Das Aufatmen an diesem 3. November 1992, einem Mittwoch, ist groß in Weimar: „Erleichterung: Gemälde nur leicht zerkratzt“ lautet die Schlagzeile der TLZ einen Tag später. Einer der spektakulärsten Kunstdiebstähle in Thüringen ist nur wenige Wochen nach dem Einbruch in das Weimarer Stadtschloss aufgeklärt: „Die acht geraubten Cranach-Bilder sind wieder in der Stadt. Sie waren während einer dreiwöchigen Irrfahrt von Weimar ins niedersächsische Northeim nur leicht beschädigt worden“, heißt es in dem TLZ‑Text. In einer Blitzaktion hatte die Polizei zwei Tage zuvor am späten Abend sowohl Käufer als auch Verkäufer festnehmen können.

Held des Tages ist Michael Menzel, der Leiter der Sonderkommission. „Schon drei Tage nach dem Kunstdiebstahl vom 12. Oktober hatten wir eine heiße Spur nach Niedersachsen“, berichtet er bei einer Pressekonferenz in Erfurt. 9000 Hinweise wurden von der Weimarer Soko überprüft. Die Bande hatte „sich über Jahre hinweg kriminelle Absatzmöglichkeiten für Diebesgut geschaffen und verkauft diese bandenmäßig“, ergänzte Rainer Bruckert von der Abteilung für Organisierte Kriminalität der Kripo in Braunschweig.

Spezialeinheiten der niedersächsischen Polizei hatten die Kunsträuber überrascht und festgenommen. Die Polizei hatte von einer kurz bevorstehenden Verkaufsaktion auf dem Gelände eines Baumarktes erfahren. Gegen 18.30 Uhr, als die Täter Anstalten machten, das Diebesgut auszutauschen, griff die Polizei zu. Die Diebe waren bewaffnet, leisteten aber keine Gegenwehr. Kunstexperten begutachteten noch in der Nacht das Diebesgut – die Erleichterung war groß: Offenbar hatten die Täter die wertvollen Gemälde übereinander gelagert, ohne die Aufhänger zu entfernen. Das Luther-Porträt, das aus einer Glasvitrine gestohlen worden war, erlitt außerdem durch leichte Glassplitter Schäden.

Die Diebe waren durch ein Fenster in die – wie sich danach herausstellte – unzureichend gesicherte Schloss-Sammlung eingestiegen und hatten acht wertvolle Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553) und seiner Werkstatt entwendet, darunter das bekannte Werk „Martin Luther als Junker Jörg“. Der Wert der geraubten Bilder wurde auf 63 Millionen D-Mark geschätzt. Die Kunstdiebe hatten leichtes Spiel. Denn die Wege zu den Märkten im Westen waren in der Nachwendezeit weit offen und die Museen der ehemaligen DDR zu jener Zeit kaum gesichert. Weder die damalige Alarmanlage noch das Wachpersonal konnten den Einbruch verhindern. Wie sich im Zuge der Ermittlungen herausstellte, war die Galerie im Schloss von der Bande bereits im August 1992 ausgespäht worden.
Der Kunstraub von Weimar wurde zum Weckruf für den Schutz von Kulturgut in der gesamten deutschen Museumslandschaft. Bundesweit galt es, die Sicherheitsarchitektur von Museen zu überprüfen. Der Raub von Weimar hatte bewiesen, dass kriminelle Banden den Umbruchprozess in den neuen Ländern gezielt ausnutzten, um Kunstwerke zu stehlen und sie auf dem internationalen Markt zu verkaufen.
Die Haupttäter wurden später zu Haftstrafen von acht und elf Jahren verurteilt.




