Andreas Schultze, 47 Jahre alt, Jugendsozialarbeiter beim Kreisjugendring Gotha, begrüßt mich vor seinem Haus in Bad Tabarz. Wir kennen uns durch gemeinsames Wirken in einer Schul-AG.

Sonntag

Der Gute Woche-Newsletter

Alles Gute aus Thüringen in einem Newsletter - jede Woche gute Nachrichten

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Bud Spencer war nie in Tabarz gewesen und auch Jim Morrison, Frontmann der Kultband The Doors, hat unseren Ort niemals betreten – doch auf geheimnisvolle Weise sind beide anwesend: der eine durch die Ähnlichkeit mit meinem Gastgeber, der andere durch seine Songs: … the old get old, and the young get stronger . . .

Musik statt Schulbücher: Wie die Doors inspirierten

Andreas wurde 1977 in Friedrichroda geboren. Sein Vater war Küchenleiter im FDGB-Heim „Parkterrasse“ in Fischbach, die Mutter Verkäuferin in Tabarz.

1990 wurde der Junge 13 Jahre alt. Pubertät: Wende im persönlichen Leben inmitten der gesellschaftlichen. „Bücher habe ich nie freiwillig gelesen. Ich war auch kein guter Schüler. Kumpels, Freundin und Moped waren mir wichtiger. In der 8. Klasse entdeckte ich die Doors. Viele meiner Freunde hörten andere Musik, doch Jim Morrison war sofort mein Idol.“ You know that it would be untrue, you know that it would be a liar … „Seine Songs mag ich noch heute. Ob sein Tod ein Grund war, weshalb ich illegale Drogen hasse? Möglich. Suchtprävention ist mir sehr wichtig. Ich hoffe, dass der körperliche Verfall Gleichaltriger die jungen Zuhörer abschreckt, dieses Teufelszeug zu konsumieren.“

Vom Handwerker zum engagierten Jugendsozialarbeiter

1995: Abschluss 10. Klasse, danach Lehre als Heizungs- und Lüftungsbauer – ebenfalls erfolgreich abgeschlossen. Inzwischen war Andreas von Fischbach nach Tabarz gezogen – in das Haus, das er von den Großeltern kaufte. „Mein Großvater war im Ort als Gurken-Ede bekannt. Ich hatte meine Probleme mit ihm, konnte ihm selten etwas recht machen. Großmutter war die gute Seele.“ 1997 arbeitete Andreas bereits ehrenamtlich im Jugendclub der AWO in Tabarz. Der Einstieg in die neue Tätigkeit? Ja. „Die Kinder kamen gern. Zu Hause gab’s oft Stress mit ihren arbeitslosen Eltern.“

Seit April 1999 ist Andreas Jugendsozialarbeiter im Kreisjugendring Gotha. Einem zweijährigen berufsbegleitenden Studium an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena folgten sozialpädagogische Lehrgänge am Thüringer Institut für Lehrerfortbildung in Bad Berka. Der Kreisjugendring ist als eingetragener Verein gemeinnützig; die Kosten für Mitarbeiter werden vom Land Thüringen, vom Kreis Gotha und von den Städten beziehungsweise Gemeinden anteilig finanziell getragen.

„Anfangs betreute ich circa 20 Kinder, täglich. Hausaufgaben, Spiele, gemeinsames Kochen. 2003 übernahm ich zusätzlich zu Tabarz noch die Jugendarbeit in der damaligen Einheitsgemeinde Emsetal. Die Clubräume in den vier Gemeinden renovierten die Kinder selbst. Gemeinsames Arbeiten schweißt zusammen. Unterschiedliche Charaktere und Talente können sich entfalten. Ab 2006 führten wir Ferienfreizeiten mit Kindern der Partnergemeinde Hucqueliers in Nordfrankreich durch. Für alle waren die Begegnungen mit Menschen anderer Mentalität und Sprache bereichernd. Unsere Paris-Besuche sind mir noch heute gegenwärtig.“

Kommunikation als Grundpfeiler gelingender Jugendarbeit

Seit April 2021 ist Andreas wieder ausschließlich für die Kinder- und Jugendarbeit in Bad Tabarz zuständig, organisiert Ferienlager, Spiel- und Kurzfreizeiten, entwickelt Projekte zur Jugendbildung und gewinnt kompetente Partner dafür. „Ohne Schulterschluss mit den Eltern, dem Jugendamt, der Schule, der Gemeindeverwaltung und dem Bürgermeister funktioniert nichts.“ Bildungsfahrten sind ein Schwerpunkt der Jugendarbeit, fördern Teambildung und Empathie. „Auschwitz, Oświęcim – Ort des Grauens. Für über eine Million Juden war dieser Ort Endstation. Das ist schwer zu begreifen. Mädchen reden über ihre Gefühle, Jungen fällt es schwerer. Man kann aber auch schweigend kommunizieren.“ Kommunikation ist mein Stichwort: „Sie sei der Kitt unsrer Gesellschaft. Wie siehst du das, Andreas?“

Nicht kommunizieren geht nicht. „Mimik, Gestik, Hände, Füße – wir kommunizieren mit unserer ganzen Erscheinung. Hören wir nicht mehr zu oder schreien uns nieder, ist der Frieden in der Gesellschaft tatsächlich in Gefahr.“

Schüleraustausch mit Abstecher in Paris erhofft

Mir schwirren Fragen durch den Kopf: Wahrheit? Wahrhaftigkeit? Standpunkt oder Haltung? Vorbildfunktion Erwachsener? Doch statt zu fragen, höre ich mich sagen: „Jim Morrison singt von Liebe, vom Rausch, aber er singt auch von Gewalt.“ Mein Gegenüber lächelt: „Er singt von Aggressionen. Die sind noch keine Gewalt, wenn es gelingt, Frust und Wut friedlich abzubauen. Sport ist eine Möglichkeit – das körperliche Auspowern. Danach lässt sich entspannt reden.“ Die Zeit ist um und wir haben noch nicht über Mobbing und Handy-Zeiten gesprochen.

„Was ist das Ziel deiner Arbeit mit den Kindern – was willst du erreichen?“ Das frage ich. „Die Kinder sollen den Mut entwickeln, zu sagen, was sie denken und fühlen. Keine Angst vor Meinungsstreit! Wir Erwachsenen sind da oft schlechte Vorbilder, behaupten zwar, aus unsrer Geschichte zu lernen, ändern jedoch Fakten, wenn sie uns nicht mehr ins Weltbild passen. Wir korrigieren quasi die Vergangenheit rückwirkend aus der Zukunft. Darüber sollten wir nachdenken. Und dann wünsche ich mir noch, dass wir Tabarzer es schaffen, den Schüleraustausch mit unsrer Partnerstadt Vrigne-aux-Bois so zu entwickeln, dass wieder mal ein Trip nach Paris ansteht. Dann will ich auf den Père Lachaise pilgern, zum Grab von Jim Morrison. Vielleicht begleiten mich ein paar Jugendliche.“ Schmunzelnd verabschieden wir uns.

Bernd Ritter
Der Schriftsteller Bernd Ritter, Jahrgang 1954, ist Mitglied im VS Thüringen und lebt in Bad Tabarz (Kreis Gotha). Mehr zu ihm gibt es unter www.berndritter-autor.de© Bernd Ritter/privat | Bernd Ritter/privat

Zur Reihe „Mittendrin“

2025 bat der Thüringer Literaturrat 18 Autorinnen und Autoren, für die Reihe „Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft“ über Personen oder Situationen zu schreiben, die mitten in unserer Gesellschaft stehen und doch nicht immer im Mittelpunkt.

Die Thüringische Landeszeitung veröffentlicht diese Texte jetzt in gekürzter Form. Die vollständigen Fassungen lassen sich auf www.literaturland-thueringen.de nachlesen.

Die TLZ dankt dem Thüringer Literaturrat für die gute Zuarbeit – und allen Mitwirkenden für ihre Arbeit und ihr Vertrauen. Der Thüringer Literaturrat dankt der Kulturstiftung Thüringen für die Förderung des Projekts.