wie bei Forschenden und beim Publikum.“

Generalmusikdirektor Hermes Helfricht vom Theater Erfurt
Generalmusikdirektor Hermes Helfricht ist auf musikalischer Spurensuche am Theater Erfurt. © Funke Medien Thüringen | Theater Erfurt

Die Bühne wird so auch zum Forschungslabor: „Der Blick in die Geschichte gehört für mich untrennbar zum Dirigieren“, sagt Helfricht. „Neue wissenschaftliche Erkenntnisse können unsere Wahrnehmung vertrauter Werke verändern – und vergessene Stimmen wieder hörbar machen. Der Austausch zwischen Forschung und Interpretation ist somit ein sehr kostbarer.“ Bereits in seiner Zeit am Opernhaus Bonn habe er mit der Reihe FOKUS 33 in Vergessenheit geratene Opern ausgegraben. So kehrten Komponistennamen auf die Bühne zurück, die von der internationalen Fachpresse hochgelobt wurden.

„Musik ist eine Sprache der Empathie und der Vorstellungskraft“

Das Konzert richtet sich besonders an junge Menschen – und soll mehr sein als ein nostalgischer Blick zurück. „Kreativität gehört allen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Stil. Musik ist eine Sprache der Empathie und der Vorstellungskraft“, so Helfricht. Wenn junge Menschen sehen, wie viele dieser Komponistinnen um ihre Sichtbarkeit kämpfen mussten, dann begreifen sie – so hofft der Erfurter Musikdirektor – einmal mehr, wie wertvoll Mut, Neugier und Ausdauer sind. „Die Botschaft lautet: Eure Stimme zählt – und Kunst lebt davon, dass sie gehört wird.“

Auch interessant

Und ja, solche Abende braucht es noch, meint der Dirigent. Denn sie seien Ausdruck einer gewachsenen Kulturgeschichte, in der bestimmte Perspektiven zu lange im Schatten standen. Doch er sieht Bewegung in den Konzertspielplänen vieler Orchester und Opernhäuser. Es seien inzwischen immer mehr Werke von Komponistinnen zu finden. Das Repertoire vergrößere sich stetig und werde vielfältiger. Entscheidend sei, dass das keine symbolische Geste bleibe, denn: „jede dieser Stimmen erweitert unseren musikalischen Erfahrungshorizont“.

Unerhörte Stimmen: Erfurt lässt vergessene Komponistinnen erklingen

Ob sich weibliche Kompositionsstile überhaupt unterscheiden lassen, beantwortet Helfricht mit Vorsicht: „Es wäre zu einfach, sie nur im Gegensatz zu männlichen Komponisten zu sehen“, erklärt er. „Auffällig ist weniger ein ‚weiblicher‘ Stil als vielmehr eine Feinheit im Ausdruck sowie ein anderer Blick auf Struktur und Emotion.“ Fanny Hensel und Lili Boulanger mussten laut Helfricht Grenzen überwinden – „und dennoch haben sie eine unverwechselbare künstlerische Stimme gefunden. Ihre Musik ist zutiefst individuell und spiegelt komplexe Lebenswelten wider.“

Sonntag

Der Gute Woche-Newsletter

Alles Gute aus Thüringen in einem Newsletter - jede Woche gute Nachrichten

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Und das Publikum in Erfurt soll das nicht nur verstehen, sondern live genießen. Denn Bewusstsein entstehe doch erstaunlich oft durch pures Erleben und nicht durch Argumente. „Wenn Menschen diese Musik hören und spüren, wie kraftvoll und berührend sie ist, verändert das etwas“, sagt der Generalmusikdirektor.

Generalmusikdirektor Hermes Helfricht vom Theater Erfurt
Generalmusikdirektor Hermes Helfricht ist auf musikalischer Spurensuche am Theater Erfurt. © Funke Medien Thüringen | Theater Erfurt

Das Konzert soll dabei kein isoliertes Ereignis sein. Schon in der nächsten Saison will das Theater Erfurt das Thema fortsetzen. „Wir haben unsere Sinfoniekonzertreihe in der Saison 2025/26 mit einem Werk der südkoreanischen Komponistin Unsuk Chin begonnen“, berichtet Helfricht. Auch Werke von Kaija Saariaho, Camille Pépin und Ľubica Čekovská stünden auf dem Spielplan. Das Sonderkonzert soll also Teil eines größeren Ganzen verstanden werden – „nicht nur, weil sie von Frauen stammen, sondern vor allem, weil sie künstlerisch überzeugen.“

„Veränderung beginnt oft als Bewegung und wird dann strukturell“

Ob Trend oder echte Veränderung? Helfricht bleibt realistisch: „Veränderung beginnt oft als Bewegung und wird dann strukturell, wenn sie mit echter Überzeugung gelebt wird. Für uns ist das Konzert kein modisches Statement, sondern ein langfristiges Bekenntnis zu einem reicheren künstlerischen Miteinander. Vielfalt ist kein Selbstzweck – sie erweitert unsere Klangwelten, die Geschichten, welche wir erzählen und die Perspektiven, aus denen wir sie erzählen.“

Auch interessant

Auch im Theater selbst sei Gleichberechtigung kein Lippenbekenntnis, sondern tägliche Praxis. Geschlechtergerechtigkeit seien ein fortlaufender Prozess, betont er. Das betreffe nicht nur die Programme, sondern auch Besetzungen und Teams. „Als städtischer Eigenbetrieb verstehen wir Gleichberechtigung zudem als Teil unserer Verantwortung und Entwicklungskultur, wobei uns bewusst ist, dass Veränderung in einem historisch männlich geprägten Feld Zeit und konsequente Arbeit erfordert.“

So bleibt „Starke Frauen – Unerhörte Stimmen“ mehr als nur ein Konzerttitel. Es ist ein klingendes Statement, ein Aufruf, genauer hinzuhören – und ein Erlebnis, bei dem aus „unerhört“ endlich „gehört“ wird.