„Sie singen das Lied der AfD“ – mit diesem Satz fährt Autorin Jana Hensel CDU-Politiker Sepp Müller in die Parade. Bei „Markus Lanz“ kippt die Debatte über Ostdeutschland in einen offenen Schlagabtausch über Migration – und Moderator Markus Lanz mischt sich plötzlich selbst deutlich ein.

Im Studio sitzen an diesem Abend Müller, stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion und Chef der CDU-Landesgruppe Sachsen-Anhalt, der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert, Ökonomin Nicola Fuchs-Schündeln vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und die Publizistin Jana Hensel, selbst in Leipzig geboren. Thema: die politische Stimmung im Osten – und der Erfolg der AfD.

Markus Lanz: CDU-Mann Sepp Müller schildert die Lage in Vockerode

Doch lange bleibt es nicht bei Strukturanalyse. Müller berichtet von seinem Heimatort Vockerode: 600 Einwohner, 1200 Flüchtlinge. „Dass das was mit den Menschen macht!“ Die Politik habe Sorgen zu lange nicht ernst genommen.

Von „Massenmigration“ könne im Osten „schlicht nicht“ die Rede sein, kontert Hensel. Der Ausländeranteil sei von rund fünf auf acht bis zehn Prozent gestiegen – „das muss eine Gesellschaft verarbeiten“. Sie spricht von einem „verfestigten Migrationsdiskurs“ der Union, dem Müller „offenbar immer noch nicht abschwören“ wolle.

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Müller widerspricht vehement und verweist erneut auf Vockerode. Er insistiert, man könne Ostdeutschen nicht abstrakt erklären, die Lage sei statistisch unauffällig, werde vor Ort aber anders erlebt. Hier prallen zwei Ebenen aufeinander: die statistische Einordnung und das subjektive Empfinden.

Magdeburg, Brokstedt, Hamburg – Markus Lanz verschärft die Debatte

An dieser Stelle greift der Moderator Markus Lanz selbst hart ein – und verändert die Tonlage der Sendung. Er listet Fälle auf: Magdeburg, Dresden, Brokstedt, der brutale Angriff in Hamburg, bei dem ein aus einem Geflüchtetenlager eingeflogener Mann eine junge Frau mit auf die Gleise reißt. Lanz sagt, er habe „schon das Gefühl“ gehabt, dass man solche Taten oft „weggenuschelt“ habe, aus der Sorge heraus, eine offene Debatte könne „nicht gut für das gesellschaftliche Klima“ sein – und dann heiße es sofort, man „singt das Lied der AfD“.  

Lanz kritisiert: „Ich habe das immer für grundfalsch gehalten.“ Seine zentrale Frage zielt auf das subjektive Erleben: „Was macht das mit dem Sicherheitsgefühl von Menschen, die in Zukunft auf dem Bahnhof stehen?“ Es gehe nicht nur um „nackte Zahlen“, sondern um Emotionen, um Vertrauen in den Staat, darum, ob sichtbare Grenzüberschreitungen Konsequenzen haben.  

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Hilft schärfere Sprache der AfD? Streit über Rhetorik und Verantwortung

Zweiter Konflikt: Es geht um die Frage, ob politische Sprache selbst das Problem verschärft. Hensel wirft Müller vor, mit seiner Art zu reden, die AfD groß zu machen; Ökonomin Fuchs-Schündeln warnt vor „Antimigrationsrhetorik“, von der am Ende vor allem rechte Parteien profitieren. Sie plädiert dafür, „in der Rhetorik abzurüsten“, wenn man die Demokratie stabilisieren will.  

Müller wiederum kritisiert den aus seiner Sicht belehrenden Ton aus „Berliner Kreisen“. Man müsse nur „andere Worte finden“, dann werde schon alles gut – diese Haltung greife zu kurz. Er sagt: „Natürlich brauchen wir Einwanderung“, natürlich seien „nicht alle Fehler“ richtig adressiert worden. Aber gerade im Osten träten demografische Brüche und wirtschaftliche Umbrüche früher und härter zutage. Wenn diese Erfahrungen nicht ernst genommen würden, entstehe jene Lücke, in die die AfD stoße.

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Ukraine, Antiamerikanismus und das Bedürfnis nach einem „Ventil“

Kühnert hält dagegen, dass sich aus dieser Gemengelage nicht automatisch eine zwangsläufige Rechtsverschiebung ableiten lasse. Er erinnert daran, dass Ostdeutsche ihren Protest lange „nach links getragen“ hätten und linke Parteien früh vor Putin gewarnt hätten – während heute viele, die bei Migration „Recht hatten“, das als Generallegitimation für andere Themen reklamierten.  

Als Lanz versucht, Müller „den Blutdruck zu senken“ und auf die Ukraine und Antiamerikanismus überzuleiten, zeigt sich, wie vollgeladen dieser Abend ist. Müller erzählt von Menschen, die sich bestätigt fühlen, wenn die USA Fehler machen – „Wir haben es doch gesagt“ – und warnt erneut davor, Meinungen keinen Raum zu lassen. Daraus entstehe der Druck, sich ein „Ventil“ zu suchen.

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Parteien als „eine Soße“: Kevin Kühnerts Analyse der politischen Entfremdung

Kühnert nennt diesen Gedankengang „nicht schlüssig erklärt“ und verweist erneut auf frühere Warnungen vor Russland. Die Runde streift damit ein weiteres Großthema, ohne es zu vertiefen. Migration, Energiepolitik, Ukraine, Antiamerikanismus – vieles wird angerissen, wenig abschließend sortiert.

Diese „Markus Lanz“-Ausgabe zeigt, wie viel das Format leisten kann – und wo seine Grenzen liegen. Stark ist der Abend, wenn Hensel, Fuchs-Schündeln und Kühnert strukturelle Erklärungen liefern: Ostdeutschland als „andere gesellschaftliche Formation“, ungleiche Vermögen, gebrochene Biografien, fehlende Erfahrung politischer Wirksamkeit, Parteien, die als „eine Soße“ wahrgenommen werden. Überzeugend ist die Sendung auch dort, wo unterschiedliche Perspektiven klar benannt werden, ohne sie vorschnell aufzulösen.

Riskant wird es da, wo Lanz seine Rolle als Moderator verlässt und zum emotionalen Ankläger wird. Sein Drängen auf das „Sicherheitsgefühl“ ist nachvollziehbar – aber es verstärkt die Fokussierung auf spektakuläre Einzelfälle und verschiebt die Sendung in Richtung eines emotionalen Sicherheits-Talks, während andere, weniger bildstarke Ursachen – Vermögen, Demografie, Strukturpolitik – zu kurz kommen.

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