Wer heute die Gegend im einstigen schwarzburgischen Amt Königsee besucht, befindet sich mitten im „Thüringer Kräutergarten“, auch „Olitätenland“ genannt. Hier wachsen und wuchsen besonders viele Kräuter und Pflanzen, die einst in der Volksmedizin eine große Rolle spielten. Ursprünglich galten vor allem Köhler, Pechsieder, Harzscharrer oder Rußer als kräuterkundig, weil sie nicht selten in entlegenen Waldgebieten arbeiteten. Im Krankheitsfall waren sie oft auf sich allein gestellt und hatten sich so eigenes Wissen über die heilende Wirkung von Kräutern angeeignet. Dieses Wissen trugen sie in ihre Heimatdörfer, wo schon seit dem Mittelalter Balsam, Tinkturen, Elixiere und Salben hergestellt wurden.

Sonntag
Der Gute Woche-Newsletter
Alles Gute aus Thüringen in einem Newsletter - jede Woche gute Nachrichten
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Ein gewerbsmäßiger Handel mit Olitäten – das Wort stammt vom lateinischen „Oleum“, also Öl – lässt sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts nachweisen. Der in Großbreitenbach ansässige Apotheker Johann Matthias Möller, dessen Nachname allgemein latinisiert als Mylius zu finden ist, gilt als der Begründer des Thüringer Olitätenhandels. Sein Balsam wurde durch Träger um 1640 erstmals „ins flache Land“ gebracht und erlangte dort große Beliebtheit.
Mit Tinkturen und Balsamen ließ sich Geld verdienen, sodass weitere Laboratorien entstanden. 1710 waren etwa im Amt Königsee 31 Laboranten und 343 sogenannte „Balsamträger“ ansässig. Natürlich gab es auch Menschen, die auf das schnelle Geld hofften und daher betrogen. Die schwarzburgische Regierung in Rudolstadt war immer wieder gezwungen, Beschwerden zu prüfen oder sicherzustellen, dass nur wirklich qualifiziertes Personal Olitäten herstellte.
Zu diesem Zweck wurden eine Zeit lang allein in Königssee Pässe an diejenigen ausgestellt, die von der Regierung als rechtmäßige Olitätenhändler und Hersteller angesehen wurden. Das brachte diesen Männern den Beinamen „Königseer“ ein. Die Balsamträger vertrieben die Waren dabei im gesamten deutschen Raum, wobei jeder Träger einen eigenen (Land-)„Strich“ versorgte. Diesen sicherten sich die Männer nicht selten, indem sie vor Ort den Alleinvertrieb ihrer Waren durch die Zahlung einer Abgabe erreichten. Die Waren wurden auf einem „Reff“, einem auf dem Rücken getragenen Holzgestell, in Spanschachteln und Glasflaschen verpackt, und zu Fuß in die jeweilige Region gebracht.
Über die Jahrhunderte gab es einen stetigen Auf- und Abschwung des Gewerbes. Ein schlechter Ruf wurde immer wieder durch Skandale und Scharlatane begünstigt, sodass das Misstrauen gegenüber den „Buckelapothekern“ und ihren Waren wuchs. Der Vertrieb der Olitäten wurde daraufhin nicht selten unter Strafe gestellt – und die Männer verhaftet, wenn man sie beim Hausieren erwischte. Auch die Behauptung, im Amt Königsee wäre mehr Opium verarbeitet worden, als die gesamte deutsche Ärzteschaft „in Jahrzehnten nicht zu verschreiben“ vermocht hätte, hielt sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hartnäckig. Erst im 20. Jahrhundert verloren jene Vorbehalte an Bedeutung, sodass heute das Kräuterwissen von damals wieder geschätzt wird.




