26. April 2002: Erfurts Stadtspitze, Vertreter der Landesregierung und viele Journalisten treffen sich zur feierlichen Eröffnung eines neuen Pressehauses der damaligen Zeitungsgruppe Thüringen, heute Funke-Mediengruppe, mitten in der Landeshauptstadt. Am späteren Vormittag bricht Unruhe aus. Der Oberbürgermeister und der Polizeichef verlassen vorzeitig das Treffen. Und plötzlich macht eine Nachricht die Runde: Schießerei am Gutenberg-Gymnasium. Die Veranstaltung wird abgebrochen, die Journalisten machen sich auf den Weg zum Tatort oder in die Redaktionen. Ein ehemaliger Schüler hat elf Lehrerinnen und Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizeibeamten erschossen. Der Amoklauf dauerte etwa 20 Minuten, ein couragierter Lehrer trat dann dem Schützen direkt gegenüber, schloss ihn in einem Raum ein, kurz darauf richtete sich der Täter.

Sonntag
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„Deutschland trauert – Erfurt unter Schock“ titelte die TLZ. Die Zeitung entstand unter Extrembedingungen: Denn was für die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger galt, bestimmte auch den Tag in der Redaktion: Der Schock über das Geschehene ging an keinem vorüber, der ein oder andere verdrückte ein paar Tränen, bevor er sich an den Rechner setzte. Die Nachrichten mussten erst einmal verdaut werden. Ein ZDF-Kollege brachte es ein paar Tage später so auf den Punkt: „Erst schluckt man, dann funktioniert man und erst nach Redaktionsschluss weint man.“ Schnell kam die Frage auf: Wie werden wir unserer Aufgabe als seriöser Regionalzeitung gerecht? Die Antwort war klar: Umfangreiche Berichterstattung, den Gefühlen der Menschen in Thüringen Ausdruck verleihen, aber keine reißerischen Schlagzeilen oder Bilder. Und noch eine Entscheidung fiel: Die TLZ trauerte mit den Menschen in Thüringen und erschien bis zur Trauerfeier auf dem Domplatz jeden Tag mit einem Trauerrand.
Den größten Platz in der Berichterstattung nahmen Stimmungsbilder aus der Stadt ein, Berichte von den Orten stiller Trauer in den Kirchen und auf den Straßen, Fragen an Psychologen, wie man den Schülerinnen und Schülern bei der Verarbeitung des Erlebten helfen kann. Und natürlich stellte sich immer wieder die Frage nach dem „Warum“.
Das Haus der Familie des Täters wurde von anderen Medien regelrecht belagert, wir beteiligten uns nicht daran. Deshalb wandte sich die Familie auch an uns, vertraute uns; der Bruder gab meiner Kollegin Gerlinde Sommer und mir das einzige Interview in dieser Zeit. Mitgebracht hatte er einen offenen Brief mit der Bitte um Veröffentlichung. Darin fragt sich die Familie, warum sie von dem Hass und der Verzweiflung ihres Sohnes und Bruders nichts mitbekommen habe. Eine Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ hatte die Familie auch nicht. „Wir waren eine ganz normale Familie“ lautete denn auch die Überschrift über dieses Gespräch, das von vielen anderen Medien zitiert wurde. Die Familie sei „Teil der Leidensgemeinschaft, die ihr Sohn geschaffen hat“, heißt es in dem Text. Und: „Im Moment finden sie noch nicht einmal zur Trauer, es herrscht Verzweiflung.“




