Ein seltener Glücksfall: ein Projekt der Umbruchjahre 1989/90, das nicht nur bis heute existiert, sondern zu einer verlässlichen Größe geworden ist. So ein Projekt ist das Erfurter Frauenzentrum „Brennessel“. Einst als „Autonome Brennessel“ gegründet, arbeitet „Brennessel. Zentrum gegen Gewalt an Frauen“ heute professionell und bleibt dem Ziel treu, Frauen zu verbinden und zu stärken.

Vielfältige Sprachförderung bringt Frauen zusammen

Ende April 2025: Uta Reber, Mitarbeiterin seit 25 Jahren, begrüßt mich an der Tür. Augen und Haare leuchten. Zeit hat sie keine, sondern eilt hin und her, nach draußen, wieder herein. Doch im geräumigen Entree, zwischen Tisch und Telefon, Infomaterial und Bücherregalen stehe ich nicht lang herum. Heidemarie trifft ein, die den Deutschkurs für Nicht-Muttersprachlerinnen leitet. Die Teilnehmerinnen kommen aus der Türkei, aus Afghanistan, der Elfenbeinküste, Polen... Ihre Vorkenntnisse sind unterschiedlich. Das macht nichts, denn hier geht es ums Ankommen, ums Sprechen im Alltag, um Normalität. Eine bleibt nur kurz, weil ein Behördentermin drängt, eine möchte nachher noch eine Frage stellen, eine stillt ihr Kind. Gesprächsanlässe ergeben sich wie von selbst: „Was hat sie gemacht?“ – „Sie hat dem Kind zu trinken gegeben.“ Heidemarie ist Rentnerin, unterrichtet zwei Doppelstunden pro Woche für eine kleine Übungsleiterpauschale, betreut zusätzlich das Sprachcafé. Und jetzt beginnt gleich das Rückentraining – da nimmt sie selbst teil.

Florentine Schmidt, der jüngsten der drei Hauptamtlichen, die sich zwei Stellen teilen, studierte in Erfurt Erziehungswissenschaften. Sie blieb nach einem Praktikum ehrenamtlich dabei. Nun ist sie für Kultur und Bildung verantwortlich, für Workshops, Anti-Diskriminierungsarbeit, Gewalt-Prävention. „Mit unserem Angebot erreichen wir viele, von der Akademikerin bis zu der Frau, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist und die noch kaum Deutsch spricht.“

Selbstbehauptung stärken ist Teil der Prävention

Prävention, erklärt Florentine, bedeute, Betroffene zu stärken. Frauen sollen befähigt werden, bedrohliche Situationen rechtzeitig zu erkennen, und wissen, wohin sie sich wenden können. Gerade wurde das Bildungs- und Präventionsprojekt PRIA für zwei Jahre von einer Stiftung gefördert. Zielgruppen des PRIA-Selbstbehauptungstrainings sind Kinder und Jugendliche, Studierende und Erwachsene im Kontext ihrer Berufstätigkeit sowie Frauen mit Behinderungen. Sozialarbeiterinnen können sich zu Gewaltschutz-Konzepten fortbilden. „Das Bewusstsein ist gewachsen“, sagt Florentine und schiebt nach: „Hoffe ich.“ Denn Gegner der Geschlechtergerechtigkeit, vor allem „Incels“, unfreiwillig als Single lebende Männer, die sich politisch rechtsaußen orientieren, machen Stimmung gegen Frauen.

Sonntag

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Florentine nennt die „Brennessel“ einen „Arbeitsort, den findest du so nicht nochmal. Ich habe keinen Chef, arbeite nicht in einem klassischen Lohnarbeitsverhältnis, sondern mich umgibt eine Gruppe von Frauen mit Ansprüchen. Sie setzen großes Vertrauen in mich!“

Am Vormittag war Madlen Merten auf dem Sprung zu einem Gerichtsprozess, der eine Klientin betraf. Jetzt sitzen wir in einem der Zimmer, wo sonst beraten wird – anonym, vertraulich, kostenfrei. Über die Frau, die sie begleitete, gibt Madlen deshalb nichts preis, dafür etwas von sich selbst: „Ruhig dabei sein, stärken, das kann ich gut.“ Sie arbeitet als Traumaberaterin mit Frauen, die mit Folgen von „häuslicher Gewalt“, von Inzest, sexualisierter Gewalt, Vergewaltigung oder Stalking leben.

Anlaufstelle bietet Alltagshilfe und Raum für Gespräche

Oft entkommen Frauen der Gewalt zunächst mit einem Aufenthalt im Frauenhaus. Nach dieser Zeit aber: Wie weiterleben? Traumaberatung, wie Madlen und Uta sie anbieten, sei keine Therapie, eher Begleitung im Alltag. „Aber wenn Frauen über das Erlebte sprechen wollen, ist Raum dafür.“ Madlen meint „Viele sagen: Ihr seid längst gleichberechtigt, wo ist das Problem? Wir sehen hier jeden Tag, wo das Problem ist! Und wir tragen dazu bei, dass Frauen mehr Gerechtigkeit erleben, dass sie sich gesehen und ernstgenommen fühlen.“ Als hinter einer Wand lautes Lachen klingt, fügt sie hinzu: „Spaß haben wir auch.“

In der „Brennessel“ herrscht ständiges Kommen und Gehen. Am Vormittag blieben die Frauen aus dem Gymnastikkurs länger, um über gesunde Ernährung zu sprechen. Frauen kommen herein, finden Rat oder erfahren, wohin sie sich wenden können. Für tiefere Gespräche werden Termine vereinbart. Gerade eilt Uta wieder vorbei. Im Flur stehen jetzt dicke Säcke mit Kleiderspenden. Viele Klientinnen können Kleidung gebrauchen, aber sieben Säcke? Wohin damit? Die darüber nachdenkt, ist Frauke. Frauke räumt auch auf, scannt Papiere ein, saugt durch. Sie lernte die „Brennessel“ bei Veranstaltungen kennen, half spontan bei einem englischsprachigen Vortrag zu übersetzen. Sie mag hier die Freundlichkeit, die wertschätzende Atmosphäre.

Am Nachmittag endlich hat Uta Zeit, zu erzählen, was ansteht: wieder ein Umzug. Die „Brennessel“ und die Fachberatungsstelle „allerd!ngs“, die Sexarbeiter:innen unterstützt und von Brennessel e.V. getragen wird, werden im November 2025 zusammenziehen. Ihr Miteinander kam ursprünglich durch die Beratung zu Themen wie Arbeitsrecht und Gewaltprävention zustande.

Brennessel will Finanzierung sichern und Angebote ausbauen

Finanziert wird die „Brennessel“ hauptsächlich von der Stadt. Die Zusammenarbeit mit der Verwaltung stehe auf „konstruktiver Basis“; Oberbürgermeister Andreas Horn sei als Anwalt selbst im Gewaltschutz erfahren. Nur: „Wir wären gern großzügiger“. Die Frauen möchten eine zweite Übungsleiterpauschale finanzieren können, vor allem aber PRIA verstetigen. Denn so wunderbar eine befristete Finanzierung aus Stiftungsgeldern ist, Gewaltprävention wird nach zwei Jahren selbst der allerkonstruktivsten Arbeit nicht überflüssig.

„Das Wichtigste im Leben ist, anzuerkennen, dass nichts bleibt, wie es ist“, sagt Uta. Stimmt. Aber auch, was Florentine sagt, stimmt: „In dem Jahr, in dem ich geboren wurde, hat Uta in der Brennessel angefangen.“ Beweglichkeit und Beharrungsvermögen sind es, zusammengenommen, mit denen das Projekt „Brennessel“ weiter wächst.

Brennnessel
Der Verein Brennnessel besteht seit 35 Jahren und ist mittlerweile umgezogen. Die Räumlichkeiten befinden sich nun in der Walkmühlstraße 1a in Erfurt.© Lea Dröge | Lea Dröge
Ulrike Gramann
Die Schriftstellerin Ulrike Gramann, Jahrgang 1961, lebt als freie Schriftstellerin und Lektorin in Berlin. Mehr zu ihr gibt es unter https://www.poliander.de© Ulrike Gramann / privat | Ulrike Gramann / privat

Zur Serie

2025 bat der Thüringer Literaturrat 18 Autorinnen und Autoren, für die Reihe „Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft“ über Personen oder Situationen zu schreiben, die mitten in unserer Gesellschaft stehen und doch nicht immer im Mittelpunkt.

Die Thüringische Landeszeitung veröffentlicht diese Texte jetzt in gekürzter Form. Die vollständigen Fassungen lassen sich auf www.literaturland-thueringen.de nachlesen.

Die TLZ dankt dem Thüringer Literaturrat für die gute Zuarbeit – und allen Mitwirkenden für ihre Arbeit und ihr Vertrauen. Der Thüringer Literaturrat dankt der Kulturstiftung Thüringen für die Förderung des Projekts.