Walter Wallmann ist an diesem 28. April 1990 geradezu euphorisch. Der damalige hessische Ministerpräsident schlägt an diesem Tag als erster Unionspolitiker die Fusion von Hessen und Thüringen vor. Wallmanns Pläne waren mehr als nur Tagträumerei, wie er in seinen Erinnerungen beschreibt. Danach war er bereit, Kassel oder Erfurt als Hauptstadt des neuen Bundeslandes Hessen-Thüringen zu akzeptieren. Wallmann (1932–2013) sah eine solche Fusion der beiden Länder als eine Chance, die deutsche Einheit weiter zu vertiefen, Ressentiments abzubauen – und, was er nicht sagte, nebenher Thüringen nach Hessen einzuverleiben. Das war angesichts der Bevölkerungszahlen, der Fläche und der wirtschaftlichen Potenz beider Länder jedem klar. Fast hätte es also den Freistaat Thüringen nicht gegeben – wenn, ja wenn Wallmann sich hätte durchsetzen können.

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Doch der Widerstand gegen diese West-Ost-Fusion war breit gestreut. Wallmann vermutet in seinen Memoiren vor allem die eigenen Parteifreunde als Widersacher und nennt namentlich den damaligen DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière und Josef Duchac, den späteren Ministerpräsidenten und seinerzeitigen Landesbeauftragten Thüringens.

Als im Januar 1990 in Weimar der Gründungsparteitag der CDU für das Land Thüringen stattfand, gehörte Walter Wallmann zu den Rednern.
Foto: TLZ-Archiv
Als im Januar 1990 in Weimar der Gründungsparteitag der CDU für das Land Thüringen stattfand, gehörte Walter Wallmann zu den Rednern. Foto: TLZ-Archiv

Was in der offiziellen Darstellung der Hessen nur als kurzzeitig aufflackernde Idee dargestellt wird, hatte aber einen realistischen Hintergrund. Denn es war in der Wendezeit vor allem die Thüringer CDU, die die Nähe der Hessen suchte. 

Thüringer Tagespost enthüllt Uwe Ehrichs Gespräche

Der erste Parteivorsitzende und kurzzeitige Spitzenkandidat Uwe Ehrich führte im März und April 1990 persönlich die Gespräche in Wiesbaden und im Klubhaus der ehemaligen Grenzpolizei in Eisenach, wie die Thüringer Tagespost seinerzeit enthüllte. Das wiederum rief in Thüringen, in den anderen Parteien, in den Medien und in der Bevölkerung heftigen Widerstand hervor. Man wollte kein Anhängsel Hessens sein. Die Tagespost und die TLZ enthüllten denn auch das doppelte Spiel von Ehrich, der sich einerseits Hoffnungen machte, der erste Ministerpräsident Thüringens zu werden, und andererseits die Eigenständigkeit des Landes hintertrieb.

Rheinland-Pfalz-Fraktion setzt auf Eigenständigkeit

„CDU Thüringen fürchtet Enthüllungen“, titelte die Thüringer Tagespost am 22. Juli 1990 im Hinblick auf Stasi-Vorwürfe gegen Ehrich. Der trat wenig später zurück. Seine Stellvertreterin, die spätere Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, musste übernehmen. Sie hatte es mit zwei Lagern zu tun: Die Hessen-CDU unterstützte die „alte“ Ost-CDU und trat vehement für die Fusion ein. Dagegen gab es eine Rheinland-Pfalz-Fraktion, die schnell erkannte, dass man sich mit Hessen auf einem Irrweg befand. Hier wurde die Selbstständigkeit Thüringens vorangetrieben.

Von Hessen entfremdeten sich die Thüringer ganz schnell. Sie fürchteten die Vereinnahmung; die Sorge ging um, Thüringen würde auf den Status eines Regierungspräsidiums zurückgestuft. Und die Hessen zogen sich angesichts der Uneinigkeit in der CDU – in Ost wie in West – schnell von ihrer Fusions-Idee zurück, legten aber in jener Zeit ein millionenschweres Hilfsprogramm auf, das nicht nur finanzielle, sondern auch personelle Hilfen umfasste.