Holger Stark, renommierter Journalist und Buchautor, kommt am Dienstag, 28. April, in die Sendehalle nach Weimar, um tiefgründig auf das deutsch-amerikanische Verhältnis zu blicken. Anlass ist die Vorstellung seines Werkes „Das erwachsene Land“, aus dem er auch liest, ehe er sich den Fragen aus dem Podium und den Publikum stellt. Die Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung findet in Kooperation mit der Stiftung Sendehalle und der TLZ statt. 

Wie sehr sind wir noch immer abhängig von den USA?

Es geht auch ohne die USA, allerdings derzeit noch nicht besonders gut. Sicherheit, militärisch und bei den Nachrichtendiensten, ist das eine große Thema, bei dem sich Deutschland noch auf die USA stützt. Sigmar Gabriel hat es im Interview für mein Buch gut auf den Punkt gebracht: Deutschland brauche noch rund zehn Jahre, um sich zu emanzipieren. Ob es nun fünf oder zehn Jahre sind – entscheidend ist, dass die Bundesregierung diese Zeit klug nutzt, um die Anhängigkeit zu reduzieren. Neben dem Militär und den Geheimdiensten gilt dies vor allem bei den großen Technologie-Konzernen, die mittlerweile eine weltdominante Marktmacht erreicht haben und die Spielregeln für das digitale Zusammenleben bestimmen können.     

Ist Deutschland wirklich erwachsen genug für die Abnabelung? Oder geht es halt nicht anders?

Erwachsen werden ist ein Prozess, und Deutschland ist in diesem Prozess irgendwo in der fortgeschrittenen Pubertät. Wie jeder Abnabelungsprozess verläuft auch dieser nicht ohne Schmerzen. Aber zeigt uns nicht alle Erfahrung, dass dauerhafte Abhängigkeit ungesund ist? Das sagt sogar J.D. Vance, der US-Vizepräsident, der fragt: Wollen die Europäer denn für immer „Vasallen“ der USA bleiben? Im übrigen: Vasallen – was für ein Wort. Da schwingt in einem Begriff viel von der Verachtung mit, mit der manche US-Politiker auf uns Europäer schauen. Und es erinnert uns daran, wie ernst es Trump, Vance und Co. meinen. Diese US-Regierung ist kein Freund Deutschlands mehr.   

Das, was zwischen Deutschland und den USA geschieht, nennen Sie eine historische Chance. Was wird die größte Herausforderung dabei sein?

Wenn Donald Trump nicht so hyperradikal alle Gewissheiten und Allianzen in Frage stellen würde, hätten sich die deutschen Politiker weiterhin bequem in der Dauer-Abhängigkeit eingerichtet, die den Westen Deutschlands seit dem 2. Weltkrieg bestimmt. Insofern müssen wir Trump ungewollt fast dankbar sein: am Ende dieses Entfremdungsprozesses könnte ein Deutschland stehen, das auf eigenen Beinen steht – und in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen, gemeinsam mit den anderen europäischen Staaten. Für Deutschland könnte es ein zweiter Mauerfall-Moment werden. 

Und worin besteht das größte Risiko?

Das größte Risiko besteht in deutschen Politikern, die Angst vor der eigenen Courage haben und vor der monumentalen Herausforderung zurückschrecken, eine Zukunft jenseits von Amerika zu denken. All das geht nicht ohne die anderen Europäer, alleine kann kein Land ohne die USA bestehen. Aber ein geeintes Europa (ohne den Störenfried Ungarn) kann stark und selbstbewusst auch ohne die USA haben. Deshalb: Habt Mut!  

Dienstag, 28. April, 19 Uhr, Sendehalle, Humboldtstraße 36a, Weimar; Eintritt frei, Spende willkommen