„Dieses Land“, notiert Monika Maron im März 1984 in Ostberlin über die DDR, „ist unsympathisch, langweilig, humorlos, phantasielos, hässlich, stumpf, brutal.“ Das alles ist die Autorin selbst keinesfalls, nicht zu jener Zeit, als solche Sätze fürs private Zwiegespräch mit sich selbst entstanden, nicht heute, da sie jedermann lesen kann.

Sonntag
Der Gute Woche-Newsletter
Alles Gute aus Thüringen in einem Newsletter - jede Woche gute Nachrichten
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Kurz vor ihrem 85. Geburtstag an diesem 3. Juni hat Monika Maron ihre eher zufällig wieder hervorgekramten Tagebuchaufzeichnungen aus vier Jahrzehnten veröffentlicht. So vergleichsweise ausführlich sie mitunter daherkommen, so lücken- und zum Ende hin skizzenhaft sind sie in Summe. Maron wurde nur im Bedarfsfall zur Tagebuchschreiberin. Zugleich schließen sich damit Lücken im Bild, das sich ihre Leser bislang von ihr machten.
Frankfurter Verlag trennte sich nach vierzig Jahren von ihr, einer in Hamburg sprang ein
Es beginnt 1980. Damals, mit fast vierzig, wurde aus der Publizistin, die nicht immer ganz freiwillig entstandene journalistische Texte in der „Wochenpost“ oder in der „Für Dich“ veröffentlichte, allmählich eine Schriftstellerin. Ihr erster Roman, „Flugasche“, markiert den Wandel auch inhaltlich. Handelt er doch von einer Journalistin, die eine Reportage über Bitterfeld als „die schmutzigste Stadt Europas“ schreibt, die nicht erscheinen darf.

„Flugasche“ darf auch nicht erscheinen, nicht im Greifenverlag in Rudolstadt, der ihn herausbringen sollte, auch sonst nirgends in der DDR. Der Roman erscheint 1981 bei S. Fischer in Frankfurt/Main. Knapp vierzig Jahre und neun Romane später trennt sich der Verlag von seiner streitbaren Autorin, die er in die Neue Rechte abgedriftet wähnt, während sie ihre essayistisch veröffentlichten Standpunkte für „demokratisch, liberal und freiheitlich“ hält.
Westreisen nach langem Hin und Her genehmigt
Davon handelt auch der letzte Tagebucheintrag, im Juli 2021. Maron schreibt von der glücklichen Fügung, bei Hoffmann und Campe in Hamburg untergekommen zu sein. Der Kern der dort nun veröffentlichten Aufzeichnungen betrifft indes ihre Westreisen, die sie nach langem Hin und Her bei Klaus Höpcke durchsetzen konnte: Der vor drei Jahren gestorbene SED-Funktionär war als Vize-Kulturminister der DDR für Verlage und Buchhandel zuständig, bevor er später, ab 1990, für die Nachfolgepartei PDS im Thüringer Landtag sitzen sollte.
Wer zu Christa Wolf geht, geht zum Gottesdienst.
Monika Maron, in ihrem Tagebuch im Januar 1991
Ende 1983 begann Marons einjährige Reisezeit. Erst London, dann Mailand und Rom, später Paris. Vor allem aber, im Sommer 1984, New York. Immer mit sehr wenig Geld, untergebracht bei Freunden von Freunden, bei Bekannten von Bekannten. Sie wusste, dass sie dadurch privilegiert war. Aber dass eine solche Reiseerlaubnis als Privileg gelten musste, sprach auch nicht gerade für den Staat, in dem sie lebte. Ihr wurde ihr „unwürdiger Status als reisender DDR-Bürger“ bewusst, wie sie an Höpcke schrieb. „Denn ich bin immer allein.“ Mann und Sohn mussten zurückbleiben, in „Geishelhaft“, wie Maron das nennt. Später, 1988, darf die Familie geschlossen nach Westdeutschland gehen, eigentlich für drei Jahre. Dann aber geht die DDR geschlossen in den Westen über.
New York machte ihr den Zusammenhang von Gut und Böse deutlich
Zuvor hat New York ihr Weltbild geprägt. Zurück in Ostberlin, erkennt sie alle „Zeichen von Verliebtheit“ an sich. Diese Stadt, notierte sie bereits auf dem Rückflug, „ist die gute und die böse Behauptung vom Menschen. Nichts bisher hat mir den untrennbaren Zusammenhang von Gut und Böse so deutlich gemacht.“
Das liest Maron unter vielem anderen vor, als sie in der Woche vor ihrem 85. Geburtstag zum vierten oder fünften Mal auf Schloss Ettersburg zu Gast ist. „Das ist wie beim Rasenmähen“, erklärt sie dazu auf Nachfrage des Moderators. „Man kann eben nur alles kappen (...) Wenn man Verbote erlässt, verbietet man nicht nur das Böse, sondern auch das Wuchern des Guten, des Reichen und Intelligenten.“ Jenseits der müsse alles erlaubt sein, was nicht verboten ist. Und man müsse damit in Kauf nehmen, dass die Freiheit auch das wachsen lässt, was einem nicht so genehm ist. „Freiheit ist Freiheit.“
Ersatz für Wolf: „Das unvorbereitete Publikum wird sich ekeln“
Weltverbesserung ist nicht die Sache einer Monika Maron, deren Stiefvater ein Innenminister der DDR gewesen ist. Sie selbst war nie eine Schriftstellerin der DDR, nur eine, die seit 1955 in ihr lebte, nachdem die Mutter jenen Karl Maron ehelichte und deshalb vom Westen Berlins in den Osten zog. Und eine, die sich dort in Abgrenzung zur DDR entwickelte.
Dass der Kollege Joseph von Westphalen aus München, mit dem sie 1987/88 einen Briefwechsel fürs „Zeit“-Magazin führte, „jede meiner Eigenschaften zu einer DDR-Eigenschaft gemacht hat“, ärgerte sie ungemein. „Als wäre der Umstand, da gewohnt und gelebt zu haben, wichtiger, als dass man Augen, Hirn und Füße hat.“

Dass man Maron oft genug als bedeutendste DDR-Autorin neben Christa Wolf bezeichnet, dürfte ihr als doppeltes Ärgernis gelten. „Ich bin in der schwierigen Lage, vieles von der Hochverehrten nicht zu mögen“, notiert sie 1984 in Paris, „was mir, da ich selbst nicht berühmt bin, wahrscheinlich nicht zusteht.“ Und Anfang 1991 springt sie mit einer Lesung im Pankower Rathaus ausgerechnet für Wolf ein, die absagen musste, und prophezeit: „Das unvorbereitete Publikum wird sich ekeln. Wer zu Christa Wolf geht, geht zum Gottesdienst.“
Literatur als intuitiver Weg der Erkenntnis
Monika Maron lebt heutzutage in der Gewissheit, nach ihrer Abkehr von der DDR und von allem, was als links gilt, kaum noch Irrtümer zu produzieren. Sie habe sich nicht verändert, nur ihre Umgebung, erklärte sie vor ein paar Jahren, ebenfalls auf Ettersburg, reichlich selbstgewiss. Umso bemerkenswerter sind ihre fortgesetzten Selbstzweifel, wie sie sich durch ihre Tagebücher ziehen. „Weiß nichts, kann nichts“, heißt es einmal. In Variationen kehrt dergleichen zurück. Und immer wieder fällt ihr nichts ein, worüber sie noch schreiben könnte.
Mehr zu Kultur und Freizeit in Thüringen
- Rembrandt in Gotha: Der Maler-Star des „Goldenen Zeitalters“
- Weimars Kunstfest ist geschrumpft – und Thüringen hielt seine Förderzusagen nicht ein
- „Die Nerven lagen blank“: Riesenerfolg auf Erfurts Domstufen – und ein Wutanfall vor der Premiere
- Goethe ohne Schneidezähne – wie konnte er sprechen?
- Grünes Licht für die Sanierung auf Gothas Schloss Friedenstein
- Drama bis zur Totenfeier: Wie Herzog Georg II. in Meiningen Regie führte
- Goethes Dating-Tour: Von Weimar bis Kochberg mitgenommen von der Hitze, aber nicht vom Bus
Und dann schreibt sie doch: weil ihr „die Literatur als intuitiver Weg der Erkenntnis“ gilt, wie sie es 2009 für ihre Nationalpreis-Rede im DNT Weimar formulierte. Für die Protagonistin ihres neuen Romans „Vier Minuten“, der im September erscheint, beginnt laut Verlag nach einem Herzstillstand „eine Zeit der radikalen Selbstbefragung“.
Lesung und Gespräch mit Monika Maron in Erfurt: Mittwoch, 17. Juni 2026, 19.30 Uhr, Buchhandlung Peterknecht (in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung). Eintritt: 17 Euro. Karten in der Buchhandlung Peterknecht sowie in allen Vorverkaufsstellen des Ticket Shops Thüringen.





