Nur fünf Minuten bis zu Atelier und Theatertreff

Dieter von Levetzow erinnert sich an seine Weimarer Zeit

In einem Gutshof lebt und arbeitet von Levetzow. Seit 70 Jahren ist er als Bildhauer aktiv. Foto: Matthias Duschner/Ruhr Revue

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Jede Technik, die er zur Ausübung seines Berufes benötige, habe er damals an der Kunstakademie in Weimar gelernt. Dieter von Levetzow ist an seinem einstigen Studienort zu Besuch, wo er ab 1941 Bildhauerei studierte. Eine einzige Sache habe er damals nicht gelernt: den Preis machen. "Das ist so etwas Furchtbares für einen Künstler, zu entscheiden, was nehme ich dafür", sagt er. "Zum Glück helfen mir dann immer die Kunsthändler ganz gut", die wollten ja schließlich auch etwas verdienen.

Weimar sei eine "wunderschöne Studentenstadt" gewesen, sehr ruhig, angenehm provinziell, sagt von Levetzow heute. 1940 kam er mit seinen Eltern von Bad Pyrmont in Niedersachsen nach Weimar. Die Idee, Künstler zu werden, sei ihm nicht schwer gefallen: "Wenn man faul war in der Schule, blieb einem nichts anderes übrig." Drei Semester studierte er Bildhauerei, von morgens halb neun bis abends elf Uhr. Solche Studienzeiten waren "kein Thema", ebensowenig wie der "freiwillige" Arbeitseinsatz in Fabriken während der Sommerferien. Dieter von Levetzow war jedes Jahr für die Junkerswerke in Magdeburg eingeteilt.

1943 wurde von Levetzow eingezogen und war zwei Jahre lang Soldat. Nach Kriegsende und Gefangenschaft in Polen und Russland schrieb er sich erneut an der Hochschule ein. Lange aber blieb er nicht. Einerseits spürte er, dass ein anderer Wind an der Hochschule wehte: Als Blaublütiger, wie er sagt, hätte er dort nie einen Stich machen können. Außerdem beobachtete er, was um ihn herum geschah und bekam ein ungutes Gefühl: Wieder mussten die Studenten "freiwillig" helfen - diesmal den Russen. Allerdings kamen von diesen Einsätzen nicht alle zurück, "da bin ich dann über die grüne Grenze", erzählt von Levetzow. Eine zeitlang war er mit einer Wanderbühne in Schleswig unterwegs, dann machte er sich am Niederrhein als Bildhauer selbstständig. Den Wunsch, in Hamburg noch ein Semester zu studieren, hatte er aufgeben müssen: Als Nicht-Hamburger bekam er kurz nach dem Krieg keine Lebensmittelkarten.

Brief von einem Toten

Nach Weimar wollte von Levetzow nie zurück. "Die Kameraden waren doch alle verstreut", erklärt er sich. Aber er besuchte regelmäßig seine Eltern, die mehrere Jahre in Weimar blieben. Von hier schickten sie ihm Glasaugen aus Thüringen, die er benötigte, als er bereits am Niederrhein lebte und zunächst zwei Jahre lang Schaufensterpuppen reparierte. Sein Vater starb in Weimar, und seine Mutter ging erst Ende der 1950er in den Westen.

Während des Studiums lebte von Levetzow mit seinen Eltern in der Hummelstraße, heute serviert dort ein Restaurant italienische Antipasti. Für den Studenten war es von dort nicht weit zur Theaterkneipe am Wittumspalais. Von Levetzow durfte hinein, weil es eines der Weimarer Lokale ohne Jugendschutzbestimmungen war. Dort lernte er auch den SA-Staatsrat Ziegler kennen. Zurück aus der Kriegsgefangenschaft, erreichte von Levetzow die Nachricht von dessen Tod. Und dann eines Tages, längst in Westdeutschland, erreichte ihn eine Karte von Ziegler: "Er hatte sich als Nazi in Weimar beerdigen lassen und hatte dann in Westdeutschland neu angefangen", fasst von Levetzow jenen Werdegang zusammen.

In Weimar erinnert er sich auch immer wieder an den Bäcker Arno, der am Marktplatz einen Laden mit stolzem Wappen über der Tür hatte. Dieser Bäcker war eine Adresse in der Stadt, weil er armen Leuten mit Lebensmitteln aushalf. Auch wie Adolf Hitler vor dem Hotel Elephant vorfuhr, ist von Levetzow im Gedächtnis geblieben. Er habe damals zufällig am Straßenrand gestanden. Als er seinem Vater von dem Ereignis erzählte, kommentierte dieser es mit den Worten: "Das kann nicht wahr sein, das ist ja Einbahnstraße!"

Dieter von Levetzows lebhafte Gesten in Bronze

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