Die Erinnerungskultur steht vor der Herausforderung, dass es kaum noch Zeitzeugen gibt, die von ihren Erfahrungen in den Konzentrationslagern berichten können. Bei Markus Lanz ist mit Eva Umlauf zwar eine Auschwitz-Überlebende zu Gast, die allerdings keine eigenen Erinnerungen an die Zeit im KZ hat.

Denn Umlauf wurde zum Kriegsende mit nur zwei Jahren nach Auschwitz deportiert. Ein glücklicher Zufall rettete ihre und ihrer schwangeren Mutter damals das Leben. Ein Defekt am Zug verzögerte die Ankunft in Auschwitz. So kamen sie erst dort an, als bereits die Gaskammern von den Nazis gesprengt wurden, um die Spuren der Massenvernichtung zu beseitigen.

„Ein Zug später, dann wären wir nicht mehr“, erzählt Umlauf, die ihre Geschichte detailliert aufgearbeitet hat. „Die schwangeren Frauen und Kinder wurden sofort vergast, solange die Gaskammer noch gearbeitet hat.“

Umlauf wurde zum Sterben zurückgelassen

Umlauf verlor ihren Vater, der von den Nazis auf den Todesmarsch geschickt wurde. Kurze Zeit später starb er in Mauthausen an einer Blutvergiftung. Die Nazis ließen Umlauf und ihre Mutter zurück – zu schwach zum Transport, dem Tod überlassen: „Es war keine Zeit, uns zu erschießen“, so Umlauf, für die die Befreiung der Lager gerade noch rechtzeitig kam.

Lange Zeit konnte sie mit ihrer Mutter nicht über diese Zeit sprechen: „Da war eigentlich nur Verdrängung“, erzählt sie. Doch als ihre Mutter älter wurde, begann sie, ein paar der schrecklichen Erinnerungen zu teilen. Zeit ihres Lebens blieb sie laut Umlauf aber von den Ereignissen gezeichnet und „schwer depressiv“.

Trotzdem bekam Umlauf schon als Kind unterschwellig etwas mit von ihrer besonderen Geschichte: „Man wusste sehr viel vom Fühlen“, beschreibt sie. Auch wenn Umlauf keine eigenen Erinnerungen hat, verleiht trotzdem der Fakt, dass sie dabei gewesen ist, ihren Erzählungen Lebendigkeit.

KI-gestützte Hologramme für die Erinnerungskultur

Geschichten wie die von Eva Umlauf können aber immer seltener erzählt werden. Die allermeisten Zeitzeugen sind mittlerweile gestorben. Um das Gedenken zu erhalten, leitet Ruth-Anne Damm verschiedene Projekte in dem Verein „Zweitzeugen“. Damm berichtet in der Sendung von ihren Gesprächen mit Schülerinnen. Dabei merkte sie immer wieder, dass vor allem persönliche Geschichten auf sehr viel Interesse stoßen. Um diese zu erhalten, sind zwei Zeitzeugen in der Ausstellung „Holo-Voices“ als Hologramme zu sehen und zu hören.

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Die Zeitzeugen reagieren dabei interaktiv auf die Fragen der Besucher. Das funktioniert anhand von KI-Technologie, die unter den etlichen aufgezeichneten Antworten die richtige für die Frage heraussucht. Nur bei sehr speziellen Fragen, können die Hologramme dann keine Auskunft geben.

Auch Umlauf hat an einem ähnlichen Projekt teilgenommen und gibt an, 1000 Fragen beantwortet zu haben, die vorher von Doktoranden ausgewählt wurden. Die 83-Jährige möchte sich dem wieder stärker werdenden Antisemitismus entgegenstellen.

Umlauf: „Auch in Deutschland werden Juden und Israel nicht unterschieden“

„Wir Juden haben wieder Angst“, beklagt sie. Ihrer Meinung nach liegt das an einem grundsätzlichen Fehler: „Auch in Deutschland werden Juden und Israel nicht unterschieden“, so Umlauf.

Lanz berichtet, er habe andere Erfahrungen gemacht: Gäste in seiner Sendung könnten sehr wohl differenzieren zwischen Kritik an der israelischen Regierung und deren Kriegsverbrechen einerseits und einem Antisemitismus gegen alle Juden andererseits.

Bevor Lanz sich mit Umlauf über diese unterschiedlichen Wahrnehmungen der deutschen Gesellschaft verkeilt, schaltet sich Damm ein: „Wir erleben beides“, berichtet sie von ihrer Erinnerungsarbeit. Sie sehen ihren Auftrag auch darin, „der jungen Generation bei dieser Differenzierung zu helfen“.

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Antisemitismus wird bei Social Media verbreitet

Laut Oliver von Wrochem, der die Gedenkstätte Neuengamme leitet, tragen vor allem die sozialen Medien dazu bei, dass der Antisemitismus wieder wachse: „Diese Plattformen befördern die Radikalisierung“, mahnt er, da dort schon Kinder Videos mit antisemitischen Aussagen sehen können.

Von dort gelangt der Hass dann auf die Schulhöfe. Umso wichtiger sei es, dem auf diesen Plattformen etwas entgegenzusetzen. Lanz zeigt ein Tiktok-Video des Kanals der Gedenkstätte Neuengamme, das gezielt junge Menschen ansprechen soll. Von Wrochem erklärt das Konzept: „Wir erzählen in den Videos immer nur eine Geschichte auf einmal. Wir müssen junge Menschen so erreichen, weil sie nicht einfach zu uns kommen.“

Diese Ansätze haben das Potenzial, das Gedenken an die Verbrechen der Nazis und deren Opfer zu erhalten. Auch die Lanz-Sendung leistete am Donnerstagabend im ZDF ihren Beitrag. Ausschnitte davon werden sicherlich bald auch bei Tiktok zu sehen sein.