In Thüringer Städten lebt in manchen Stadtteilen fast jedes zweite Kind in Armut

Erfurt.  Thüringer Sozialstrukturatlas zeigt die Schere zwischen Arm und Reich bei Kindern auf – in einigen Wohngegenden spitzt sich die Lage zu.

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Foto: Peter Kneffel / dpa

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Kinderarmut ist in Thüringen laut Sozialstrukturatlas regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Selbst innerhalb einzelner Städte gibt es demnach Wohngegenden, in denen sehr viel mehr Kinder leben, die auf Hartz-IV-Hilfen angewiesen sind, als in den anderen Stadtteilen. "In einigen Städten ist jedes dritte Kind auf Leistungen zur Sicherung des Existenzminimums angewiesen", heißt es im aktuellen Thüringer Sozialstrukturatlas. Das Sozialministerium hat das Papier herausgegeben. Dagegen seien in der Hälfte der Kommunen "nicht einmal 4,2 Prozent" der Unter-15-Jährigen auf Stützen durch Hartz-IV-Leistungen angewiesen. "In dreiviertel aller Kommunen liegt die Quote unter 8,8 Prozent."

Auffällig ist den Angaben nach, dass die meisten Kinder, deren Eltern nur über sehr wenig Geld verfügen, nicht in den größeren, sondern in den mittelgroßen Städten leben. So haben Altenburg, Artern und Mühlhausen die höchsten Hartz-IV-Quoten in dieser Altersgruppe. In Altenburg lebten im Jahr 2017 demnach 35,2 Prozent und in Artern 34,2 Prozent der Kinder in Haushalten, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch-II bezogen. In Mühlhausen waren es 30,6 Prozent.

Neuere Daten sind in dem Atlas nicht aufgeführt. Gleichzeitig heißt es dort, arme Kinder hätten ein hohes Risiko auch später an den Folgen ihrer Armut zu leiden. "Wer als Kind arm ist, hat mit höherer Wahrscheinlichkeit das ganze Leben lang mit den Folgen von Armut zu kämpfen." Dies beginne bei Bildungsarmut und reiche bis zu deren gesundheitlicher Entwicklung.

Mit Blick auf die größeren Städte – etwa Erfurt, Jena oder Gera – heißt es in dem Atlas, dass sich dort "die Armutslagen von Kindern in einigen Gebieten extrem zuspitzen". Sowohl in Gera als auch in Erfurt fänden sich einzelne Stadtteile, in denen jedes zweite Kind Hartz-IV-Leistungen beziehe. Besonders betroffen von Kinderarmut seien in Gera die Großwohnsiedlungen Lusan und Bieblach-Ost, sowie die Stadtmitte.

In Erfurt lebten arme Kinder vor allem in den Plattenbaugebieten im Norden und im Südosten der Stadt. "In Jena gibt es zwar keinen Stadtteil, in dem über 50 Prozent arme Kinder leben. Aber auch hier zeigt sich gerade in der Großwohnsiedlung Lobeda eine hohe Kinderarmutsquote", heißt es.


Eine Sprecherin des Sozialministeriums sagte, Thüringen versuche seit Jahren mit einer Vielzahl von Programmen sicherzustellen, dass Kinder und Jugendliche überall in Thüringen die gleichen Lebens- und Bildungschancen haben. Dabei sei es immer auch darum gegangen, die Situation der Familien zu verbessern, in denen die Kinder leben.

"Kinderarmut ist immer zugleich Familienarmut", sagte die Sprecherin. Familienarmut wiederum sei wesentlich bedingt durch Arbeitslosigkeit oder zu niedrige Löhne. "Jeder Elternteil, der Arbeitslosigkeit überwindet und einen existenzsichernden Verdienst erzielt, ist der beste Beitrag zum Abbau von Kinderarmut."

Nach Angaben eines Sprechers des Bildungsministeriums ist in den vergangenen Jahren unter anderem mit der Initiative "Tizian" versucht worden, langzeitarbeitslosen Eltern unter die Arme zu greifen, wenn diese sich zudem in schwierigen persönlichen und sozialen Problemlagen befinden.

In dem Programm stehen in 19 Landkreisen und kreisfreien Städten 478 Plätze zur Verfügung. Ziel sei es, den Teilnehmern etwa zu vermitteln, wie wichtig es ist, dass ihr Tag eine feste Struktur hat. "Durch diese Projektarbeit kann verhindert werden, dass Armut und schwierige Lebenssituationen weiter "vererbt" werden", sagte der Sprecher.

Unterdessen ist das Armutsrisiko für Arbeitslose in Thüringen geringer als in den anderen ostdeutschen Ländern. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Frage der Linke-Bundestagsfraktion hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Demnach galten 64,1 Prozent der erwerbslosen Thüringer nach jüngsten Daten von 2018 als armutsgefährdet. Im ostdeutschen Durchschnitt inklusive Berlin waren es 67,1 Prozent. In den westlichen Bundesländern ist das Armutsrisiko für Erwerbslose allerdings deutlich niedriger, hier galten 53,7 Prozent der Menschen ohne Job als armutsgefährdet.

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens hat. Für 2018 lag diese Schwelle für ganz Deutschland bei 1035 Euro im Monat für einen Einpersonenhaushalt.

Mehr als 1,5 Millionen Kinder in Deutschland auf Hartz IV angewiesen

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