Überraschungen sieht er in seinem ersten Jahr als Kanzler nicht. „Weil damals absehbar war, dass wir vor großen Herausforderungen stehen“, sagt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Gespräch mit Caren Miosga – fast auf den Tag genau ein Jahr nach seinem Amtsantritt.
Merz verweist in der ARD-Sendung auf „eine strukturelle Schwäche unseres Landes“ und „viele äußere Umstände“, darunter den Ukraine-Krieg und aktuelle Konflikte. Regieren in einer Demokratie sei „nicht immer einfach“. Auf die Frage, welchen Rat er sich selbst geben würde, antwortet er ohne Zögern: „Bleib geduldig.“
Rund um Friedrich Merz – das sollten Sie lesen
Koalitionsstreit zwischen SPD und Union: Merz kontert Kritik
Miosga konfrontiert ihn mit einem alten Zitat: Eine Regierung dürfe sich nicht ständig streiten. Merz kontert: „Es ist ja auch viel entschieden worden, vollkommen geräuschlos.“ Als Beispiel nennt er sinkende Asylbewerberzahlen seit 2023. Gleichzeitig verschärft er den Ton gegenüber dem Koalitionspartner: „Ich erwarte von der SPD die gleiche Kompromissbereitschaft, wie wir sie zeigen.“ Und weiter: „Kompromisse sind keine Einbahnstraße.“
Bärbel Bas wird mit ihrer Rede vom 1. Mai eingespielt. Darin nennt sie es „zynisch und menschenverachtend“, den Sozialstaat nur noch als Ballast zu sehen. Merz reagiert ausweichend. Er fühle sich „nicht angesprochen“, spricht von überzogenen Tönen – und fordert zugleich „maßvolle Sprache“. Inhaltlich bleibt er bei seiner Linie: Der Sozialstaat müsse „zukunftsfähig“ werden, „so ist er heute nicht“.
Berichte über Streit mit Klingbeil weist Merz zurück
Auch Berichte über Streit mit Lars Klingbeil in der Villa Borsig spricht Miosga an. Merz weist sie zurück: „Ich brülle niemanden an.“ Klingbeils Aussage, er lasse sich „gerne anbrüllen“, sei ironisch gemeint gewesen. Merz betont das „Vertrauensverhältnis“ – und verlagert Konflikte in den internen Raum: Man kläre das nicht „übers Fernsehen“.

Miosga spricht Unmut in der Union an. Merz bestätigt: „Es gibt in der CDU, auch in der CSU einen größer werdenden Unmut über Kompromisse.“ Er ergänzt: „Ich habe einen großen Handlungsspielraum, aber ich habe keine Vollmacht, die CDU umzubringen.“ Das wolle er auch gar nicht. Und an die SPD gerichtet: „Das sollte die SPD aber nicht zu dem Gedanken verleiten, sie kann mit uns machen, was sie will.“
Gleichzeitig zieht er Grenzen: „Vergesst die Hoffnung, dass es da irgendwas mit Minderheitsregierung gibt.“ Und: „Es gibt in Deutschland keine linke Mehrheit.“
Miosga spricht seine direkte Art an. Merz: „Ich möchte nicht rund wie ein Kieselstein reden.“ Er wisse um das Risiko: „Ich gehe damit ein großes Risiko ein.“ Und: „Ich sag’s dann beim nächsten Mal besser, aber ich sag’s nicht anders.“
In der Steuerpolitik bleibt Merz auf Distanz zur SPD. Höhere Belastungen für Spitzenverdiener lehnt er klar ab: „Das geht mit mir nicht.“ Auf die Frage, wie kleinere Einkommen entlastet werden sollen, verweist er auf Subventionsabbau. Konkrete Beispiele nennt er nicht.
Gespräche mit Donald Trump: „Regelmäßig“ und „vernünftig“
Außenpolitisch zeigt sich Merz selbstbewusster. Er spreche „ganz regelmäßig, ganz vernünftig“ mit Donald Trump. Differenzen erkenne er an, etwa im Umgang mit internationalen Konflikten. Gleichzeitig betont er Deutschlands Rolle in Europa und der NATO. „Das kann ich aber nicht tun, wenn zuhause der Baum brennt“, sagt er – und benennt damit indirekt das Problem, das die Sendung durchzieht.
Die Schnellfragerunde kippt den Ton der Sendung überraschend. Nach viel Koalitionsarithmetik und Konfliktkommunikation wirkt Merz plötzlich gelöst. Auf die Frage nach Markus Söders „Wurst-Life-Balance“ lacht er, nennt sie eine „nette Frage“ und setzt gleich nach: „Von mir kennen Sie solche Bilder nicht. Ich habe sie selten geschaut und deswegen bin ich nicht auf Entzug.“
Merz äußert sich auch zu Timmy und zu Schalke 04
„Was macht Ihnen größere Sorgen: die FDP oder Buckelwal Timmy?“ – Miosga hält den Ton spielerisch. Merz weicht aus, nennt die Frage „ganz schwierig“ und entscheidet sich dann für die Pointe: „Der Wal ist gerettet.“
Auch beim Fußball funktioniert das Spiel mit Nähe. „Schalke 04 steigt wieder auf. Müssen Sie als Dortmund-Fan das ertragen?“ – „Ich freu mich darauf, endlich wieder das Derby im Ruhrgebiet“, sagt Merz. Es ist einer der wenigen Momente, in denen er nicht relativiert, sondern einfach antwortet.
Dann kippt die Leichtigkeit kurz. „Aber eine Frau finden Sie gut?“, fragt Miosga zur Debatte um das Bundespräsidentenamt. „Ja“, sagt Merz. Das Publikum reagiert mit Gelächter. „Was gibt’s da zu lachen?“, entgegnet er. Er finde es gut.





