War die DDR am 3. Oktober 1990 Geschichte? Und wie ist dann die Transformation verlaufen? Darüber tauschen sich Elke Deparade und Toralf Schenk aus. Die TLZ präsentiert ihren Dialog in gekürzter Fassung. Er kann zur Anregung dienen – allein beziehungsweise im Freundes- oder Familienkreis –, um über die eigene Sicht auf diese Entwicklungen zu sprechen.

Wo endet diese Geschichte eigentlich?

Beim 9. November 1989? Bei der Friedlichen Revolution? Am 3. Oktober 1990? Oder geht sie danach noch weiter?

Was geschieht eigentlich nach der Zäsur?

Natürlich bleiben die Friedliche Revolution, der Fall der Mauer und die deutsche Einheit zentrale historische Ereignisse. Aber sie bilden eben nicht den Endpunkt der Geschichte. Denn mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Ostmitteleuropa, der Friedlichen Revolution in der DDR und der deutschen Wiedervereinigung begann ein tiefgreifender politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel, dessen Folgen weit über das Jahr 1990 hinausreichen. Wenn wir also nach 1990 einfach einen Punkt setzen, können wir zwar erklären, wie die DDR endete, aber noch nicht erklären, warum sich ganze Regionen veränderten, warum Betriebe verschwanden oder vollkommen neu organisiert wurden, warum Menschen innerhalb weniger Jahre berufliche und soziale Sicherheiten verloren oder neue Chancen erhielten, warum viele Familien bis heute sehr unterschiedlich über diese Jahre sprechen und warum Erfahrungen der Transformationszeit gegenwärtige gesellschaftliche Debatten noch immer beeinflussen.

Es geht nicht mehr nur: „Was geschah 1989/90?“, sondern: „Was setzte 1989/90 in Bewegung?“ Und dieses kleine sprachliche Verschieben macht einen erheblichen Unterschied. Viele Nachgeborene kennen solche Geschichten aus ihrer Familie. Vielleicht hören sie vom Betrieb, in dem die Großmutter gearbeitet hat. Von einem Großvater, der nach 1990 beruflich noch einmal ganz neu beginnen musste. Von Verwandten, die weggegangen sind. Oder von Menschen, für die die Jahre nach 1989 vor allem Freiheit und vollkommen neue Möglichkeiten bedeuteten.

Wir reden von ostdeutschen Identitäten. Bewusst im Plural. Warum?

Die Versuchung wäre ja groß, nach einem typischen ostdeutschen Transformationserlebnis zu suchen.

Gab es das überhaupt?

Nein. Es gab gemeinsame historische Rahmenbedingungen, aber sehr unterschiedliche Erfahrungen. Die Transformation verlief nicht überall gleich schnell, nicht überall gleich tief und schon gar nicht für alle Menschen gleich. Nehmen wir nur zwei Menschen desselben Alters im Jahr 1990. Der eine findet nach kurzer Unsicherheit eine neue berufliche Perspektive, verdient vielleicht mehr als zuvor, reist, gründet ein Unternehmen und verbindet die 1990er-Jahre mit Aufbruch. Ein anderer verliert seine Arbeit, erlebt die eigene berufliche Qualifikation plötzlich als entwertet, die Kinder ziehen später weg und der Heimatort verändert sich grundlegend. Beide haben dieselbe politische Transformation erlebt. Aber nicht dieselbe biografische Transformation. Und selbst innerhalb einer Familie können diese Erfahrungen unterschiedlich erinnert werden. Deshalb ist der Plural so wichtig.

Was bedeutet das für einzelne Menschen und ihre Erinnerung?

Wenn man Transformation so betrachtet, wird schnell deutlich: Diese Ebenen laufen nicht nebeneinander her. Eine politische Entscheidung kann einen Betrieb verändern. Die Veränderung eines Betriebes kann eine Stadt verändern. Die Veränderung einer Stadt kann einen Lebenslauf verändern. Und dieser Lebenslauf beeinflusst später möglicherweise, wie jemand über die Transformation spricht.

Welche Transformationsbestandteile bleiben öffentlich unsichtbar?

Arbeitslosigkeit beispielsweise hinterlässt kein Denkmal. Verunsicherung hinterlässt keine Informationstafel.

Wie können wir diese Erkenntnisse zusammenfassen?

Dass 1989 Geschichte verändert hat – aber Geschichte 1989 nicht aufgehört hat. Dass Transformation nicht für alle Menschen dasselbe bedeutete. Dass persönliche Erinnerungen historische Quellen sein können – aber historische Einordnung brauchen. Dass man Transformation nicht nur in Berlin und Bonn suchen muss, sondern im eigenen Ort, in der eigenen Region – und manchmal sogar in der eigenen Familie.

Elke Deparade vom Thillm hat zusammen mit Toralf Schenk diesen Dialog zur Transformation präsentiert. Er soll der Anregung dienen.
Elke Deparade vom Thillm hat zusammen mit Toralf Schenk diesen Dialog zur Transformation präsentiert. Er soll der Anregung dienen.© TA | Privat
Lehrer Toralf Schenk von der Grete-Unrein-Schule in Jena.
Lehrer Toralf Schenk von der Grete-Unrein-Schule in Jena.© OTZ | Michael Groß

Was ein Garten über die Wende erzählen kann

Der 2. Fachtag Geschichte in Erfurt zeigte jüngst Lehrkräften, wie Schülerinnen und Schüler den Umbruch nach 1989 am Beispiel des egaparks erforschen können.

25 Lehrerinnen und Lehrer unterschiedlicher Schularten aus ganz Thüringen ließen sich auf einen für das Fach Geschichte ungewöhnlichen Ort ein: den Erfurter egapark. Das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm) nahm mit dem Deutschen Gartenbaumuseum und dem egapark die Sonderausstellung „iga*61. Die DDR durch die Blume 1961–1995“ zum Ausgangspunkt des Fachtags.

Den Einstieg in den neuen Lehrplan gestalteten Elke Deparade und Toralf Schenk als kurzweiligen Dialog.

Daran schlossen Ausstellung und Parkrundgang sowie Workshops zu Biografien, Wirtschaft, Medienlandschaft und Carl Zeiss an. Lehrkräfte erfuhren, wie sich ein großer Umbruch an einem konkreten Ort untersuchen lässt.

Eine Aufgabe aus der Präsentation der Ausstellungskuratorin Sandra Mühlenberend macht den Gewinn für Schülerinnen und Schüler deutlich: Sie vergleichen einen historischen Geländeplan mit dem heutigen Park. Was ist geblieben, was wurde verändert, was verschwand? Aus Beobachtungen entstehen Fragen nach Entscheidungen und ihren Folgen. Auch ein Gegenstand oder ein Zeitzeugenbericht kann Fragen auslösen.

Dabei lernen Jugendliche, Erinnerungen als Quellen zu nutzen und kritisch einzuordnen. Wer gern an die iga zurückdenkt, kann zugleich politische Kontrolle erlebt haben. Wer nach 1990 neue Freiheiten gewann, kann dennoch den Verlust seiner Arbeit beklagen. Erst der Vergleich mit weiteren Quellen zeigt, was persönliche Erfahrungen über die Geschichte eines Ortes aussagen können. Das hilft auch beim Einordnen von Erzählungen aus der eigenen Familie.

Der Ansatz lässt sich übertragen: Ein ehemaliger Betrieb, ein Bahnhof oder ein Kulturhaus nahe der Schule kann ebenfalls vom Umbruch erzählen. Lehrkräfte nehmen vom Fachtag Fragen und Methoden für solche Vorhaben mit. Ihre Schülerinnen und Schüler erfahren, wie Geschichte den Ort geprägt hat, an dem sie heute leben. red