Manchmal beginnt Kunstgeschichte in einer WG-Küche. „Wir haben uns da regelrecht reingequetscht“, erzählen Luca und Amelie vom IST-Kollektiv. Vor anderthalb Jahren gründeten dort acht Kunststudierende der Universität Erfurt ihr Kollektiv – benannt nach einer Ausstellung, die zuvor drei von ihnen im Centrum für Integration und Migration gezeigt hatten. „Der Name hat uns so gut gefallen, dass wir ihn kurzerhand übernommen haben.“

IST-Kollektiv in Erfurt

Die Gruppe zeigt vom 3. bis 18. Oktober in den Räumen der DEF.Inition auf dem Petersberg ihre bislang größte Ausstellung namens „21 Cent“ und präsentieren sich im Interview mit dem t.akt-Magazin sehr dankbar: „Wenn man am Anfang einer Karriere steht, denkt man sich: Oh Gott, wie kriege ich hier überhaupt einen Fuß in die Tür?“, sagt Luca und fügt an: „Die großen Museen und Galerien haben alle nur große Namen im Programm. Leute in unserem Alter bekommen da nur schwer Zugang“.

IST-Kollektiv Erfurt
Das IST-Kollektiv zeigt vom 3. bis 18. Oktober in den Räumen der DEF.Inition auf dem Petersberg in Erfurt ihre bislang größte Ausstellung namens „21 Cent“.© Funke Medien Thüringen | Simon Geppert

Genau dagegen arbeitet das IST-Kollektiv an: niedrigschwellig, kostenlos, ohne dicken Schriftzug über der Tür. „Uns ist wichtig, dass unsere Sachen überhaupt erstmal raus in die Welt kommen“. Dass es auf dem Petersberg klappt, empfinden die beiden als kleine Sensation. „Wir hätten am Anfang nie gedacht, dass wir das innerhalb von anderthalb Jahren schaffen. Wir sind ziemlich stolz“.

Eine Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation

Der Ausstellungstitel „21 Cent“ war anfangs nur ein Arbeitstitel und „eher als Witz reingeworfen“ erklärt Amelie. Dann machte es klick: „Jeder hatte doch schon mal genau diesen Betrag lose in der Tasche, hat reingeschaut und gedacht: Und was mach ich jetzt damit? Aber wenn man dem eine Bedeutung zuschreibt, kann daraus vielleicht etwas Großes werden.“ Doch Cent meint nicht allein Geld: Der englische Begriff „Century“ und damit das Geburtsjahrhundert der Ausstellenden ist implizit enthalten.

IST-Kollektiv Erfurt
Zu sehen gibt es in der Ausstellung Malerei, Fotografie, eine interaktive Videoinstallation – und viel Experimentelles: Latex, zusammengenähte Stoffe, auf die Leinwand gespannt© Funke Medien Thüringen | Luca Engelhardt

Inhaltlich wird das namensgebende „IST“ selbst zum Thema der Schau: eine Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation. Mit einer Einschränkung, auf die die beiden Wert legen: „Wir sind nicht repräsentativ für unsere Generation, die meisten von uns sind sehr privilegiert aufgewachsen.“ Es gehe um einen Anknüpfungspunkt, nicht um eine allgemeingültige Wahrheit.

Malerei, Fotografie, eine interaktive Videoinstallation

Zu sehen gibt es Malerei, Fotografie, eine interaktive Videoinstallation – und viel Experimentelles: Latex, zusammengenähte Stoffe, auf die Leinwand gespannt. „Es geht gar nicht so sehr um die Technik an sich, sondern darum, was man damit vermitteln will“, sagt Luca. Thematisch ist die Spanne groß. Luca beschäftigen die scheinbar banalen und „kleinen Dinge, denen ich eine Wichtigkeit gebe“ Zum Beispiel Kreditkarten.

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Amelie arbeitet an Eskapismus und Wirklichkeitsflucht: „Allein, wenn ich nach einem stressigen Tag nach Hause komme und am liebsten zum Handy greife, um kurz an gar nichts denken zu müssen.“ Spannend findet sie die Zweischneidigkeit – man braucht die Pause, „aber wenn man zu sehr darin versinkt, hat es auch etwas Gefährliches“. Dazu kommen zwischenmenschliche Beziehungen, das Verhältnis von Mensch und Natur und immer wieder persönliche Erinnerungen, die in die Kunst einfließen.

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Erfurt selbst taucht (noch) nicht auf. Aber: „In zwei Jahren taucht vielleicht plötzlich der Dom irgendwo auf, ganz unerwartet“, vermutet Amelie. „Die Stadt beeinflusst uns mehr, als uns bewusst ist.“ Luca beschreibt Erfurt als Wohnzimmer: „Man bewegt sich immer wieder durch dieselben Räume, es gibt nicht diese krasse Kiezaufteilung wie in einer echten Großstadt.“

„Warum teilen wir das nicht?“

Die acht IST-Kollektivmitglieder haben sich zudem ein Begleitprogramm überlegt: Workshops, eine Lesung mit dem lokalen „Brot//los Magazin“, ein Kurzfilm-Screening mit dem Fabrika Short Film Festival und einen Cyanotypie-Workshop mit dem FETA-Kollektiv sind geplant. „Wir kriegen diesen Raum und sogar eine Förderung – warum teilen wir das nicht?“, fragt Amelie und begründet so die Eventkooperationen.

IST-Kollektiv Erfurt
Zu sehen gibt es in der Ausstellung Malerei, Fotografie, eine interaktive Videoinstallation – und viel Experimentelles: Latex, zusammengenähte Stoffe, auf die Leinwand gespannt© Funke Medien Thüringen | Luca Engelhardt

An der Erfurter Kunst-Szene haben die beiden trotzdem etwas auszusetzen: „Wirklich junge Kunst fehlt mir ein bisschen – und Räume, in denen richtig experimentiert werden kann.“ Vieles sei versteckt: „Wer neu dazukommt, braucht wirklich eine Weile.“ Es bräuchte mehr Spaces für Projekte, „die nicht zwingend etwas abwerfen müssen“.

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Einen solchen Space haben sie nun für zwei Wochen oben auf dem Petersberg. Man muss zwar ein paar Schritte hochlaufen, aber: „Man schaltet ab, sieht etwas anderes, nimmt sich diesen Moment“, sagt Luca. Amelie ergänzt: „Wenn man dann hier oben auf diesem krassen Petersberg steht und über die Stadt blickt, das ist einfach ein sehr schöner Ort, um zu reflektieren.“