Der 29. Juni 1891 war ein sehr heißer Tag, an dem Temperaturen zwischen 38 und 40 Grad Celsius herrschten. Eine solche Hitze ist schwer auszuhalten, vor allem wenn man sich zusätzlich noch sportlich betätigen muss.

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So erging es damals den Soldaten des I. Bataillons des Infanterie-Regiments „Großherzog von Sachsen“ (5. Thüringisches) Nr. 94, welches in Weimar in Garnison lag. Die Männer sollten an jenem Montag zu einer mehrtägigen Übung aufbrechen. Das erste Ziel war der etwa 16 Kilometer entfernte Exerzierplatz Schönthal bei Erfurt. Der Marsch, den die Männer aufgrund der bevorstehenden Hitze bereits um 4.30 Uhr begannen, dauerte fünf Stunden. Vor Ort fanden mehrere Gefechtsübungen statt, die gegen 14 Uhr endeten. Zwar wurde eine etwas längere Rast eingelegt, die allerdings den überanstrengten Körpern nur wenig Erholung bot.

Ein junger Elsässer kippt kopfüber in den Chausseegraben

Anschließend folgte der Abmarsch in die zugewiesenen Orte, in denen übernachtet werden sollte. Die 4. Kompanie musste dabei in das etwa sechs Kilometer entfernte Azmannsdorf (heute zu Erfurt gehörend) laufen. Trotz der Hitze waren die Männer mit vollem Marschgepäck unterwegs.

Kurz vor ihrem Ziel kippte ein junger Elsässer kopfüber in den Chausseegraben. Er war ohnmächtig geworden. Noch vor dem Betreten des Dorfes fielen weitere 20 Mann aus. Der Rest schleppte sich mit letzter Kraft in den Ort. Hier brachen fast alle Männer der Kompanie zusammen und wurden sofort von der Bevölkerung in die Häuser geschafft. Viele der Soldaten mussten getragen oder in Leiterwagen gefahren werden. Eine Kompanie hatte damals eine Stärke von 100 bis 250 Mann.

Ein örtlicher Gutsbesitzer erinnerte sich, dass der Anblick „gräßlich“ war: „Gewehre, Helme, Säbel“, alles „lag umher“ wie auf einem Schlachtfeld. Dann der Schock: nach Stunden war der Bewusstlosigkeit verstarb der Elsässer. Zudem forderte der Marsch ein weiteres Menschenleben, da auch ein junger Ettersburger an den Folgen des Hitzschlags starb. Bis zum späten Abend gab es 20 Schwerkranke.

Sozialliberale Presse deckt den Skandal in Azmannsdorf auf

Der Bataillonskommandeur, Major Karl von Hochwächter, sah allerdings keinen Anlass die Übung abzubrechen und hatte auch zuvor wenig unternommen, um das Vermeidbare zu verhindern. Die Stimmung innerhalb der Bevölkerung von Azmannsdorf war angespannt, da viele das Verhalten des Offiziers missbilligten. Das Ganze steigerte sich noch dadurch, als der am nächsten Tag erschienene Regiments-Kommandeur, Oberst von Schmeling, vor dem angetretenen Bataillon, zur 4. Kompanie gewandt, bezeichnenderweise sagte, jene „schweren Unfälle“ wären angeblich „Gottes Fügung“ gewesen.

Es dauerte nur wenige Tage, bis die Presse auf den Skandal aufmerksam wurde. Als erstes Blatt berichtete die „Eisenacher Tagespost“ ausführlich und detailreich von dem Vorfall. Vermutlich hatte einer der beteiligten Soldaten das Ganze öffentlich gemacht. Schnell weitete sich das Interesse des als „Azmannsdorfer Marschunglück“ betitelten Vorfalls über Thüringen hinaus; die Presse berichtete reichsweit. Sozialdemokratische, aber auch liberale Zeitungen wie das „Jenaer Volksblatt“ widmeten dem Thema große Aufmerksamkeit, andere, vor allem national-konservative Blätter erwähnte das Ganze eher beiläufig. Vor allem die „Weimarische Zeitung“ spielte den Vorfall durch eine „amtliche“ Meldung herunter, etwa indem man behauptete, ein Sumpfgebiet vor Azmannsdorf hätte den Soldaten durch seine Ausdünstungen angeblich die Luft geraubt. Die Offiziere, so der Tenor, träfe jedenfalls keine Schuld am Tod der beiden Männer. Schlussendlich musste sich sogar der Reichstag in Berlin mit der Sache beschäftigen, da die Frage im Raum stand, ob eine gerichtliche Verfolgung des Majors von Hochwächter vonnöten sei.

Fränkel wehrt sich erfolgreich gegen Beleidigungsklage

In Weimar formierte sich unterdessen Widerstand ganz anderer Art. Der Schriftsteller Heinrich Fränkel hatte Anfang August 1891 eigens bei einem Gothaer Verlag eine mehrseitige Broschüre drucken lassen, die den Vorfall aufgriff und vor allem Major von Hochwächter geißelte. Dieser verklagte den Verfasser vor dem Weimarer Landgericht wegen Beleidigung. Fränkel wurde zu zu einer Geldstrafe von 150 Mark verurteilt. Der Schriftsteller ging allerdings in Berufung, sodass das Ganze vor dem Reichsgericht in Leipzig landete, welches das Urteil aufhob und den Fall an das Landgericht nach Eisenach verwies, das schlussendlich Fränkel freisprach.

Es zeigte sich aber auch, dass die zwei Toten der Karriere des Bataillonskommandeurs nicht schadeten, im Gegenteil. Karl von Hochwächter wurde militärseitig nie belangt und stieg bis zum Generalleutnant auf. Er starb 1926 im Alter von 81 in Weimar.