Wir Thüringer sind Oberlieger, sagt Frank Quilitzsch. Und müssen uns dennoch intensiv Gedanken darüber machen, wie es in diesen dürren Zeiten weitergeht. Das macht er in unserem Austausch deutlich. Er hat jahrelang recherchiert. Ist lange Wege gegangen und legt jetzt sein neues Buch vor, das den Titel trägt: Wenn keine Brünnlein fließen – Thüringen zwischen Dürre und Flut.

Vom großen Wald-Buch zur literarischen Wassersuche: Wir leben in Zeiten von Sturzfluten und von Dürre. Manche sagen immer noch, das seien Wetterkapriolen. Was sagen Sie?

Ich sage erst mal gar nichts. Ich gehe in die Natur und schaue, was los ist. Ich rede mit Umwelt- und Wasserexperten und höre mir an, was Leute, die seit Generationen am und vom Wasser leben, mir berichten. Es ist dramatisch. Hitzewellen und Starkregen nehmen zu, das spürt jeder. Steigende Temperaturen und eine immer größere Anzahl von Sonnenstunden bedeuten mehr Verdunstung sowie Austrocknung der Böden. Und bei Starkregen fließt das Wasser zu schnell ab. Die Folge: Flüsse fallen trocken. Stauseen speichern weniger Wasser. Die Grundwasserstände sinken und regenerieren sich vielerorts nicht mehr.

Frank Quilitzsch
Das Herz von Frank Quilitzsch schlägt für die Natur. Und er sagt ganz deutlich: Nur in einer intakten Umwelt können wir gut leben.© Elena Wisbach | Elena Wisbach

Also doch nicht nur Wetter?

Dass der Klimawandel diese Tendenzen verstärkt und extreme Wetterereignisse noch extremer macht, dazu gibt es seriös keine zwei Meinungen. Die letzten zehn Jahre waren in Europa und weltweit die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Und Wissenschaftler warnen, dass Rekordtemperaturen von 40 Grad auch bei uns schon bald zur Norm werden könnten.

Aber die Brünnlein fließen noch?

In Thüringen, ja. Wir sind „Oberlieger“, haben aufgrund unserer waldreichen Mittelgebirge bessere Karten als die „Flachländler“. Der Wald ist und bleibt unser größter Wasserspeicher. Doch auch hier wird es weniger. Ich war mit Brunnen-Läufern unterwegs – so nenne ich Menschen, die nicht nur alle Quellen im Land kennen und kontrollieren, sondern sie auch hegen und pflegen. Sie haben mir Quellen gezeigt, aus denen früher das Wasser sprudelte und heute nur noch rinnt. In manchen Sommern versiegen sie sogar. Das liege, erklärten sie, an den schneearmen Wintern und viel zu trockenen Frühjahren.

Müssen wir uns Sorgen ums Trinkwasser machen?

Nein. Das Land hat eine Niedrigwasserstrategie, die regelt, wie in Trockenperioden das Wasser verteilt wird. Die Versorgung der Bevölkerung steht da immer an erster Stelle. Ihre Hauptgrundsätze lauten: Natürliche Wasserressourcen schützen, mehr Wasser zurückhalten und Wasser effizienter nutzen!

Regenwasserkanal
Der Leiter des Erfurter Kanalnetzes, Arndt Klecha, kontrolliert einen Regenwasserkanal.© Frank Quilitzsch | Frank Quilitzsch

Verbrauchen wir zu viel Trinkwasser?

Sparen – oder besser: vernünftiger Umgang – hilft in jedem Fall. Der Pro-Kopf-Verbrauch ist tatsächlich gesunken. Aber noch immer fließen von 100 Litern Trinkwasser 30 Liter in die Toilette. Der Erfurter Wasser-Koordinator hat mir dargelegt, wie mit Grauwasser – dazu zählt alles Abwasser, in dem sich keine Fäkalien befinden – in Schulen, Turn- und Schwimmhallen die Toiletten gespült werden könnten. Und wieso sammeln wir nicht noch mehr Regenwasser, um Felder, Parkanlagen und Stadtbäume damit zu gießen?

Wer sind denn diejenigen, die sich mit Wasser am besten auskennen?

Neben den Experten vom Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN) und den Talsperren-Betreibern sind das die Landwirte. Sie haben sich lange an heute kaum noch geltende Bauernregeln gehalten, jetzt nutzen sie die Wetter-App. Ich habe die Leiterin eines nordthüringischen Agrarbetriebs durchs Helme-Hochwasser begleitet. Das Vieh musste im Stall bleiben und gefüttert werden, weil Weiden und Äcker überflutet waren, was zusätzliche Kosten und Ernteausfälle mit sich brachte. Doch ihre größte Sorge galt der Zeit danach. Trockenheit, betonte sie, sei das eigentliche Problem. Und die überbordende Bürokratie!

Frank Quilitzsch
Bei Hitze und Dürre fallen Flüsse trocken, hier die Apfelstädt im Landkreis Gotha. © Frank Quilitzsch | Frank Quilitzsch

In „Wilhelm, wie sieht der Wald wieder aus!“ waren Förster und Baumforscher Ihre Helden. Mit wem waren Sie diesmal unterwegs?

Mit Hydrogeologen, Kanalarbeitern und Naturschützern. Auch ein Bürgermeister, eine Landrätin und ein Pfarrer waren an meiner Seite. Ich habe, weil Vorsorge besser als Schadensbegrenzung ist, die Akteure des Erfurter Klimaentscheids begleitet. Zum Abschluss meiner dreijährigen Recherche bin ich dann die Apfelstädt abgewandert, jeden Tag mit einem anderen Gesprächspartner. Einige Kilometer lief ich allein auf dem trockenen Flussbett. Um den am Rennsteig entspringenden Bergfluss wird seit 2020 heftig gestritten. Anrainer, Mühlenbesitzer und Naturschützer werfen der Landesregierung vor, Wasser für den Betrieb zweier Turbinen abzuzweigen, um in Erfurt grünen Strom zu erzeugen. Das Projekt zerstöre das Ökosystem, kritisieren die Bürger. Ich habe auf meiner Wanderung Stimmen gesammelt, auch die vom Talsperren-Betreiber und vom Thüringer Umweltminister. Ich kommentiere das nicht, der Leser soll sich selbst eine Meinung bilden.

Aber ganz raushalten konnten Sie sich wohl nicht?

Ich kann nicht leugnen, dass mein Herz für die Natur schlägt. Nur in einer intakten Umwelt können wir gut leben.

Wald, Wasser – was kommt noch?

Ursprünglich wollte ich meinen Umwelt-Zyklus mit dem Dialog mit meiner Urenkelin beschließen, habe das Buch aber vorgezogen. Filipa hatte mir Mails aus der Zukunft geschickt! Darauf musste ich als Urgroßvater antworten. Jetzt arbeite ich an einem Science-Fiction-Roman, der noch mal hundert Jahre später spielt, und erhole mich vom Schreiben im Wald und am Wasser.

Frank Quilitzsch
Frank Quilitzsch: Wenn keine Brünnlein fließen – Thüringen zwischen Dürre und Flut. René Burkhardt Verlag, Erfurt, 296 Seiten mit zahlr. farb. Abb., 20 Euro. Das Buch kann direkt im Verlagsshop (www.rene-burkhardt-verlag.de) sowie über den Buchhandel erworben werden. Buchpremiere: Donnerstag, 22. Oktober, 19.30 Uhr, Ernst-Abbe-Bücherei Jena. Weitere Lesungen 2026: Mittwoch, 4. November, 20 Uhr, Menantes-Gedenkstätte Pfarrhof Wandersleben; Samstag, 5. Dezember, 19.30 Uhr, Bürgerhaus Georgenthal.© Frank Quilitzsch | Frank Quilitzsch

Frank Quilitzsch: Wenn keine Brünnlein fließen – Thüringen zwischen Dürre und Flut. René Burkhardt Verlag, Erfurt, 296 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, 20 Euro. Das Buch kann direkt im Verlagsshop (www.rene-burkhardt-verlag.de) sowie über den Buchhandel erworben werden.

Buchpremiere: Donnerstag, 22. Oktober, 19.30 Uhr, Ernst-Abbe-Bücherei Jena.

Weitere Lesungen: Mittwoch, 4. November, 20 Uhr, Menantes-Gedenkstätte Pfarrhof Wandersleben; Samstag, 5. Dezember, 19.30 Uhr, Bürgerhaus Georgenthal