Der 2. September 2004 ist ein aufregender Nachrichtentag. Mehr als 1100 Menschen werden von nordkaukasischen Terroristen gefangen gehalten, darunter viele Schulkinder. Als sich der TLZ-Redaktionsschluss gegen 20 Uhr nähert, ist die Lage nach wie vor unübersichtlich. Erst am nächsten Tag – bei der Erstürmung der Schule durch russische Soldaten – wird das ganze Drama offenbar: 331 Menschen, viele Kinder darunter, sterben.

Sonntag
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Gespannt warten die Nachrichtenredakteure und der Chef vom Dienst auf Nachrichten aus Russland, als ein Telefonanruf aus der Lokalredaktion alles ändert: „Anna Amalia brennt!“ Und sofort wird die ganze Redaktion mobilisiert. Chef vom Dienst Norbert Block hält in der Redaktion die Stellung, koordiniert, versucht, jede Minute bis zum Andruck auszunutzen. Alle anderen sind an diesem Abend in der Weimarer Innenstadt unterwegs. Immer dramatischer werden die Berichte, die in der Redaktion auflaufen, die Titelseite wird ebenso wie die Seite 3 freigeräumt: „Großbrand verursacht unermesslichen Verlust“, heißt es auf der Thüringenseite. Welche Dimensionen dieser Verlust hat, wird erst in den nächsten Tagen deutlich. Das Entsetzen in Weimar, Thüringen und ganz Deutschland ist groß. 50.000 historische Bücher sind ein Raub der Flammen, 60.000 werden schwer beschädigt, können aber gerettet werden.
Die Redakteurinnen und Redakteure, die als Augenzeugen dabei waren, werden diesen Anblick nicht vergessen: Aus dem Himmel über Weimar regnet es verkohlte Buchseiten. Mehr als 100 Feuerwehrleute versuchen, den Brand unter Kontrolle zu bringen. Viele Weimarer Bürgerinnen und Bürger sind in dieser Nacht vor Ort, um so viel wie möglich von dem Kulturgut zu retten. Den Menschen stehen die Tränen in den Augen.
Die TLZ vollbringt einen Kraftakt. In der Ausgabe am nächsten Tag werden nicht nur die Ereignisse detailliert geschildert, die Redakteure haben auch schon Stimmen zusammengetragen von den vielen Politikern und Kulturschaffenden, die an diesem Abend zum Brandort eilen. Nach 22 Uhr ist das Feuer zwar unter Kontrolle, aber für die Journalisten wird es eine lange Nacht. Erst gegen 1 Uhr wird die Ausgabe Weimar fertiggestellt – mit vier Seiten umfangreicher Berichterstattung in Text und Bild über das Ereignis.
„Hilflos, sprachlos, hoffnungslos teilen wir einander stumm unsere Verzweiflung mit“, erinnert sich TLZ-Kulturredakteur Wolfgang Hirsch 20 Jahre später. Er war einer der ersten Journalisten vor Ort. „In 40 Berufsjahren habe ich nur ein einziges Stück unter Tränen geschrieben: dieses“, schreibt er rückblickend auf seinen damaligen Text über die Brandnacht.
In dieser Nacht gibt es viele Helden. Einer von ihnen ist Michael Knoche, der damalige Direktor der Bibliothek. Trotz aller Gefahren rettete er aus dem brennenden Rokokosaal eine Lutherbibel aus dem Jahr 1534. Jahrelange Restaurierungsarbeiten an den beschädigten Büchern, die auch heute noch nicht abgeschlossen sind, folgten. Und mit „Hilfe für Amalia“, einer von der TLZ mit ins Leben gerufenen Spendenaktion unter Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, wurde der Wiederaufbau der Bibliothek mit ermöglicht.




