Theater Gera: Ein Opfer für den Frieden von Hellas

Das Theater Gera zeigt eine Neubearbeitung und Premiere von "Iphigenie in Aulis".

Fleht um Erbarmen:Iphigenie (Nora Undine Jahn) mit Agamemnon (Bruno Beeke). Foto: Stephan Walzl

Fleht um Erbarmen:Iphigenie (Nora Undine Jahn) mit Agamemnon (Bruno Beeke). Foto: Stephan Walzl

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Gera. "Das Leben eines Mannes ist mehr wert als das von tausend Frauen", proklamiert Iphigenie im Angesicht ihres nahenden Todes. Aufrecht und entschlossen steht sie in Geras Theater für "Iphigenie in Aulis" auf den grauen, die griechische Insel Aulis symbolisierenden Kunstfelsen. Mit weichen, herzlichen Bewegungen, aber nichtsdestotrotz großzügig pathetisch, kokettiert sie mit ihrer Rolle des Menschenopfers in spe.

Auch wenn sich heute die Geister an Aussagen wie diesen scheiden mögen, so muss man doch die Tollkühnheit der jungen Wortführerin bewundern - und die starke, unaufdringliche Ausdruckskraft ihrer Mimin. Jener langhaarigen, brünetten Kindfrau mit den großen Augen (Nora Undine Jahn), die zu Beginn des nach der antiken Vorlage von Tragiker Euripides inszenierten Dramas "Iphigenie in Aulis" (Regie und Bearbeitung: Dieter Nelle und Ulrich Sinn) im weißen, (Kunst-)blutbesudelten Kleid an einen schwarzen Metallvorhang klopft. Panisch rennt die junge Frau über die Bühne, flieht scheinbar. Wovor - dieses Rätsel bleibt offen.

Der "eiserne" Vorhang, wird sich alsbald lüften und den Blick auf die Felsen, schwarze Schlauchboote und einen viereckigen, cremefarbenen Stoffpavillon freigeben (Bühne: Mirko Hensch). Und auf Iphigenies glatzköpfigen und ernsthaften Vater Agamemnon (in einer Paraderolle als autoritärer, tief zerrissener Taktierer und wohlpointiert agierender Familienvater in khakifarbener Tarnkleidung: Bruno Beeke), dessen authentisch gespielter, innerer und äußerer Widerstreit zwischen der Liebe zu Iphigenie und seinen Pflichten als Militärführer hellenischer Truppen die Frucht einer verzwickten politischen Situation ist.

Es herrscht Krieg zwischen Griechen und Trojanern. Um jedoch schlagkräftig zum Kampf ziehen zu können, benötigen die Schiffe der Hellenen Wind. Der bleibt Agamemnon und seinen Truppen jedoch so lange verwehrt, bis Iphigenie geopfert wird. Das nötige hat er bereits in die Wege geleitet: Er schickte nach der Tochter, die nun zusammen mit ihrer Mutter Klytaaimestra (mit großer emotionaler Tiefe und vollem Körpereinsatz trotz weiß-grauem Satingewand: Katharina Weithaler) und ihrem kleinen Bruder Orest nach Aulis eilt, um ihre (von Agamemnon als Vorwand erfundene) Hochzeit mit dem nichtsahnenden Heros und Truppenführer Achill (dynamisch mit Dread-Zöpfen, aber immer eine Spur zu steinern gespielt: Henning Bäcker) zu feiern.

Blüten sollen zum Totenbett werden

Zwischenzeitlich scheint der Vater von dem grimmigen Entschluss, sein Kind zu opfern, abzurücken. Die Nebencharaktere des Menelaos (als schauspielerisch ohne Abstriche überzeugendes Beiwerk eigentlich zu schade: Manuel Kressin) und des mit warmherziger Aufopferung gemimten Getreuen Alten (Peter Prautsch) appellieren an das Herz des Taktierers. Doch noch bevor sich das Unheil abwenden lässt, trifft der Besuch ein. Als Klytaimestra erfährt, was ihr Kind erwartet, das die auf den Felsen ausgebreiteten (Kunst-) Blüten ihr Totenbett sein werden, ist sie außer sich. Sie beschwört Agamemnon, wirft sich Achill um Hilfe flehend zu Füßen. Auch der nicht ganz glücklich gewählte, weil teils zu hölzern und aufgesetzt gespielte Frauenchor, der als zeitgenössische Teenie-Reise unter der Leitung von Vanessa Rose - welche leider der Tragik des Stückes humorvoll-frech gespielte Nuancen zu verleihen versucht - getarnt ist, hält Klytaimestra und Iphigenie die Treue.

Doch dies alles soll zu keiner guten Wendung führen - der grau-schwarze, in einer Rotunde gespannte Kulissenhintergrund weist schon früh auf das drohende Unheil, die Ausweglosigkeit des Vorhabens hin. Gleich Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" korrespondiert er sowohl triste Melancholie und die Verheißung von Freiheit und Ferne, transportiert aber auch das Gefühl von Einsamkeit und göttlicher (metaphysischer) Eingebung. Auch Iphigenie wehrt sich zuerst gegen die Pläne von Vater und Göttern, doch schlägt das Flehen ("Ich bin zu jung zum Sterben") überraschend schnell in die Schicksalsfügung um. Sie sucht Blumen zur Opferung zusammen, übergießt sich mit Kunstblut, um Hellas den Frieden zu bringen und in die Geschichte einzugehen.

Dass das Spiel um ein Menschenopfer an die Grenzen des Begreifbaren rührt und tiefe emotionale Täler offenlegt, sei für Regisseur Dieter Nelle ein willkommenes Mittel, den Zuschauer an den antiken Stoff heranzuführen, heißt es im Programmheft. Die Schwere des Stückes macht es jedoch nicht bekömmlicher. Dafür schaffen die Schauspieler dieses Kunststück mit einer Leichtfüßigkeit, die alle Zwiespalte gleichsam demokratisch und pazifistisch überwindet und den Abend zum runden Erlebnis macht - trotz zuweilen sanften Dahinplätscherns der Handlung und oft vorhersehbaren Wendungen.

Weitere Vorstellungen am 4. und 10. Mai

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