Wenn Markus Lanz ungeduldig nachhakt, weiß man: Er hat sich festgebissen. In seiner Sendung vom Dienstagabend ist es Ex-Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), die sich immer wieder in Widersprüche verheddert – zwischen alten Zitaten, neuen Rechtfertigungen und dem Anspruch, ihre Amtszeit in einem guten Licht erscheinen zu lassen. 

Nancy Faeser, heute Bundestagsabgeordnete, wirkt an diesem Abend streckenweise wie eine Politikerin, die zwischen Verteidigung und Rechtfertigung schwankt. Als Markus Lanz sie mit ihren Aussagen aus früheren Jahren konfrontiert, etwa ihrer kategorischen Ablehnung stationärer Grenzkontrollen – wie „Schlagbäume wieder hochzuziehen, wird uns um Jahrzehnte zurückwerfen“ –, bleibt sie in der Antwort vage. 

Lesen Sie auch: „Markus Lanz“: Zur Gaza-Frage hat von Schirach nur eines zu sagen

Später räumt sie selbst ein, im Oktober 2023 genau solche stationären Kontrollen eingeführt zu haben – und begründet das als „notwendigen Lernprozess“. Der Hintergrund: 2022 war Deutschland durch den Krieg in der Ukraine und steigende Asylanträge aus Syrien oder Afghanistan stark belastet. Viele Kommunen klagten damals über Überforderung. Lanz insistiert und zwingt Faeser mehrfach in eine Ja-oder-Nein-Situation. „Ja oder nein?“, verlangt er, als es um die Frage geht, ob die Bundesregierung 2022 zu spät auf steigende Flüchtlingszahlen reagierte. Faeser will sich nicht festlegen, spricht von „Populismus“ in der zugespitzten Fragetechnik des Moderators. Doch das wirkt eher ausweichend als souverän.  

Mehr Politik-News

SPD-Kehrtwende bei Grenzkontrollen: Robin Alexander kritisiert scharf

Der stellvertretende „Welt“-Chefredakteur Robin Alexander bringt den Konflikt der Debatte auf den Punkt. Er erinnert daran, wie sehr die SPD sich von ihrer früheren Haltung entfernt habe: „Wenn man 2015 oder 2016 gesagt hat, man könne an der Grenze etwas machen, hieß es von Sozialdemokraten: Nein, das geht nicht. Heute sagt eine SPD-Politikerin: Wir müssen stärker kontrollieren.“ 

Alexander macht zudem unmissverständlich klar, dass er Faesers Rolle bei der Veröffentlichung des Gutachtens zur AfD kritisch sieht. Dass dieses genau an ihrem letzten Amtstag veröffentlicht wurde, sei „nicht gut“ und habe den Eindruck politischer Einflussnahme erweckt. Faeser widerspricht, doch je länger die Diskussion dauert, desto eher hat man den Eindruck, dass sie in Erklärungsnot gerät.

211467_366_cover.jpg
Wieviel Scholz steckt in Merz?
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Gerald Knaus warnt vor Fehlschlüssen in der Migrationspolitik

Ganz anders der Ton von Migrationsforscher Gerald Knaus. Er ordnet die aktuellen Entwicklungen in einen längeren europäischen Zusammenhang ein. Seine Warnung: „Wer es nach Griechenland geschafft hat, schafft es auch nach Deutschland und Österreich“, sagt er, und hält die Erfolgsmeldungen über sinkende Asylzahlen für gefährlich kurzschlüssig. 

Politik könne nicht an Mauern und Zäunen hängen bleiben. Außerdem stellt Knaus klar: Die Zurückweisungen an Grenzen dürften in naher Zukunft europarechtswidrig bewertet werden – ein Problem, das die Union, so sein Hinweis, schlicht verdränge.  

SPD und die Wähler: Entfremdung als Streitpunkt in der Talkrunde

Faeser verweist immer wieder auf gesunkene Zahlen und beansprucht, bereits Ende 2023 eine „Migrationswende“ eingeleitet zu haben. 55 Prozent weniger Zuwanderung nennt sie als Bilanz.

Die Sendung demonstriert, wie stark die Migrationspolitik der vergangenen zehn Jahre das Land verändert hat – und wie schwierig es ist, in dieser Gemengelage konsistent zu bleiben. Nancy Faeser versucht, ihre Linie als Kurs der Realpolitik darzustellen, scheitert aber oft an den eigenen Widersprüchen. 

Auch interessant

Robin Alexander nutzt dies für scharfe Kritik an SPD und Bundesregierung, während Gerald Knaus nüchtern die langfristigen Risiken benennt.  Lanz hält mit bohrenden Fragen die Widersprüche offen – und legt damit die Bruchlinien frei, die Deutschland seit 2015 in der Migrationspolitik begleiten: zwischen Willkommenskultur, Abschottung und Realpolitik.