Die TLZ ist am Dienstag, 9. April 2002, eine der wenigen mahnenden Stimmen. Es ist der Tag, an dem der russische Präsident Wladimir Putin zu Gast in Weimar ist, zum mittlerweile auf Eis gelegten deutsch-russischen Dialog im Rahmen des sogenannten Petersburger Dialogs. „Putins Kurs in Richtung Westen findet überall Anerkennung, aber die harte Hand nach innen darf man dem Kreml-Herrn nicht durchgehen lassen“, hieß es im TLZ-Leitartikel an diesem Tag.  Und weiter: „Klare Worte gehören zu einer belastbaren Freundschaft mit dazu, ja, sie sind sogar notwendig, soll nicht alles Freundschaftsgebaren nur Schall und Rauch sein.“

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Es waren dringend notwendige Mahnungen. Die TLZ ließ an diesem Tag auch die Gesellschaft für bedrohte Völker und den deutschen Journalistenverband zu Wort kommen, die beide vor Putins repressivem Kurs nach innen und außen warnten. Aber diese Kritik war nicht überall willkommen, wie der TLZ durch die Blume seitens der Bundesregierung und der Geschäftsführung des Petersburger Dialogs signalisiert wurde. Denn noch wurde Putin, der erst ein Jahr zuvor seine Entspannungs-Rede im Deutschen Bundestag gehalten hatte, als Reformer gesehen, als jemand, der zwar Härte nach innen und außen zeigte, dem man aber zutraute, Russland demokratische Strukturen zu geben. Heute wissen wir, dass das alles vergebliche Hoffnungen waren.

Damals wie heute fest an der Seite Putins stand der seinerzeitige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Als sie am Abend ihren ersten öffentlichen Auftritt haben, spürt man sofort, dass sich die beiden bestens verstehen. Sie witzelten miteinander, knufften sich auch freundschaftlich in die Seite. Und Putin machte das, was er in diesen Tagen immer machte, wenn er in Deutschland war: Er verteilte Streicheleinheiten. „Eine Stadt der Poeten, Dichter und Musiker“, so schwärmt er über Weimar. Und er erinnert an die erste demokratische Verfassung Deutschlands, die in Weimar entstanden ist.

Aber schon damals deutet er an, dass er auch anders kann – wenn auch zwischen den Zeilen. Er verlangt eine größere Mitsprache seines Landes in der EU und der NATO. Und er erinnert an die wichtige Rolle, die Russland in der europäischen und vor allem deutschen Energieversorgung spiele. Schon damals analysiert die TLZ: „Man könne ja auch anders, lässt er unausgesprochen durchblicken.“

Doch solche Töne werden in einer Zeit, in der gern die deutsch-russische Freundschaft beschworen wird, meist überhört. So lobt Schröder in Weimar ausdrücklich die „bahnbrechende Politik“ Putins und sagt eine große Dynamik in den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Beziehungen zu Russland voraus.

Die größten Schmeicheleinheiten für Putin gab es bei ARD-Talkmaster Alfred Biolek, der für seine live ausgestrahlte Talkshow an diesem Tag extra ins Nationaltheater gezogen war. Dabei outet sich Putin als Liebhaber des deutschen Bieres. Und seine KGB-Tätigkeit in Dresden darf er ohne bohrende Nachfrage als „Geheimdienst-Routine“ schildern. Putin sammelt Sympathiepunkte im deutschen Fernsehen, die TLZ konstatierte einen „gepflegt-heiteren Abend“. Und heute wundert man sich, was damals alles möglich war und wie falsch man den russischen Präsidenten eingeschätzt hatte.