Thüringen erinnert an die Stasibesetzung in Erfurt vor 30 Jahren

Erfurt.  Mit Führungen, Vorträgen und Podiumsgesprächen wurde am Mittwoch in Erfurt an die Besetzung der Stasizentrale von vor 30 Jahren erinnert.

Eine verrostete Türverriegelung erinnert an die Stasi-Haftanstalt in der Erfurter Andreasstraße.

Eine verrostete Türverriegelung erinnert an die Stasi-Haftanstalt in der Erfurter Andreasstraße.

Foto: Marco Schmidt / TA

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Als Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung hat der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen Roland Jahn die Besetzung der Erfurter Stasizentrale vor 30 Jahren bezeichnet. „Erstmals wurden die Akten einer Geheimpolizei gesichert und der Gesellschaft zur Verfügung gestellt“, sagte Jahn beim Rundgang mit Zeitzeugen durch die BStU-Außenstelle auf dem Petersberg.

Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) sagte, für ihn gehöre die Besetzung zu den Sternstunden der deutschen Geschichte. „Wir verdanken dem entschlossenen Eintreten vieler DDR-Bürger den Erhalt des weltweit größten zugänglichen Aktenbestands des Geheimdienstes einer Diktatur. Ich habe großen Respekt vor den Mutigen“, so der Politiker.

Mit Führungen, Vorträgen und Podiumsdiskussionen war in Erfurt an die Ereignisse des 4. Dezember 1989 erinnert worden. In der Landespolizeidirektion Thüringen konnten Interessenten auch die Kellerräume der ehemaligen Stasibezirksverwaltung in Augenschein nehmen, in denen damals Akten verbrannt werden sollten. Nach der Besetzung hätten die Räume den Bürgerwachen als Aufbewahrungsort für „Operative Vorgänge“ des Mielke-Dienstes gedient.

Bei einer Podiumsdiskussion in der BStU-Außenstelle diskutierten Zeitzeugen auch über den späteren Umgang mit den Akten. Jürgen Hauskeller, früherer Jugendpfarrer in Sondershausen und erster Thüringer, der seine Stasiakten nach deren Öffnung Anfang 1992 einsehen konnte, schilderte seine Enttäuschung über den Verrat in der Kirche und die fehlende Reue danach. Die Täter seien davongekommen. Jürgen Haschke, in den 1990ern BStU-Außenstellenleiter, sagte, beim Umgang mit den Akten sei es um Gerechtigkeit für die Opfer gegangen. Gabriele Stötzer, zu DDR-Zeiten inhaftiert und 1989 eine der Initiatorinnen der Besetzung, sah im Vorwurf, Akten seien als „Stasikeule“ eingesetzt worden, den Versuch der Täter, die Opfer erneut zu diskreditieren. Für Mitbesetzerin Tely Büchner war die DDR ein Unrechtsstaat. Damals hochschwanger, habe ihr Mut auch der Zukunft der Nachfolgenden gegolten. In der Gedenkstätte Andreasstraße sprach Roland Jahn am Abend auch über die Zukunft der Stasiakten.

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