Das ZDF nennt es Jahresrückblick, Markus Lanz macht daraus ein Kaleidoskop aus Krisen, Kommentaren und kleinen Lichtblicken. „Was passiert, wenn wir den Kompass verlieren?“, fragt er gleich zu Beginn. Eine Frage, die nach zwei Stunden Sendezeit unbeantwortet bleibt – und doch das Gefühl der Gegenwart ziemlich genau trifft. 

„Die Welt wird so seltsam unklar. Was ist wahr, was nicht?“ Lanz spricht von einem Jahr, das „reihenweise alte Gewissheiten abgeräumt“ habe, und markiert die Bruchstellen des Jahres: der zweite Amtsantritt von Donald Trump, Europa im Zweifel, Kriege in der Ukraine und in Gaza, die deutsche Innenpolitik im Streitmodus. „2025 hat Dinge in Bewegung gebracht, hat sie infrage gestellt wie kaum ein Jahr zuvor“, sagt er, bevor er an seine Gäste übergibt.

Herbert Grönemeyer bei Lanz: Kritik an Politik und fehlender Ansprache

Im Studio richtet sich der Blick zunächst auf Deutschland. Sänger Herbert Grönemeyer versucht, die Krisenstimmung nicht einfach stehen zu lassen. Deutschland sei eine „kluge, humanistische Gesellschaft“, sagt er. Gleichzeitig beschreibt er eine Entfremdung, die in diesem Rückblick immer wieder auftaucht: „Dass mit dem Volk gesprochen wird, ist in den letzten 10 Jahren nicht passiert!“

Neben Grönemeyer sitzen die Oberbürgermeister Sören Link (SPD, Duisburg) und Dennis Rehbein (CDU, Hagen). Rehbein formuliert es als Auftrag an den Staat: „Wenn sich Menschen nicht sicher fühlen, müssen wir verdammt nochmal dafür sorgen, dass sie sich sicher fühlen.“ Link setzt auf Handlungsdruck aus der Mitte: „Wir müssen als demokratische Mitte zeigen, dass wir die Probleme lösen können.“

Lanz greift dabei die politische Debatte auf, die uns zuletzt stark beschäftigt hat: „Hat die Stadtbild-Debatte geholfen oder hat die geschadet?“ Rehbein antwortet nüchtern: „Im Kern war sie mir zu pauschal, zu einfach.“ Das Thema sei „viel breiter als nur Migration“.

Lars Klingbeil im Einzelinterview: Hauptsache Sparen

Deutlich konfrontativer wird es im Einzelinterview mit Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil. „Wie pleite sind wir wirklich?“, fragt Lanz. Klingbeil verweist auf Reformstau, internationale Krisen, lange Wirkungszeiten politischer Entscheidungen. Konkreter wird er dort, wo es weh tut: „Jeder wird spüren, dass wir sparen.“ Ob Steuererhöhungen folgen, lässt er offen — ein Gespräch, das weniger Antworten liefert als politische Unsicherheit sichtbar macht.

Aus New York ist Annalena Baerbock zugeschaltet, Präsidentin der UN-Vollversammlung. Sie beschreibt die Vereinten Nationen als Organisation unter Druck: „Die Vereinten Nationen stehen an einer Wegscheide: politisch unter Druck, finanziell unter Druck.“ Die UN seien „unsere Lebensversicherung“. Mit Blick auf die Ukraine sagt Baerbock klar: „Es ist an Russland, diesen Krieg einzustellen.“ Ob man diese Klarheit auch in Gaza finde? Baerbock antwortet allgemeiner: Jeder Mensch habe gleiches Recht auf Sicherheit.

Selenskyj bei Markus Lanz: Bedingungen für Frieden und Wahlen im Krieg

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht in einem vorab aufgezeichneten Gespräch über die Bedingungen für ein mögliches Kriegsende. „Wir brauchen starke Sicherheitsgarantien“, sagt er und betont, diese Frage hänge „nicht allein von Russland ab und nicht vom Präsidenten der USA“. Auch Europa müsse Verantwortung übernehmen. Es gebe territoriale Fragen, „sehr schmerzhafte“, wie er sagt. 

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Gleichzeitig bemüht er sich um diplomatische Balance: Die USA seien Vermittler, hätten geholfen, „schon vieles auszuarbeiten“. Auf die Frage nach seiner politischen Zukunft erklärt Selenskyj, er wolle Wahlen nicht verhindern. Für Abstimmungen während laufender Kampfhandlungen müsse jedoch das Gesetz geändert werden. Für Wahlen ohne Frieden brauche es zumindest einen Waffenstillstand.

Ein Praktikum für eine elfjährige Abiturientin?

Zwischendurch setzt die Sendung Gegenbilder: Taylor Swift, das Comeback von Oasis, der EM-Titel der Basketballer, Astronautin Rabea Rogge. Und die elfjährige Abiturientin Lina Heider, von der Lanz sagt, sie sei ein Beispiel dafür, „dass dieses Land auch etwas richtig macht“. Er bietet ihr augenzwinkernd ein Praktikum beim ZDF an. Bei all dem Chaos ein vertrautes Rollenbild: wohlmeinende Anerkennung, formuliert aus der Perspektive des älteren Mannes – und damit nicht frei von einem paternalistischen Unterton.

Später erzählen Jouanna Hassoun und Shai Hoffmann von ihrer Arbeit mit Jugendlichen zum Nahostkonflikt. Hoffmann spricht von „apokalyptischen Zuständen“, Hassoun von einer Lage, die sich nach Winterstürmen weiter zuspitzt.

So wird „Markus Lanz – Das Jahr 2025“ weniger eine große Erzählung als eine Abfolge von Schlaglichtern – manchmal sehr nah an der Realität, manchmal sehr fern davon. Der „Kompass“, von dem Lanz am Anfang spricht, taucht immer wieder auf. Nur zeigt er an diesem Abend nicht auf eine Richtung, sondern auf das Durcheinander selbst.