„One Battle After Another“ ist der große Gewinner bei der 98. Oscar-Verleihung. Gleich sechs Trophäen konnte Paul Thomas Andersons Politthriller einstreichen. Und Anderson, der schon elfmal nominiert, aber bislang immer leer ausgegangen war, durfte gleich dreimal aufs Siegertreppchen: für das Beste adaptierte Drehbuch, für die Regie – und den Besten Film. Seine „Battle“ ist der Film zur Stunde, handelt er doch von linken US-Aktivisten, angeführt von selbstbewussten Schwarzen Frauen auf der einen und ultrakonservativen Rednecks auf der anderen Seite – und spiegelt damit die Gespaltenen Staaten von Trumps Amerika. Es ist nicht nur der Beste Film des Jahres, damit gaben die 11.000 Mitglieder von Hollywoods Filmakademie, die über die Oscars abstimmen, auch ein klares Statement ab. Wenngleich der Abend von politischen Tönen sonst weitgehend frei blieb.
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„Blood & Sinners“ ist der zweite große Gewinner des Abends. Und doch irgendwie auch ein Verlierer. Der schräge Historienfilm, ein Rachefilm auf den Rassismus der 30er-Jahre mit den Mitteln des Vampirkinos, war 16-mal nominiert, so häufig wie noch kein Film zuvor. Damit wurde, nach dem #OscarsSoWhite-Skandal vor einigen Jahren, einmal mehr ein Zeichen für mehr Vielfalt und Diversität gesetzt. Aber das hatte vor allem Symbolcharakter. Und schlug sich nicht bei der Preisvergabe nieder.
Ein ganzer und ein halber Gewinner – und ein großer Verlierer
Ein bisschen Geschichte wurde dennoch geschrieben: Die Schwarze Autumn Durald Arkapaw wurde als erste Frau überhaupt für die beste Kameraführung ausgezeichnet, „Sinners“-Regisseur Ryan Coogler gewann erst als zweiter Schwarzer in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch. Und am Ende stach Michael B. Jordan, der in „Sinners“ eine Zwillingsdoppelrolle spielte, überraschend Leonardo DiCaprio (für „One Battle“) als auch Timothée Chalamet (für „Marty Supreme“) aus. Und ist damit erst der siebte Schwarze in der fast 100-jährigen Oscar-Geschichte, der als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde.

Der wahre Verlierer des Abends aber ist „Marty Supreme“, der neunmal nominiert war und nicht einmal reüssieren konnte. Was wohl auch an Hauptdarsteller Timothée Chalamet liegen dürfte, der kurz vor dem Abstimmungsende mit überheblichen Kommentaren zu Oper und Ballett einen weltweiten Shitstorm kassierte. Und dafür auch im Saal von Moderator Conan O’Brien aufgezogen wurde. Die Horrorneuverfilmung „Frankenstein“, ebenfalls neunmal nominiert, kam immerhin auf drei Trophäen, erwartbar in den Kategorien Maske, Kostüme und Szenenbild.
Das norwegische Vater-Tochter-Drama „Sentimental Value“, ebenfalls in der Neuner-Runde, wurde immerhin als Bester Auslands-Film gekürt. Worüber sich auch Deutschland mitfreuen darf, weil er vom Medienboard Berlin-Brandenburg mitfinanziert wurde. Das Shakespeare-Drama „Hamnet“, achtmal nominiert, reüssierte nur einmal. In der vorletzten Kategorie des Abends, der Besten Hauptdarstellerin. Völlig verdient und für niemanden überraschend, ausgenommen von der Preisträgerin Jessie Buckley selbst, die vor Nervosität einen Lachanfall bekam.
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Erstmals wurde ein Oscar fürs Beste Casting verliehen. Der ging an „One Battle After Another“. Umso erstaunlicher, dass aus diesem Film nur Sean Penn als Bester Nebendarsteller gewann – der die Verleihung schwänzte, weil er sich derzeit in Europa aufhält. Als Beste Nebendarstellerin, die erste Kategorie des Abends, wurde aber weder Teyana Taylor für „Battle“ noch Wunmi Mosaku für „Sinners“ geehrt, sondern überraschend Amy Madigan für „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“. Schade: Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, eine Schwarze Schauspielerin zu honorieren.
Kuriositäten am Rande: Erst zum siebten Mal in der Geschichte des Oscars wurde ein Preis doppelt vergeben: für den Besten Kurzfilm. Erstmals ging ein Oscar nach Norwegen, und es gab nicht nur norwegische Dankesworte, sondern auch koreanische, russische – und gälische, von der Irin Jessie Buckley. Die Galashow im Dolby Theatre wurde nach Überlängerekorden der Vorjahre sichtlich abgespeckt, so gab es etwa nur zwei Performances von fünf nominierten Filmsongs. Bei den Gedenkminuten für die Toten des Jahres gab es dagegen seltsamerweise drei lange Hervorhebungen, bei Rob Reiner, Diane Keaton und Robert Redford, was Hollywood irgendwie zu einer Zweiklassengesellschaft macht.

Der Comedian O’Brien, der die Gala zum zweiten Mal moderierte, machte einen bravourösen Auftakt, als er, in der schrägen Aufmachung von Amy Madigan aus „Weapons“, von Schülern verfolgt durch einige der nominierten Filme und am Ende so auch auf die Bühne hetzte. Und dann machte er gleich einen Peniswitz über Donald Trump: „Wir melden uns live aus dem Hat-einen-kleinen-Penis-Theater. Mal sehen, ob er davor seinen Namen setzt.“ Ansonsten beließ er es aber bei kleinen Seitenhieben auf die KI, überspielte gnädig technische Pannen – und überließ die letzten Momente nicht wie üblich dem Siegerfilm, sondern musste sich noch mal selbstironisch in Szene setzen. Das wirkte eitel und ging auf Kosten des Siegers.
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Sehr viel frecher zeigte sich da Jimmy Kimmel, der vor ihm die Oscars moderiert hat und diesmal die Dokumentarfilm-Kategorien präsentierte. Kimmel meinte süffisant: „Wie Sie wissen, gibt es einige Länder, deren Führung die Meinungsfreiheit nicht unterstützt. Es steht mir nicht frei zu sagen, um welche es sich handelt. Belassen wir es einfach bei Nordkorea und CBS.“ Ein Seitenhieb auf den US-Sender, der seit der Übernahme durch den Tech-Milliardär Larry Ellison deutlich trumpfreundlichere Töne anschlägt.

Außerdem lobte Kimmel Dokumentarfilmer, die ihr Leben riskieren, um die Wahrheit zu erzählen und Ungerechtigkeit anzuprangern. Und fügte süffisant hinzu: „Es gibt auch Dokumentarfilme, in denen man im Weißen Haus herumläuft und Schuhe anprobiert.“ Eine Klatsche für „Melania“, die Doku über Trumps Frau, die im Kino komplett baden ging. Kimmel ätzte auch direkt gegen den Präsidenten, ohne seinen Namen in den Mund zu nehmen: „Oh Mann, er wird sauer sein, seine Frau wurde nicht nominiert.“
Nur wenige, aber prägnante politische Statements
Das sind erste kritische Worte, nachdem die Filmbranche nach der Wiederwahl Trumps bei der letzten Oscar-Verleihung noch in Schockstarre verfallen schien. Aber von den Stars kamen kaum Statements. Die gab nur Javier Bardem, als Präsentator des Auslandsfilms, der knapp postulierte: „Keine Kriege mehr. Und Freiheit für Palästina.“ Wofür es Applaus aus dem Auditorium gab. Politische Statements von Preisträgern fielen nur bei den Dokumentarfilmen.

Bei der Kurzdoku „All die leeren Zimmer“ über Amokläufe an US-Schulen kam auch eine Mutter auf die Bühne, deren neunjährige Tochter bei einem Schulmassaker ums Leben kam. „Waffengewalt ist mittlerweile die häufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen“, sagte sie. „Wir glauben, wenn die Welt ihre leeren Schlafzimmer sehen könnte, wären wir ein anderes Amerika.“ Als Langdoku gewann „Ein Nobody gegen Putin“, der von dem russischen Putin-Gegner Pawel Talankin handelt. Der kam mit auf die Bühne und appellierte: „Im Namen der Zukunft und unser aller Kinder: Beendet all diese Kriege jetzt.“
Mit der Preisvergabe in diesem Jahr darf man zufrieden sein, die Show war dagegen allzu glatt. Überraschungen, Pannen und emotionale Momente, wie man sie bei Live-Übertragungen erwartet, blieben weitgehend aus. Ob man damit die viel beschworene Jugend für die Oscars und das Kino im Allgemeinen gewinnen kann, wie vielfach beschworen wurde, darf bezweifelt werden.
Alle Preise im Überblick
Bester Film: „One Battle After Another“.
Regie: Paul Thomas Anderson für „One Battle After Another“.
Hauptdarstellerin: Jessie Buckley für „Hamnet“.
Hauptdarsteller: Michael B. Jordan für „Blood & Sinners“.
Nebendarstellerin: Amy Madigan für „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“.
Nebendarsteller: Sean Penn für „One Battle After Another“.
Originaldrehbuch: Ryan Coogler für „Blood & Sinners“.
Adaptiertes Drehbuch: Paul Thomas Anderson für „One Battle After Another“.
Internationaler Spielfilm: „Sentimental Value“ (Norwegen).
Kamera: Autumn Durald Arkapaw für „Blood & Sinners“.
Schnitt: Andy Jurgensen für „One Battle After Another“.
Filmmusik: Ludwig Göransson für „Blood & Sinners“.
Filmsong: „Golden“ aus „KPop Demon Hunters“.
Casting: Cassandra Kulukundis für „One Battle After Another“.
Szenenbild: Tamara Deverell und Shane Vieau für „Frankenstein“.
Kostümbild: Kate Hawley für „Frankenstein“.
Ton: Gareth John, Al Nelson, Juan Peralta, Gary A. Rizzo, Gwendolyn Yates Whittle für „F1“.
Visuelle Effekte: Richard Baneham, Daniel Barrett, Joe Letteri, Eric Saindon für „Avatar: Fire and Ash“.
Animationsfilm: „KPop Demon Hunters“.
Dokumentarfilm: „Ein Nobody gegen Putin“.
Dokumentar-Kurzfilm: „All die leeren Zimmer“.
Kurzfilm: „The Singers“ sowie „Deux personnes échangeant de la salive“.
Animierter Kurzfilm: „Das Mädchen, das Perlen weinte“.





