Er hatte es auf dem Magen, musste ins Krankenhaus. Doch am Sonntag, 27. April 1986, ging es mit der Familien noch mal raus, weil
es so schön warm war. „Da haben wir uns in die Sonne gelegt“, erinnert sich Aribert Rothe. Derweil zog von Tschernobyl die radioaktive Wolke gen Westen. Noch wusste keiner hierzulande von der Katastrophe.

Sonntag
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Im Krankenhaus wunderte sich der Patient in den kommenden Tagen über den merkwürdigen Speiseplan: Schon morgens sei Salat serviert worden. Das war keine Schonkost, es war das Ergebnis der Zuteilung. Draußen, das hörte Rothe bald, wurde von der Kundschaft kaum noch Freilandsalat verlangt. Übers Westfernsehen und -radio hatte sich in diesen Tagen Ende April/Anfang Mai 1986 herumgesprochen, dass das, was in Tschernobyl passiert war, noch Tausende Kilometer entfernt für Mensch, Tier und Natur, gefährlich werden konnte.
An diesem 26. April begeht die Ukraine den 40. Jahrestag des Super-GAUs von Tschernobyl. Es handelt sich um schlimmste zivile Nuklearkatastrophe der Geschichte.
Vor 20 Jahre bereits hat die TLZ mit Aribert Rothe, der damals 54 war, über die Reaktion auf die Katastrophe von Tschernobyl im DDR-Bezirk Erfurt und anderswo gesprochen. Es ging dabei vor allem auch um die Tabuisierungspolitik. Schon das von anderen mitgehörte Gespräch über die Frage, ob man den Salat nun essen sollte oder besser nicht, wäre als gegen den Staat gerichtet aufgefasst worden. Doch gerade diese Polarisierung machte vor allem auch in kirchlichen Kreisen manchen mutig: Die Zahl der Umweltgruppen wuchs und mit ihnen jene Gruppe, die für Veränderung stand.
Ein ganzes Graswurzelwerk an Umweltaktivisten
Als evangelischer Theologe war Aribert Rothe Anfang der 1980er Jahre von Leipzig nach Erfurt gekommen und hatte sich als Stadtjugendpfarrer bald schon mit der Umweltgruppe in der „Oase“, die in der Schillerstraße 42 ihre Heimstatt hatte, positioniert. 70 bis 90 Umweltgruppen gab es DDR-weit, mehr oder weniger politisch zunächst. Rothe hat sich später in seiner Doktorarbeit mit dem Thema intensiv befasst.
In ihrem Tun waren diese Gruppen zunächst auf die Schöpfungsbewahrung ausgerichtet. „Aber“, sagt Rothe, „die Genossen waren so blöde, das als einen Angriff zu betrachten.“ So wurden auch zunächst harmlose Bemühungen um die Umwelt zunehmend politisiert. Rothes Gruppe fasste von vorneweg heißere Eisen an. Umweltbriefe wurden herausgegeben, es bildete sich an ganzes Graswurzelwerk an Umweltaktivisten...
In den Tagen nach dem GAU wurde im Krankenhaus Westradio gehört. Heimlich. Und später erfuhr Rothe auch, dass einem Gärtner auf dem Markt untersagt worden sei, ein Schild am Stand mit dem Hinweis „Garantiert aus dem Gewächshaus“ an seiner Ware anzubringen. So etwas wurde als Provokation betrachtet.
Was der Westen im Zusammenhang mit Tschernobyl verlauten ließ, galt als infame Propagandamasche, schätzt Rothe die sture Blindheit der DDR-Politiker ein. Für ihn ist das, was an Vertuschungspolitik geschah bis hin zur Zuteilung von Salat für das Krankenhaus, rückblickend Zynismus pur, aber eben keine Besonderheit im eigentlichen Sinne: „So war dieses System“, stellt Rothe in unserem Gespräch vor 20 Jahren klar. Die Verantwortlichen in der DDR hätten sich in den Tagen nach Tschernobyl durchaus
typisch verhalten.
Umwelt-Wissen wächst trotz des Schweigens der DDR-Medien
Ob bei der Basisgruppen-Synode oder bei Rüstzeiten nach dem 26. April 1986: Es wurde darüber informiert, welche Folgen Tschernobyl haben würde. Vor allem an Joachim Krause, der sich auch später noch kirchlicherseits in Sachsen um Umweltfragen kümmerte, erinnert sich Rothe bei unserem Gespräch 2006. Krause sei ein mutiger Aufklärer gewesen, der die nötigen naturwissenschaftlichen Kenntnisse weitergeben half. Auch das Forschungsheim Wittenberg spielte eine wichtige Rolle bei der Informationsbeschaffung. So wuchs das Wissen, während die DDR-Medien schwiegen.
Öko-Themen waren total tabu, erinnert Aribert Rothe etwa an das Leugnen von Smog. „Aber wir hatten da unsere Masche, um das dann doch anzusprechen“: Eine Mischung aus Bibelzitaten, dem Wissen aus mitgebrachten Flyern aus dem Westen sowie Marx- und Engelsklassikern zur Natur nennt er „eine unschlagbare Mischung“: So wurde Umwelt zum Thema für jenen Teil der Öffentlichkeit, der etwa das von Rothe verfasste Heft „Argumente“ las und das Gelesene weitergab. Die Friedens- und Umweltbewegung waren sich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ganz nah.
Tschernobyl hatte noch einer andere Dimension: Mit dem Atomkraftwerk in Lubmin sei die Gefahr, dass hier Ähnliches passiert, als naheliegend empfunden worden. „Wir haben überall Informationen gesammelt, haben uns darüber ausgetauscht. Das hatte den Touch des geheimen Wissens“, blickt Rothe zurück auf die gut vernetzten Umweltgruppen und auf das, was man unter der Hand erfuhr, wenn man etwa dorthin reiste, wo die vermeintlich so sichere DDR-Kernkraft angesiedelt war.
Rothe warnt: Atomkraft bleibt unbeherrschbar und riskant
Wenn nun die Kernkraft-Debatte neu aufflammt, betont Rothe: Es gibt Alternativen und verweist auf die erneuerbaren Quellen, aus denen inzwischen mehr Energie gewonnen werde als im Bereich Atomenergie. Die Industrie habe vielfältig reagiert. Es sei viel passiert, gerade auch im Bereich Energie-Einsparung, schätzt er ein. Rothes Haltung „Atomkraft? Nein danke!“ hat sich nicht geändert. Er verweist darauf, dass die Technik letztlich nicht beherrschbar sei. „Wer Kernkraftwerke will, spielt mit dem Feuer“, sagt er und erinnert daran, dass in Tschernobyl die Gefahr längst nicht gebannt ist.
Vier Jahrzehnte sind dem 26. April 1986 vergangen, und was ist passiert? Vor 15 Jahren bescherte unerwartet ein Tsunami dem Atomland Japan die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Rothes Frage lautet: Wie lernfähig ist der Mensch aus diesem nächsten Warnruf geworden? Immerhin habe Angela Merkel als Umweltministerin einst die atomare Energiepolitik verteidigt, mit Fukushima wurde sie zur Ausstiegskanzlerin. „Großartig!“, nennt Aribert Rothe das. „Entgegen allen Unkenrufen wird in Deutschland inzwischen weit über die Hälfte der Energie aus den Erneuerbaren gewonnen, sogar die Energiekonzerne setzen darauf. Zunehmende Klimakrise und prekäre Sicherheitslage machen es erforderlich.“
Die Lösung aller Energieprobleme steht am Himmel vor aller Augen! Und der größte Teil aller Umweltprobleme sind Energieprobleme.
Aribert Rothe, evangelischer Theologe
Aber Japan hat Anfang dieses Jahres das neueste und weltgrößte Atomkraftwerk eröffnet. „Und die Präsidentin der Europäischen Kommission ordnet unverhofft nukleare Energiegewinnung unter die förderfähigen sauberen Methoden ein“, erklärt Aribert Rothe. Auf einmal werde auch für Ursula von der Leyen „die Kostenlüge wieder hoffähig“, so der Erfurter. Dabei gelte doch: „Selbst ohne Berücksichtigung der Ewigkeitskosten aus der ‚Entsorgung‘ des Atommülls, errechnet das Fraunhoferinstitut für Atomstrom die höchsten Stromgestehungskosten. Strom aus Freiflächensolar und Windkraft kostet je nach Umständen die Hälfte bis ein Zehntel“, zitiert er Christoph Schnegg aus der TLZ vom 12. März.
Und da Rothe Theologe ist, kommt er zu dem Schluss: Mit gutem Willen lasse sich schon bei Jesus die Orientierung auf das Solarzeitalter finden. „Unser himmlischer Vater lässt seine Sonne scheinen auf böse wie auf gute Menschen“, steht in der Bergpredigt. Und Rothe rechnet vor: Die Sonne schickt jeden Tag 15.000 mal so viel Energie auf die Erde, wie alle Menschen derzeit verbrauchen. Das macht sie voraussichtlich noch rund viereinhalb Milliarden Jahre, während das Erdöl in 40 oder 50 Jahren zu Ende geht. Für ihn steht „die Lösung aller Energieprobleme am Himmel vor aller Augen! Und der größte Teil aller Umweltprobleme sind Energieprobleme.“





