Als Weimar im November 1993 zur Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 1999 ernannt wurde, war der Jubel in der Stadt groß. Auch die TLZ stimmte in die Freude über die hohe Auszeichnung durch den Kulturrat der EU ein.

Bürger und TLZ verhindern mögliche Rückgabe des Kulturstadt-Titels

Jetzt, so dachte man, werden Ideen gesammelt und die Ärmel hochgekrempelt. Nur wird alles getan, um ein schlagkräftiges Programm auf die Beine zu stellen. Aber es kam zunächst ganz anders. Nach der Anfangseuphorie und einem Wechsel an der Stadtspitze folgte – wie fast immer in Deutschland – die Phase der bürokratischen Lähmung. Papiere wurden erstellt, Diskussionsrunden fanden statt – Ergebnisse aber blieben aus. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Weimar Mitte der 90er Jahre finanziell einfach aus dem letzten Loch pfiff. Die Stadt musste sogar einen vom Land eingesetzten Sparkommissar über sich ergehen lassen. Und als gar nichts mehr ging, soll sogar im Rathaus erwogen worden sein, den Kulturstadt-Titel zurückzugeben.

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Bürgerschaft startet Initiative für Weimars Kulturstadtjahr

Das war die Stunde der TLZ und die Stunde der Weimarer Kulturbürger. Nein, diese Schmach wollte die überwiegende Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger nicht auf sich sitzen lassen. Und die TLZ war als Weimarer Zeitung diejenige, die unter dem damaligen Chefredakteur Hans Hoffmeister die Initiative ergriff. „Kulturstadt mit uns“ hieß die Unterschriftenaktion, die in der Zeitung gestartet wurde und in der Stadt eine Riesenresonanz fand. Etwa 3000 Unterschriften, die innerhalb kürzester Zeit auf die Redaktionstische flatterten, bestärkten die Redaktion in ihrem Vorhaben, jetzt die Initiative zu ergreifen und durch bürgerschaftliches Engagement den Bürokraten in Stadt und Land zu zeigen, was eine engagierte Bürgerschaft auf die Beine stellen kann.

Im Herbst 1995 fand die Gründungsversammlung des Bürgervereins „Freundeskreis Weimar 99“ statt, eines Zusammenschlusses von engagierten Menschen aus der ganzen Region Weimar, der es sich zur Aufgabe machte, die Weimarer zu mobilisieren und damit auch Stadt und Land unter Druck zu setzen, ihre Lethargie in Sachen Kulturstadtjahr endlich zu beenden. Mit im Boot war von Anfang an Jenoptik-Chef Lothar Späth, der die Chancen, die das Kulturstadtjahr für ganz Thüringen bot, sofort erkannte. „Es brach eine Art Fieber aus, ein Begeisterungstaumel – und der Druck, es zu schaffen“, erinnerte sich Hans Hoffmeister im Jahr 2010 an diese aufwühlenden Jahre für Weimar und die TLZ.

Weimarer Gespräch
Weimarer Gespräch mit Iris Berben, Christian Wulff und Bernd Kauffmann im Hotel Elephant.© Maik Schuck

Freundeskreis prägt mit Ideen das Kulturstadtjahr nachhaltig

Bis zu 400 Mitglieder umfasste der Verein zu seinen Hochzeiten. Und die TLZ erhielt den Druck permanent aufrecht. Die Leserinnen und Leser wurden aufgefordert, ihre Projektideen für ein bürgernahes Kulturstadtjahr zu benennen. Mehr als 70 Vorschläge gingen ein, davon einige, die sich bis heute über die Jahrzehnte hinweg erhalten haben – wie etwa der Weimarer Blumenmarkt. Der Freundeskreis engagierte sich bei der Rekonstruktion der Herder-Orgel oder machte sich für eine Jugendbegegnung zwischen jungen Menschen aus Weimar und Tel Aviv stark. Auch nach dem sehr erfolgreichen Kulturstadtjahr gingen viele Initiativen auf Anregungen des Freundeskreises zurück, so etwa der Umzug der Doublette des Goethe-Gartenhauses von Weimar nach Bad Sulza.

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Fazit: Es war der Freundeskreis Weimar 99, der den Gedanken des Kulturstadtjahres in der Bevölkerung der Region fest verankerte und so seinen erheblichen Anteil am Erfolg des Jahres hatte.