Der Sommer 2018 ist schon lange her, doch diesen Moment werden viele Fußballfans wohl nicht vergessen haben. Wenige Wochen nach der verkorksten Weltmeisterschaft in Russland stieg Mesut Özil in einen Flieger. Sein Management veröffentlichte drei aufeinander aufbauende Statements auf Social Media. Es war die Abrechnung des Profisportlers mit Fußball-Deutschland. Denn sein Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan hat nicht nur bei der deutschen Nationalmannschaft für viel Wirbel gesorgt – es hat ein politisches Beben ausgelöst. Özil – einst gefeierter Vorzeigemigrant – war zum Sündenbock geworden. Diesem Auf und Ab widmet sich nun die neue ZDF-Doku-Serie „Mesut Özil – zu Gast bei Freunden“, mit spannenden Details und mutigen Fragen.

Sportdokumentationen über die deutschen Fußball-Weltmeister von 2014 liegen im Trend: 2020 erschien eine Bastian-Schweinsteiger-Doku (produziert von Til Schweiger) und erst kürzlich veröffentlichte die ARD eine Kurzserie über Jérôme Boateng. Die drei Özil-Kurzfilme des Regisseurs Florian Opitz reihen sich also ein in eine immer größer werdende Flut von filmischen Aufarbeitungen. Ähnlich wie Boateng ist Özil in der öffentlichen Wahrnehmung eine umstrittene Figur geworden. Der Filmemacher Opitz spricht mit ehemaligen Mannschaftskameraden, Trainern, Managern und Beratern des einstigen Ausnahmetalents sowie Zeitzeugen, Sportjournalisten und auch Özils engstem Umfeld. Und so wird die O-Ton-Doku zu einem zeithistorischen Dokument über eine Phase, in der die deutsche Gesellschaft wieder verstärkt nach rechts rückte.

Auch interessant

Özil-Doku im ZDF: Wie denkt der Regisseur Florian Opitz über sein Projekt?

Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt Opitz, dass es äußerst schwierig gewesen sei, Protagonisten vor die Kamera zu holen. Das Thema Özil sei auch acht Jahre nach dem Erdoğan-Foto vergiftet. „Fußballer und Menschen aus dem Fußballgeschäft geben ohnehin selten substanzielle Interviews, aber bei diesem Thema, dem gefühlt größten Fußballskandal beziehungsweise Fußball-Shitstorm der letzten Jahrzehnte, hatten scheinbar alle Angst, etwas Falsches zu sagen. Angst, entweder als Rassist oder als Erdoğan-Freund abgestempelt zu werden“, berichtet der Journalist. Erst mit etwas Unterstützung aus der Fußballbranche sei es dann gelungen, Gespräche mit Wegbegleitern zu führen.

Özil selbst war nicht zu einem Interview bereit. „Da ich keinerlei Karten im Fußballgeschäft habe, mich wirklich für neutral halte, dachte ich, wir könnten ihn vielleicht überzeugen, mit uns zu sprechen. Auch sein Kollege und Freund Hamit Altintop hat sich für uns verwendet. Es wäre sicher eine Chance gewesen für ihn, Dinge geradezurücken. Aber er hatte kein Interesse“, so der Regisseur. Letztlich ist sich Opitz allerdings sicher, dass Özils Schweigen „zur Objektivität der Serie beigetragen“ habe.

Auch interessant

Dokumentation über Mesut Özil: Das sehen die Zuschauer in der neuen ZDF-Serie

Und so nähert sich Optiz also in drei Abschnitten dem, der Mesut Özil wirklich ist. Und das ist gar nicht so leicht, wie selbst enge Freunde und ehemalige Mannschaftskollegen sagen. „Keiner kennt ihn“, weiß Hamit Altintop, der einst bei Schalke 04 mit ihm kickte. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in Gelsenkirchen, als Enkel eines Gastarbeiters, macht Özil schon früh Erfahrungen mit Rassismus.

Trotz seines Talents ist in größeren Vereinen anfänglich kein Platz für ihn. „Wir haben kurzzeitig überlegt, ob ich nicht meinen Namen ändere: in Thomas“, berichtet Özil in einem Interview mit Frank Buschmann. Der Sportreporter sprach 2017 mit ihm über seine Autobiografie „Die Magie des Spiels“. Es ist das längste und zeitgleich letzte Interview, das er einem deutschen Reporter gibt und das durch die Doku nun erstmals im Fernsehen zu sehen oder vielmehr zu hören ist.

Mustafa Özil, Mesut Özil – zu Gast bei Freunden
Mustafa Özil, Vater von Mesut Özil, im Interview.© ZDF | ZDF

Während Mesut Özil selbst keine aktuellen Einordnungen oder Erklärungsversuche abgibt, spricht sein Vater Mustafa in der Serie über seinen Sohn, dessen Talent und die vielen Jahre, in denen er ihn begleiten durfte. Wie er ihn als jungen Teenager zu Rot-Weiß Essen brachte oder wie die ersten Gespräche mit Schalke 04 abliefen. Es folgen die Bundesliga-Premiere bei „den Knappen“ und der Wechsel nach Bremen. Die erste große mediale Schelte, weil der von Özil abgelehnte Vertrag bei Schalke in der „Bild“-Zeitung landet. „Er ist nicht derjenige, der raffgierig ist. Das ist nicht der Charakter, den ich bei Mesut irgendwie gesehen hätte“, erinnert sich sein Oberschullehrer Christian Krabbe.

In Bremen wird Özil zum Star, im Sommer 2009 mit der U21 des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dann Europameister und im Februar 2010 macht Joachim Löw ihn zum A-Nationalspieler. „Ich bin genauso stolzer Türke und genauso stolzer Deutscher. Aber zu Deutschland habe ich eine ganz andere Verbindung, weil ich halt dort geboren und aufgewachsen bin“, sagt Özil 2017 noch über diese Zeit. Trotz großer Umwerbungen durch den türkischen Verband läuft er für Deutschland auf. Er ist der erste türkischstämmige Fußballer, der das macht. „Ich fand‘s cool, dass einer mit dem ,Ö‘ im Namen bei der deutschen Nationalmannschaft ist“, meint Journalistin und Autorin Özlem Topçu („Wir neuen Deutschen“). Doch in der Türkei sorgt die Entscheidung für Deutschland für Empörung.

Auch interessant

Mesut Özil: In zwei Jahren vom Integrationshelden zum Hymnen-Schweiger

Nach der WM 2010, in der Özil erstmals auf der Weltbühne brilliert, wechselt er zu Real Madrid. Im Oktober desselben Jahres folgt dann ein Duell zwischen Deutschland und der Türkei im Berliner Olympiastadion. Für viele türkischstämmige Jugendliche – die das Trikot der Türkei wie ein Protest-Symbol tragen – ein Festtag, wie sich der Journalist Volkan Ağar erinnert. Beim Spiel gibt es heftige Pfiffe gegen Özil. Als dieser dann trifft, wird aus Wut Hass, obwohl er verhalten jubelt. „Du H*rensohn. Er ist kein Türke, er ist Deutscher, scheiß auf ihn“, sagt ein türkischer Fan beim Public Viewing. Die Wut dieser jungen Männer wird zur Bestätigung, für Deutsche und Deutsch-Türken. Nach der Partie kommt Angela Merkel in die Kabine des DFB: Das Foto von Mesut Özil, wie er der Bundeskanzlerin nur mit einem Handtuch bekleidet die Hand schüttelt, geht um die Welt. „Er war eine Symbolfigur und er wurde natürlich auch zu einer gemacht“, sagt Topçu.

Diese Vorbildfunktion für die deutsch-türkische Community mündet schließlich im Integrationsbambi. Es ist eine Zeit, in der scheinbar alles geht: Archivaufnahmen von der Preisverleihung zeigen einen zufriedenen Bild-Chef, Kai Diekmann, und einen wie immer so schüchternen Özil, der die Bühne betritt und seine auswendig gelernte Rede – die sein Berater sichtbar mitspricht – herunterstammelt. Bundespräsident Christian Wulff sagt wenig später den Satz: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Doch das sehen nicht alle so – wie etwa Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ untermauert, in dem mit der Integration abgerechnet wird. Diese Parallelitäten und Verschiebungen arbeitet die Dokumentation stark heraus.

Löw in Mesut Özil – zu Gast bei Freunden
Joachim Löw, ehemaliger Fußball-Bundestrainer und langjähriger Weggefährte von Mesut Özil.© ZDF | ZDF

Als das Team von Jögi Löw bei der EM 2012 im Halbfinale gegen Italien rausfliegt, werden erstmals die Mario Baslers, Waldemar Hartmanns und Stefan Effenbergs dieser Nation laut: Ist doch klar, warum das passieren konnte. Der Özil singt die Hymne nicht mit. „Du bist ja nicht der Einzige, der nicht mitschmettert“, sagt Buschmann 2017 im Gespräch mit Özil, und der erwidert: „Aber bei mir ist das ein Thema.“ Allerdings nur, wenn es sportlich nicht läuft. 2014 werden die deutschen Fußballmänner in Brasilien Weltmeister – mit und vor allem durch Özil. „Wären Sie ohne ihn Weltmeister geworden?“, wird Jogi Löw im Interview für die Doku gefragt. „Hm, wahrscheinlich nicht, nein“, sagt dieser.

Özils Foto mit Erdoğan: Was sich anschließend hinter den Kulissen abspielte

Doch der sensible Spielmacher ist eine Symbolfigur mit hoher Strahlkraft und großer sozialer Ader. Beides führt letztlich zu der größten Kontroverse um ihn. 2018 posiert er bei einem Charity-Event in seiner Wahlheimat London, wo er bei Arsenal die Blütezeit seiner Profikarriere verbringt, mit Erdoğan und seinem DFB-Teamkollegen İlkay Gündoğan. „Genauso, wie Merkel ihr Foto mit Özil instrumentalisiert hat, passiert das dann ein zweites Mal mit Erdoğan“, fasst Dietrich Schulze-Marmeling die Sache zusammen. Für den Autor von „Der Fall Özil“ ist die Angelegenheit auch ein klares Beispiel für ein „gesamtgesellschaftliches Versagen“. In Deutschland ist die Bedeutung von Männern, die hauptberuflich Bällen hinterherrennen, eben besonders hoch.

Auch interessant

Das Problem: Erdoğan ist kein gewöhnlicher demokratischer Staatschef. Hier führt Filmemacher Opitz passenderweise Deniz Yücel ins Feld. Der „Welt“-Journalist wurde im Februar 2017 wegen angeblicher Terrorpropaganda verhaftet und verbrachte ein ganzes Jahr in Untersuchungshaft. Zu dem Zeitpunkt, als das Foto von Özil und Erdoğan viral ging, sei die Türkei noch ein Land gewesen, wo Tausende Menschen aufgrund ihrer politischen Meinung „in Kerkern verschwunden waren. Und das wusste man, auch als Mesut Özil“, sagt Yücel und stellt klar: „Hauptberuflich ist Erdoğan Gangster.“ Dass Deutschlands Star-Spieler mit zwei Herzen in der Brust mit diesem Gangster posiert, war damals auch ein gefundenes Fressen für die immer stärker werdende AfD.

Was folgt, ist das in so vielen Facetten bereits nacherzählte Schmierentheater um den schweigenden Özil, Bilder mit Frank-Walter Steinmeier als Kontrastprogramm, Pfiffe für Gündogan beim DFB-Testspiel in Leverkusen, das Scheitern der Nationalmannschaft in Russland und wie Özil zum Sündenbock wird. Die Dokumentation taucht jedoch tief in die Emotionen aller Beteiligten ein. Sein damaliger Berater, Erkut Sögüt, erinnert sich etwa im Gespräch mit Opitz daran, dass die Absage eines Events an Özils alter Oberschule in Gelsenkirchen das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. „Ihr könnt nicht kommen. Wegen der AfD und der ,Bild‘-Zeitung“, soll die Schulleiterin am Telefon gesagt haben. Dass ihn diese Absage verletzte, war bekannt – die markante Reduktion in der Begründung schockiert.

Bierhoff in Mesut Özil – zu Gast bei Freunden
Oliver Bierhoff, ehemaliger Teammanager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.© ZDF | ZDF

Sögüt konzipiert dann zusammen mit Özil die große Abrechnung. Auf Englisch, denn die Marke „M10“ sei schließlich global. „Nachvollziehbar“ nennt sein alter Klassenlehrer den Rücktritts-Entschluss. Yücel nennt es „eine sehr denkfaule Erklärung“, denn was er von Erdoğan halte, habe er dort nicht erklärt. Dann sorgt Jogi Löw für einen unfreiwilligen Lacher. Die Erklärung Özils habe er nie gelesen: „Erstens war mir das zu lang und zweitens war ich enttäuscht, weil ich es nicht von ihm persönlich gehört habe“, sagt der Ex-DFB-Coach. Auch der Ex-Teamchef, Oliver Bierhoff, und Ex-DFB-Präsident, Reinhard Grindel, dürfen den Fall einordnen – beide haben sich in der Causa nicht mit Ruhm bekleckert. Und während Grindel („hoffnungslos überfordert“) von Fachjournalisten eingeordnet wird, kommt Bierhoff etwas zu leicht davon. Große Verteidigungsarien auf seinen Starspieler hat er damals nicht gesungen.

Auch interessant

Nun Funktionär in der AKP: Was bleibt vom Fall Özil?

Der gescholtene Özil bricht seine Zelte in Deutschland ab. 2019 heiratet er Amine Gülşe, Erdoğan ist Trauzeuge. Im Januar 2021 folgt der Wechsel aus London in die Türkei: Zuerst ein Jahr bei Fenerbahçe Istanbul, dann folgt der Erdogan-nahe Verein Basaksehir FK. „Es war ja ein Abstieg in Etappen, von Klub zu Klub“, meint der ehemalige Sport-„Bild“-Chef Walter M. Straten. Im März 2023 beendet Özil dann seine sportliche Laufbahn und wird Funktionär in der türkischen Regierungspartei AKP. Dass die Geschichte so endet, sei besonders unschön. Auch weil es auf keiner Seite Gewinner gebe, sagt Per Mertesacker gewohnt kompetitiv.

Mertesacker in Mesut Özil – zu Gast bei Freunden
Per Mertesacker, ehemaliger Fußballnationalspieler und langjähriger Mitspieler von Mesut Özil bei Werder Bremen, Arsenal London und in der Nationalmannschaft.© ZDF | ZDF

„Mesut Özil hat viel Verantwortung an seine Berater delegiert, die dann Entscheidungen für ihn getroffen haben, die er nicht selber treffen wollte. Ob die dann gut waren und ob er am Ende damit zufrieden war, sei dahingestellt“, sagt Florian Opitz dieser Redaktion. Nachdem er nun ein Jahr an der Dokuserie gearbeitet hat, sieht er es allerdings als zu einfach an, alle Probleme auf andere zu schieben. „Jeder ist am Ende für sein eigenes Handeln verantwortlich. Auch Mesut Özil.“ Sein Teamkollege Gündogan sei damals schließlich auch in den Shitstorm geraten, habe dazu aber konsequent Stellung bezogen. Letztlich habe dieser dann „erhobenen Hauptes“ seine DFB-Karriere noch als Kapitän beenden können. „Es ist einfach jammerschade, dass das Özil, diesem wahrscheinlich talentiertesten deutschen Fußballer in Jahrzehnten, nicht geglückt ist. Und das lag sicher nicht nur an ihm“, fügt Opitz abschließend hinzu.

Auch interessant

Der heute 37-Jährige lebt jetzt in der Türkei und ist kaum noch in Deutschland, berichtet Löw abschließend. Zum zehnjährigen Treffen seines WM-Teams kam Özil nicht. „Das fand ich schade“, sagt der Weltmeistertrainer mit Kloß im vom bordeauxroten Rollkragenpullover bedeckten Hals. „Mesut ist einfach nur verletzt, weil er nicht die Geborgenheit bekommen hat in dem Land, mit dem er Weltmeister geworden ist“, versucht sich Altintop an einer Erklärung. „Er hat Unrecht getan und ihm wurde Unrecht getan, das ist kein Widerspruch“, meint Volkan Ağar. Letztlich ist entscheidend, was der Journalist auf die Frage des Filmemachers, was er Özil bei einem Treffen sagen würde, antwortet: „Oh man, Mesut. Oh man. Warum?“ Eine finale Antwort darauf kann diese Dokumentation natürlich nicht liefern. Doch sie kommt dem schon extrem nah.

„Mesut Özil – zu Gast bei Freunden“ ist seit dem 20. März in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Am Dienstag, 31. März, um 20.15 Uhr läuft die Dokuserie dann im linearen ZDF.