Die Firma Greifzu in Suhl stellt während der NS-Zeit Autoteile und Werkzeuge her. Geleitet wird sie von Fritz Greifzu und seinem Vater Leonhard. Der zweite Sohn der Familie – Paul Greifzu – ist ein berühmter Rennfahrer. Sein größter Erfolg ist der erste Platz beim Großen Preis von Deutschland im Jahr 1938 auf dem Nürburgring. Auch Paul ist an der Firma beteiligt und arbeitet dort als Meister.

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Wie viele Firmen in Suhl, setzen auch die Greifzus während der NS-Zeit Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ein. Im Jahr 1942 kommen mehrere ukrainische Frauen in die Firma. Eine von ihnen ist Oksana Jarowenko. Vieles, was wir über den Fall Greifzu erzählen können, geht auf Jarowenkos Erinnerungen zurück. 1997 wurde sie im Rahmen eines Schülerinnenprojekts der Rennsteigschule nach Suhl eingeladen – und erzählte dort von ihrer Zeit in Deutschland.

Fritz Greifzu schützt Ukrainerinnen vor Misshandlung und Hunger

Oksana Jarowenko ist gerade einmal 18 Jahre alt, als sie aus ihrer Heimat verschleppt und nach Suhl gebracht wird. Bei den Greifzus muss sie zusammen mit elf anderen jungen Frauen aus der Ukraine Zwangsarbeit leisten. Laut Jarowenkos Erinnerungen behandelt Fritz Greifzu die zwölf ukrainischen Frauen für die damalige Zeit außergewöhnlich gut. Er bringt sie – gegen den Willen der Polizei – zunächst in einer Baracke auf dem Betriebsgelände unter. Später werden sie von der Polizei zeitweise in ein Lager gebracht. Die Bedingungen dort sind schlecht, die Rationen knapp.

Fritz Greifzu versorgt die Frauen zusätzlich mit Nahrung, bis es ihm schließlich gelingt, sie wieder zurück in die Firma zu holen. Auch werden die Frauen von den Greifzus zu einer Hochzeit der Familie eingeladen. Damit sie sich für diesen Anlass passende Kleidung nähen können, stellt Fritz Greifzu ihnen eine Nähmaschine zur Verfügung.

Die gute Behandlung der ukrainischen Frauen ist für die damalige Zeit ungewöhnlich. Privater Kontakt oder gar Freundschaft zwischen Deutschen und Zwangsarbeiterinnen wird vom NS-Regime mit Haft, Konzentrationslager oder sogar mit dem Tod der Osteuropäer bestraft.

Vermutlich liegt es an der gehobenen Stellung der Greifzus, als bekannter Unternehmer- und Rennfahrerfamilie, dass ihnen keine Konsequenzen drohen. Paul Greifzu lässt sich öffentlich gerne mit lokalen NS-Politikern sehen, während sie im Alltag Handlungsspielräume nutzen und den zwölf Ukrainerinnen ein vergleichsweise gutes Leben ermöglichen.

Ukrainerinnen retten Fritz Greifzu vor amerikanischen Soldaten

Besonders gut erinnert sich Jarowenko an einen Moment im April 1945: Der Krieg ist damals fast vorbei. Die Alliierten rücken immer weiter vor. Eines Tages stehen amerikanische Soldaten auf dem Fabrikgelände der Greifzus. Was genau die Soldaten dort wollen, ist unklar. Jarowenko glaubt damals, dass die Amerikaner Fritz Greifzu erschießen wollen. Sie schreitet zusammen mit anderen Ukrainerinnen ein. Die Frauen zeigen den Soldaten mehrere Fotos. Zu sehen ist Fritz Greifzu, wie er freundschaftlich zwischen den zwölf Ukrainerinnen steht, alle blicken lächelnd in die Kamera. Aufgrund dieser Abbildung – so glaubt Jarowenko – lassen die amerikanischen Soldaten Fritz Greifzu am Leben.

Das Foto taucht auch in Unterlagen aus der Nachkriegszeit auf. Kurz nach Kriegsende soll die Firma der Greifzus durch die sowjetische Besatzungsmacht enteignet werden. Die Greifzus gelten als besonders belastet. Beide Söhne und der Vater waren Mitglieder der NSDAP. Die Greifzus legen Widerspruch gegen das Enteignungsverfahren ein. Dem Widerspruch legen sie mehrere Aussagen aktueller und ehemaliger Mitarbeiter bei. Der Werkzeugmacher Franz Seeber erklärt damals: „Während meiner zweijährigen Tätigkeit habe ich nicht nur die Firma Leonhard Greifzu, sondern auch die Inhaber sehr gut kennengelernt. Ich kann versichern, dass sich die Inhaber politisch niemals unangenehm bemerkbar gemacht haben und ihre antifaschistische Gesinnung nicht verleugneten. Herr Fritz Greifzu hat bereits seit Jahr und Tag im Geschäft geäußert, dass er an kein siegreiches Kriegsende glaube, was ihm vonseiten der Nazis ernste Verwarnung eingetragen hat.“ Auch dass er Juden gegrüßt habe, sei ihm übel vermerkt worden, so Seeber.

Der Werkzeugmacher Otto Roßmann bezeugt den Greifzus einen durchaus positiven Umgang mit den Zwangsarbeiterinnen. Roßmann war etwa sieben Jahre bei der Firma Leonhard Greifzu als Betriebshandwerker beschäftigt. Er bestätigte, dass sich die Inhaber der Firma nie als aktive Nazis betätigt hätten. „Besonders erwähnen möchte ich noch, dass Herr Fritz Greifzu seine soziale Einstellung durch beste Unterbringung und zusätzliche Verpflegung der Ostarbeiterinnen und -arbeiter immer wieder bewiesen hat.“

Der Einspruch der Familie Greifzu hat Erfolg. In der Begründung der Kommission heißt es, die Mitgliedschaft in der NSDAP sei lediglich formal gewesen – die Familie gelte nicht als faschistisch oder reaktionär. Auch die Fotografien werden erwähnt. Auf diesen sei zu sehen, dass das Verhältnis zwischen der Familie Greifzu und den Zwangsarbeiterinnen ein „außerordentlich gutes“ gewesen sei. Der Betrieb wird nicht enteignet.

Der Rennfahrer Paul Greifzu kann seine Karriere nach Kriegsende erfolgreich fortsetzen. 1952 stirbt er bei einem Trainingsunfall in Dessau. In Suhl sind heute eine Straße und eine Schule nach ihm benannt. Im Suhler Fahrzeugmuseum ist einer seiner Rennwagen ausgestellt. Der Rennfahrer Paul steht heute als „ein kleiner Oskar Schindler von Suhl” auf Wikipedia, obwohl eigentlich sein Bruder Fritz gemeint sein müsste. An das Schicksal der zwölf ukrainischen Zwangsarbeiterinnen gibt es keine öffentliche Erinnerung.

Wir danken Dr. Dorothee Schlüter vom Museum Zwangsarbeit und dem ganzen Projekt-Team für die Möglichkeit, dass wir diesen Text veröffentlichen dürfen. Wir empfehlen den Besuch des Museums in Weimar.

Widerständiges Handeln gegen den Nationalsozialismus gibt es jetzt als kurze Hörgeschichten. Als öffentliche Interventionen tauchen gestaltete QR-Code-Hinweise dazu thüringenweit im Alltag der Menschen auf: in Bussen, öffentlichen Gebäuden, in Print und Social Media.

Eine projektbegleitende Installation im Museum Zwangsarbeit in Weimar wird bis zum 18. Oktober 2026 Ankerpunkt und Anlaufstelle zum Thema Widerstand sein und Raum für weitere Veranstaltungen bieten.

Mehr zu den Hörgeschichten von Apolda bis Zella-Mehlis, von Gotha bis Schmölln unter https://www.museum-zwangsarbeit.de/museum/ausstellungen/widerstand-hoergeschichten-thueringen-1939-1945