Die Landtagswahl in Baden-Württemberg war noch nicht entschieden – doch bei „Caren Miosga“ lief die politische Einordnung bereits auf Hochtouren. Zu Sendungsbeginn sah die ARD-Hochrechnung die Grünen mit 30,3 Prozent knapp vor der CDU mit 29,7 Prozent. Dahinter folgte die AfD mit 18,7 Prozent, während SPD, FDP und Linke deutlich schwächer abschneiden. Das vorläufige Endergebnis der Wahl in Baden-Württemberg finden sie hier.

Für Franziska Brantner, Bundesvorsitzende der Grünen, ist der Wahlabend ein Erfolg. „Es ist eine fulminante Aufholjagd“, sagt sie. Lange habe es nicht danach ausgesehen, dass ihre Partei am Ende vorne liegen könnte.  

Bevor die Diskussion beginnt, sorgt zunächst die Technik für Probleme. Gleich zu Beginn bittet Miosga die Regie, ihr die „Tagesthemen“ vom Ohr zu nehmen – offenbar läuft noch ein Signal doppelt. Auch Journalist Robin Alexander klingt zunächst ungewohnt dumpf. Erst nach einigen Minuten stabilisiert sich der Ton. 

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Baden-Württemberg: Warum liegt Cem Özdemir bei der Landtagswahl vorne?

Und damit zurück zur eigentlichen Frage: Warum liegt Cem Özdemir vorne? Den entscheidenden Faktor sieht Brantner im Spitzenkandidaten selbst. „Cem hat gezeigt: Er hat Bock auf unser Land. Er spricht Probleme an, aber bietet auch Lösungen.“ Der Wahlkampf habe eine andere Stimmung vermittelt als die derzeitige politische Debatte in Berlin. 

Daniel Günther (CDU), Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, widerspricht nicht grundsätzlich. „Es ist eine Tatsache, dass die Grünen vorne liegen“, sagt er. Seine Partei habe es im Wahlkampf nicht geschafft, die eigenen Themen ausreichend sichtbar zu machen. Zudem habe Özdemir einen strukturellen Vorteil gehabt. „Es ist nicht einfach dagegen anzugehen, wenn der Bekanntheitsgrad so viel höher ist.“  

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Robin Alexander: „Die CDU hat spektakuläre Fehler gemacht“ 

Der Journalist Robin Alexander analysiert den Wahlkampf schärfer. „Die CDU hat auf zwei Ebenen spektakuläre Fehler gemacht.“ Zum einen habe sie unterschätzt, wie stark Özdemirs Bekanntheit wirken könnte. Zum anderen habe man geglaubt, die Grünen über Themen wie das Heizungsgesetz aus dem bürgerlichen Lager verdrängen zu können. „Die Annahme, das Bürgertum interessiert sich nicht für Klimaschutz, ist falsch.“

Caren Miosga
Caren Miosga mit ihren Gästen: Robin Alexander, Daniel Günther und Franziska Brantner. © ARD/Claudius Pflug

Ein zentraler Punkt der Sendung ist die Strategie von Cem Özdemir. Ein Einspieler zeigt, wie der Grünen-Spitzenkandidat im Wahlkampf bewusst auf Distanz zur Bundespartei geht: Auf manchen Plakaten fehlt das Parteilogo, politische Botschaften werden stärker auf Baden-Württemberg zugeschnitten, und auch inhaltlich setzt er andere Akzente als die Parteiführung in Berlin – nicht zuletzt durch gemeinsame Auftritte mit Tübingens Oberbürgermeister und früherem Grünen Boris Palmer.

Özdemirs Wahlkampf folgt dem CSU-Prinzip

Özdemir selbst spricht davon, dass die Grünen im Südwesten ein eigenes Profil hätten – fast wie ein „gallisches Dorf“ innerhalb der Partei. Franziska Brantner versucht diese Eigenständigkeit als regionale Besonderheit zu erklären: „Er ist ein baden-württembergischer Grüner.“

Robin Alexander deutet die Strategie politisch. Özdemir habe ein Prinzip übernommen, das man aus dem Verhältnis von CDU und CSU kennt: eine starke Landespartei, die sich in Ton und Auftreten von der Bundespartei unterscheidet. Dass Özdemir diese Eigenständigkeit betont, nennt Alexander „einen Geniestreich“.

Er verweist zugleich darauf, dass die Grünen immer dann besonders erfolgreich gewesen seien, wenn realpolitische Kräfte den Ton angegeben hätten – und nicht eine stärkere Orientierung nach links.

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Caren Miosga: „Weil ich von Frau Brantner keine ehrliche Antwort bekomme.“

Hier entsteht der eigentliche Konflikt der Sendung. Miosga hakt mehrfach nach, wie stark sich Özdemirs Kurs tatsächlich von der Linie der Bundespartei unterscheidet. In zentralen Fragen – etwa bei Migration, bei der Idee von Asylverfahren in Drittstaaten oder beim Verbrenner‑Aus – hat der Grünen‑Spitzenkandidat Positionen vertreten, die pragmatischer wirken als Beschlüsse der Partei in Berlin. 

Doch Brantner weicht diesen Fragen immer wieder aus und betont stattdessen grundsätzliche Gemeinsamkeiten zwischen Wirtschafts- und Klimapolitik. Auch zur Rolle von Boris Palmer will sie sich nicht äußern und sagt: „Wir haben eine gemeinsame Tochter, deswegen äußern wir uns öffentlich nicht übereinander.“ Miosga lässt das nicht stehen und formuliert schließlich ungewöhnlich offen: „Weil ich von Frau Brantner keine ehrliche Antwort bekomme“, sagt sie und wendet sich an Robin Alexander. Der Journalist liefert daraufhin eine Erklärung für die Situation: „Weil Frau Brantner die Vorsitzende der Mutterpartei ist und für sie sprechen muss.“ 

Damit wird der Kern des Problems sichtbar: Özdemirs Wahlkampf funktioniert gerade deshalb, weil er sich in Baden-Württemberg als eigenständiger Landespolitiker präsentiert. Für die Parteiführung in Berlin ist es dagegen schwierig, diese Distanz offen zu bestätigen.

Landtagswahlen 2026 – spannende Hintergründe

Inszenierte Wahlkampf-Schlammschlacht? Video von Manuel Hagel

Auch ein Video aus dem Jahr 2018 des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel sorgt in der Runde für Diskussion. Darin sagt er, es gebe Schlimmeres, als eine Klasse mit so vielen Mädchen zu besuchen, und beschreibt eine Schülerin mit „rehbraunen Augen“ – eine Szene, die später vielfach als unangemessen kritisiert wurde.

Der Clip tauchte kurz vor der Wahl erneut in sozialen Netzwerken auf und wurde damit zum Wahlkampfthema. Daniel Günther zitiert die spätere Einordnung seines Parteikollegen, der selbst einräumt: „Der Satz war Mist.“ Das Video habe es der CDU deutlich schwerer gemacht, mit eigenen Themen durchzudringen.

Franziska Brantner weist den Vorwurf zurück, die Grünen hätten daraus eine Kampagne gemacht. „Es war keine Kampagne. Wir wussten davon nichts.“

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Reformdebatten rücken die Bundespolitik in den Fokus 

Gegen Ende der Sendung verschiebt sich die Diskussion nach Berlin. Miosga zitiert Zahlen aus einer Infratest-dimap-Umfrage, nach denen viele Menschen der CDU mangelnde Umsetzung ihrer Wahlversprechen vorwerfen. 

Günther räumt ein, dass Vertrauen verloren gegangen sei. Reformen müssten schneller umgesetzt werden. „Je schneller wir handeln, desto eher werden wir auch Vertrauen der Bevölkerung wiederhaben.“

Junge Grüne kritisieren Kurs von Özdemir am Wahlabend

Das endgültige Ergebnis der Wahl steht am Abend noch nicht fest. Doch bei „Caren Miosga“ zeichnet sich bereits ab, worum sich die politische Debatte nach diesem Wahlabend drehen dürfte: um den Kurs von Cem Özdemir. 

Für Franziska Brantner ist das Ergebnis vor allem ein Signal für die politische Mitte. „Das Gute ist doch, dass man sieht, dass man Wahlen in der Mitte gewinnen kann.“ Doch ganz so eindeutig ist die Lage nicht. 

Özdemirs Wahlkampf funktionierte gerade deshalb, weil er sich in Baden-Württemberg als eigenständiger Landespolitiker präsentierte – mit größerer Distanz zur Bundespartei. Dass dieser Kurs auch innerhalb der Grünen umstritten ist, zeigt sich bereits am Wahlabend: Vertreter der Grünen Jugend kritisieren Özdemirs Wahlkampf und einzelne Positionen öffentlich.  

Bei „Caren Miosga“ bleibt deshalb eine offene Frage: Ist der Erfolg in Baden-Württemberg ein Modell für die Bundespartei – oder gerade ein Sonderfall, der nur mit mehr Abstand zu ihr funktioniert?