Faktencheck

„Tatort“: Wie real ist Gefahr von Lkw-Sniper auf Autobahnen?

Berlin.  Im Hamburger „Tatort“ wurde auf Lkw geschossen. Gibt es eine Verbindung zum Fall des „Lkw-Snipers von Oldenburg“? Ein Faktencheck.

Im Hamburger Tatort „Querschläger“ wird ein verzweifelter Vater zum tödlichen Sniper.

Im Hamburger Tatort „Querschläger“ wird ein verzweifelter Vater zum tödlichen Sniper.

Foto: ARD - Degeto / NDR/Christine Schroeder

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Einige Hundert Meter entfernt von einer Raststätte positioniert sich ein Scharfschütze an einem Hang. Er zielt hinüber zur Raststätte auf einen LKW. Den kontrolliert gerade Kommissarin Julia Grosz auf Unregelmäßigkeiten.

Dann schlägt neben dem Kopf der Kommissarin eine Kugel in die Plane des LKW-Anhängers ein. Es braucht einen zweiten Schuss, ehe sie versteht, dass gerade geschossen wird. Der dritte Schuss knallt gegen die Reifenfelge und prallt ab. Der Querschläger trifft einen nebenstehenden Trucker. Er erliegt der Schussverletzung kurz danach.

So beginnt der „Tatort“ mit Wotan Wilke-Möhring und Franziska Weisz. Für Wilke-Möhring ist „Querschläger“ der zwölfte Fall als „Tatort“-Ermittler. Doch sie stehen vor einem Rätsel: Warum schießt ein Scharfschütze auf einen Lkw, fragen sich die beiden Ermittler. Hat die Story eine Verbindung zu einem echten Fall?

Gibt es eine Verbindung zum „Lkw-Sniper von Oldenburg“?

Vorigen August bemerkte ein Lkw-Fahrer auf der A28 bei Oldenburg einen Schaden an seiner Windschutzscheibe. Zeitgleich sah er einen Mann auf einer Autobahnbrücke, der seiner Wahrnehmung nach eine Waffe in der Hand hielt und von der Brücke lief. In den vier Wochen davor gab es bereits drei weitere Fälle in der Region, die ebenfalls auf Schüsse auf Lkw schließen lassen.

Die Staatsanwaltschaft und die Polizei Oldenburg ermitteln wegen des Verdachts eines versuchten Tötungsdeliktes sowie des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr – bisher ohne Ergebnis. Immerhin: Verletzt wurde dabei niemand. Und seitdem sind keine weiteren Fälle bekannt. Anders im „Tatort“ – nicht nur stirbt in den Anfangsszenen ein Unbeteiligter. Zum Ende des Films ermordet der Scharfschütze auch noch einen Unbeteiligten.

Ist das ein Einzelfall?

Wenngleich über den Schützen von Oldenburg nichts bekannt ist, ist er nicht der erste, der auf Lkw schießt. „Wir hatten mal einen, der hat 750 Mal auf LKWs geschossen“, gibt eine Beamtin den Tatort-Ermittlern mit auf dem Weg. Tatsächlich spielt dieser Hinweis auf einen realen Fall an: Nach fünf Jahren Suche hatte die Polizei 2013 einen Lkw-Fahrer gefasst, der insgesamt 750 Mal auf andere Laster schoss.

Michael K. führte ein ruhiges Leben in der Eiffel, fuhr für ein Transportunternehmen nach Frankreich, in die Benelux-Länder oder durch Deutschland. Doch er führte ein Doppelleben – jahrelang schoss er unentdeckt auf Autos und Lkw. Zehneinhalb Jahre Haft erhielt K. für seine Taten. Denn eine seiner Kugeln verletzte als Querschläger eine Frau auf der Autobahn 3 bei Würzburg schwer am Hals. Hier haben sich die Tatort-Schreiber ein Stück Realität in ihre Geschichte übernommen. Mit anderem Ausgang.

Was ist cranio-cervicale Instabilität?

Bei seinem Geständnis gab er „Frust auf der Straße“ als Motiv an. Anders im „Tatort“: Der Zollbeamte Steffen Thewes (Milan Peschel) versucht damit einen erfolgreichen Speditionsunternehmer zu erpressen. 300.000 Euro soll er übergeben, sonst „sitzt der nächste Schuss“, wie er ihm per Mail mitteilt. Doch Thewes macht dies nicht aus Gier oder Frust: Im Alltag ist er der liebevoll sorgende Vater einer kranken Tochter.

Sie leidet unter einer cranio-cervicalen Instabilität – ihre Halswirbelsäule hat einen Defekt. Sie hat starke Schmerzen und wird bald sterben. Außer sie kann in den USA operiert werden. Doch das Geld hat die Familie nicht und auch die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht.

Zahlen Krankenkassen wirklich keine lebenswichtigen Operationen in den USA?

Tatsächlich spielt der Tatort hier auf einen Rechtsstreit in Bremen voriges Jahr an. Das Bremer Sozialgericht hatte entschieden, dass die gesetzliche Krankenkasse einem schwerkranken Jugendlichen die Behandlung in den USA bezahlen muss – unabhängig der Höhe der Kosten. Dort waren es, wie im „Tatort“, rund 300.000 Euro.

Das Urteil hatte für Überraschung gesorgt, denn es gab noch kein durch Studien gesichertes Wissen darüber, ob die Operation wirklich Erfolg hat. Zudem: Das Gericht machte deutlich, dass die Kostenhöhe grundsätzlich irrelevant ist. Einzige Bedingung: Es gibt in Deutschland keine Alternative zu dieser Behandlung. Hier entspricht der „Tatort“ also nicht (mehr) ganz der Realität.

Doch um den Spannungsbogen zu halten, war diese Abweichung gut. Deswegen war der Ausgang des „Tatorts“ bis zum Schluss offen, auch wenn der Täter bereits von Anfang an bekannt war.

In Deutschland sind solche Fälle durch die strengen Waffengesetze glücklicherweise recht selten. Anders sieht es in den USA, wo es immer wieder zu tödlichen Schießereien kommt. Im September erschoss ein 14-Jähriger aus dem US-Bundesstaat Alabama fünf Familienmitglieder. Nur zwei Tage zuvor schoss ein Mann in Texas um sich, tötete dabei sieben und verletzte 20 Menschen.

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