Internationale Tourismusbörse in Berlin 1996. Thüringens Touristiker haben sich mächtig ins Zeug gelegt: neue Hochglanzbroschüren, ein gut durchdachtes Veranstaltungsprogramm. Der Wirtschaftsminister hat sich angesagt, eigentlich ein Paradetermin, bei dem man glänzen kann mit Kultur und Natur. Aber Franz Schuster ist an diesem Tag nicht gut drauf. Missmutig stiefelt er durch die Halle, er grantelt, lässt alle seine schlechte Laune spüren. Mal wieder hat die TLZ dem Thüringer Wirtschaftsminister die gute Laune verdorben – mit realistischen Tourismuszahlen, die zeigen, dass im Thüringer Tourismus nicht alles so rund läuft, wie es das Ministerium gerne darstellt.
Fördergeld-Boom führt zu Fehlentscheidungen
Man merkt immer wieder: Für Schuster (+2021), der sich viele Verdienste beim Aufbau Thüringens erworben hat, ist in jener Zeit der Tourismus kein harter Wirtschaftsfaktor, sondern etwas, was man mit links nebenher erledigt. In seinem Haus ist damals nur ein Referatsleiter mit dem Thema beschäftigt. Und der hat genug damit zu tun, die einzelnen Tourismusregionen zu besänftigen – denn jede sieht sich gleich benachteiligt. Vor allem der Regionalverband Thüringer Wald mit seinem mächtigen und gut vernetzten Vorsitzenden Werner Ulbrich fühlt sich berufen, dem Land die Tourismus-Strategie zu diktieren.
Ein grundlegender Fehler jener Jahre, an dem die Thüringer Kommunen noch heute finanziell leiden, sind die zahlreichen Spaßbäder, die in den 1990er Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen. Fördermittel fließen wie Honig, warnende Stimmen werden überhört und die Abgeordneten laufen beim Wirtschaftsministerium mit ihren Wünschen offene Türen ein. Nach einem Bericht des Rechnungshofes aus dem Jahre 2015 flossen bis dahin fast 200 Millionen Euro in die Spaßbäder.
Bärbel Grönegres modernisiert Tourismuskonzept
Gut, dass 1997 mit Bärbel Grönegres eine engagierte Fachfrau an die Spitze der Thüringer Tourismus GmbH tritt. Sie kämpft gegen das ausufernde Kirchturmdenken an und erkennt schnell, dass Thüringen mit einem Konzept aus Kultur und Natur punkten kann. Sie stellt auch die Werbekampagnen auf Themenschwerpunkte um. Und sie macht Schluss mit der bis dahin geltenden Theorie, dass die Tourismus-Gesellschaft lediglich für die Vermarktung, die Regionalverbände aber für den Inhalt verantwortlich sein sollten. Das war der ursprüngliche Geburtsfehler der Tourismuskonzeption, die rheinland-pfälzische Berater nach Thüringen gebracht hatten.

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Die Zentralisierung von Werbung und Vermarktung war ein jahrelanges Bohren dicker Bretter. Mit der Personalie Grönegres hatte Franz Schuster einen echten Glücksgriff getan. Und mit seinem Nachfolger Jürgen Reinholz wird ein von Schuster übersehener Geburtsfehler der Tourismus GmbH beseitigt. Die TTG wird zu einer Landesgesellschaft, in der auch das Land das Sagen hat. Grönegres und Reinholz bilden in den folgenden Jahren das „Dream-Team“ des Tourismus. Die Besucherzahlen steigen Richtung zehn Millionen. Als Grönegres 2020 von der TTG in die Staatskanzlei wechselt, um die zentrale Feier zum Tag der Deutschen Einheit 2022 vorzubereiten, kann sie eine ausgesprochen gute Bilanz ihrer Amtsjahre ziehen.




