Die Lage ist top: Zwischen Bahnhof und Fußgängerzone hat die Stadtbibliothek Ilmenau ihren Standort. Aber ein Blick auf das Gebäude irritiert. Sieht aus, als wäre die Immobilie mal etwas ganz anderes gewesen. Und tatsächlich: Die Kaufhallen-Optik täuscht nicht. Nicole Hösch, die sich Abteilungsleiterin Bibliothek nennt, hat vor zwei Jahren diesen Posten übernommen und sitzt jetzt in einem kleinen Büro, das womöglich mal einem Marktleiter als Rückzugsort gedient hat. Als wir miteinander sprechen, ist meine Mission noch geheim. Mit diesem Text aber wird offenkundig: Die Stadtbibliothek Ilmenau erhält den Thüringer Bibliothekspreis 2026. Gemeinsam mit der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen lobt der Landesverband Thüringen im Deutschen Bibliotheksverband seit 2003 alljährlich den Thüringer Bibliothekspreis aus.
Wechsel bringt frischen Wind in die Stadtbibliothek
Nicole Hösch kann Menschen begeistern. Sie liebt ihren Beruf. Sie wirkt zupackend und einfühlsam zugleich. Sie kann mit dem, was sie hier vorgefunden hat, gut umgehen. Und sie plant gerne. Setzt auf Veränderung, auf Verbesserung, darauf, dass noch mehr Menschen diesen Ort schätzen lernen. Auch für einen etwas längeren Aufenthalt.
In der Bibliothek der Technischen Universität hat Nicole Hösch gelernt und dort 28 Jahre gearbeitet. Und warum stand dann ein Wechsel an? „2023 war das Fernstudium in Potsdam beendet“, sagt sie – und der logische nächste Schritt war die Veränderung. Die wissenschaftliche und die städtische Bibliothek liegen nicht weit auseinander in dem Städtchen am Fuß des Thüringer Waldes. Aber es ist natürlich ein ganz anderes Arbeiten, es gibt ganz andere Herausforderungen, ein ganz anderes Publikum – vom Kleinkind, das sich für Bilderbücher interessiert, über Schüler, die hier Hausaufgaben machen und auch mal zocken möchten, hin zu Erwachsenen, die Fachliteratur für die Weiterbildung oder einen Roman zum Ausspannen suchen. Und dann sind da die Seniorinnen und Senioren, die nicht nur Lesefutter suchen, sondern die auf Begegnung in der Bibliothek hoffen.
Kaufhalle wandelt sich zum offenen Treffpunkt
Hoffnungsvoll hat sich Nicole Hösch mit ihrem Team um den traditionsreichen Thüringer Bibliothekspreis beworben. Beeindruckend ist für die Jury, der seit Anbeginn die TLZ angehört, das Konzept und der Weg der Bibliothek zum „Dritten Ort“. Aus der einstigen Kaufhalle soll ein lebensfrohes, gemütliches und ansprechendes Wohnzimmer der Stadtgesellschaft werden.

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Erste Schritte sind bereits getan: Das Konzept bietet mehr Raum – Raum für Menschen, Raum für ein offenes, konsumfreies Miteinander, Raum für Begegnung, chancengleiche Bildung, Freizeit und Teilhabe, Raum für einen „Dritten Ort“ und ein starkes Miteinander. Die Regale wurden umgestellt. Der Bestand neu geordnet. Für manchen Nutzer ist das erst einmal irritierend. Deshalb werden jene, die sich nicht zurechtfinden, auch beim dritten oder vierten Besuch an die richtige Stelle begleitet.
„Die Stadtbibliothek Ilmenau überzeugt mit ihrer konsequenten Neugestaltung aller Bereiche, die eine neue Aufenthaltsqualität ausstrahlen. In ihrem Konzept berücksichtigt die Bibliothek besonders die unterschiedlichen Anforderungen verschiedener Zielgruppen und entwickelt bedarfsorientiert gestaltete Räumlichkeiten und Angebote“, heißt es im Jury-Votum. Wichtig auch: „Ein neuer Lernraum ermöglicht nicht nur konzentriertes Lernen allein, sondern auch ein gemeinsames Lernen in Kleingruppen.“
Neue Angebote für Leseförderung und Begegnung
Der Kinderbereich liegt der Bibliothekschefin besonders am Herzen. So bietet er schon jetzt „neben dem vielfältigen Medienangebot wirkungsvolle Leseförderaktionen und schafft bleibende Erlebnismomente“. Eine neue Ruheinsel als umweltreizarmer Rückzugsort soll entstehen.
Die Jury stellt fest: „Das Team haucht diesem Wohnzimmer Leben ein mit einer zeitgemäßen Medienauswahl und Medienpräsentation sowie einem passenden Veranstaltungskonzept mit niedrigschwelligen, gemeinschafts- und dialogfördernden Formaten.“ Dazu gehören der Rommé-Tag, zu dem auch mal neben den älteren Damen junge Mädchen stoßen, oder die Digitalsprechstunden.
Und wenn sich Nicole Hösch nun etwas wünschen könnte für ihre Bibliothek, das den Preis – immerhin 10.000 Euro – übersteigt? Das dürfte angesichts der Kaufhallen-Optik und der damit verbundenen Nebenkostenproblematik klar sein: ein Neubau. Aber soweit ist es in dem Unistädtchen offenbar noch lange nicht …


Die Thüringer Bibliotheksförderpreise 2026
1. Die Bibliothek Georgenthal (Kreis Gotha) offenbart sich als wahrer Goldschatz im Büchermeer. Das aktive, generationenübergreifende Vermitteln von Literatur, Lese- und Medienkompetenz steht im Fokus der Bibliothek.
Mit dem Preisgeld realisiert sie das Projekt „Generationen-Lesezeit“ und bringt damit Kinder, Jugendliche und Senioren gemeinsam an einen Tisch. Die entstehenden Lesepartnerschaften sollen das Lesen, aber auch den generationenübergreifenden Austausch über persönliche und regionalhistorische Themen fördern. Das Projekt ermöglicht die Einrichtung eines Lese- und Erzählbereichs mit geeigneten Erstlese- und Vorlesebüchern, Großdrucken und Bildbänden.
2. Die Stadt-, Kreis- und Fahrbibliothek Apolda/Weimarer Land strahlt weit in die Region hinein mit ihrem vielseitigen Angebot an Medien und Veranstaltungen für alle Zielgruppen. Sie zeigt, dass gut ausgestattete Bibliotheken für eine lebendige Kulturszene und eine gute Bildungslandschaft im ländlichen Raum unverzichtbar sind.
Mit dem Preisgeld gestaltet die Bibliothek einen neuen, barrierearmen Kinderbereich im Erdgeschoss. Entstehen werden ein Krabbelbereich für Kleinkinder, ein Eltern-Kind-Bereich mit Ratgeberliteratur für Eltern sowie ein Bereich für Grundschulkinder. Im Obergeschoss entstehen Lernmöglichkeiten mit entsprechender Literatur sowie ein Veranstaltungsbereich.




