Forschung

Dieser Test soll bestimmen, wann ein Mensch stirbt

Berlin.  Mit einem Bluttest wollen Forscher künftig das Sterberisiko des Menschen voraussagen können. Doch das bringt ethische Fragen mit sich.

Niederländische Forscher können über einen Bluttest voraussagen, wie hoch die Sterberisiko eines Menschen in den nächsten fünf bis zehn Jahren ist.

Niederländische Forscher können über einen Bluttest voraussagen, wie hoch die Sterberisiko eines Menschen in den nächsten fünf bis zehn Jahren ist.

Foto: Mareen Fischinger / imago/Westend61

Laut Statistik wird eine Frau in Deutschland 83 Jahre alt. Ein Mann 78. Die Realität sieht oft anders aus: Manche Menschen werden älter als hundert, andere sterben schon mit Mitte fünfzig. Voraussagen lässt sich der individuelle Todeszeitpunkt eines Menschen bislang nicht.

Ein Bluttest, den niederländische und deutsche Forscher nun entwickelt haben, soll – zumindest statistisch – den Zeitraum eingrenzen. Anhand von sogenannten Biomarkern im Blut wollen sie eine Aussage über die Sterblichkeit für die kommenden fünf und zehn Jahre treffen können. Die Studie ist im Fachblatt „Nature Communications“ veröffentlicht.

Der Test soll nach Aussage der Forscher irgendwann einmal in der klinischen Routine eingesetzt werden. Wenn es etwa darum geht, zu entscheiden, ob eine besonders aggressive Therapie einem älteren Menschen zuzumuten ist.

Bluttest soll Sterberisiko bestimmen - Einsatz noch nicht geplant

Noch sei es für einen Einsatz jedoch zu früh, sagt Studienautorin Professorin Eline Slagboom von der Universität Leiden in den Niederlanden. Weitere Forschung sei notwendig.

  • Für ihre Studie untersuchte das Forscherteam, an dem auch Wissenschaftler des Max Planck-Instituts (MPI) für die Biologie des Alterns beteiligt waren, die Restlebenszeit in einer Gruppe von 44.168 Menschen zwischen 18 und 109 Jahren an Hand ihres Blutes.
  • Sie entwickelten daraus ein Profil aus 14 Biomarkern, das sich laut den Forschern auf Männer wie Frauen über verschiedene Altersgruppen hinweg anwenden lässt.
  • Zu den Biomarkern zählen Eiweiße, Fette und andere Stoffwechselsubstanzen.

Was diese Biomarker über unsere Art zu leben erzählen, wollen die Wissenschaftler noch erforschen. Ob es also schon in uns angelegt ist, wie alt wir werden. Ob es ganz egal ist, ob wir Sport treiben, uns gesund ernähren, ob wir rauchen oder dem Rotwein verfallen sind.

„Wir wollen herausfinden, ob die Biomarker etwas über unser Immunsystem sagen, den Stoffwechsel, die Stärke unserer Muskeln oder die Wahrnehmung“, sagt Slagboom. „Wir wissen jedoch schon, dass die Biomarker einen generellen Gesundheitszustand widerspiegeln müssen.“

Die Studie sei insofern bemerkenswert, weil sie einen weiteren Schritt hin zu einer personalisierten Medizin darstellt, sagt Professor Florian Kronenberg von der Medizinischen Universität Innsbruck. „Würde man zu den Biomarkern noch weitere Datenebenen wie genetische Daten hinzufügen, dann würde die Vorhersagekraft wahrscheinlich weiter ansteigen.“ Doch das bringt ethische Fragen mit sich.

Denn theoretisch könnte so ein Wert beispielsweise künftig in die Entscheidung mit einfließen, wer eine bestimmte Therapie erhalten soll und bei wem es sich vielleicht nicht mehr lohnt. „Wie verhindern wir, dass statistische Risikoeinschätzungen einen zu hohen Stellenwert in der Therapiezielfindung einnehmen?“, fragt Dr. Annette Rogge, Vorsitzende des Klinischen Ethikkomitees am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, die nicht an der Studie beteiligt war, „oder wie begleiten wir den Umgang des Patienten mit diesem Wissen?“

Slagboom stimmt zu. Es sei unklar, was Ärzte oder Patienten mit dem Wissen um ein Todesrisiko tun würden. „Einige Menschen könnten vor allem besorgt sein, während andere umso motivierter wären, gesünder zu leben.“ Deswegen sei eine Diskussion in diesem frühen Stadium umso wichtiger.

Gründe für einen Sterberisiko-Bluttest

Denn medizinisch betrachtet kann es sinnvoll sein, ein Sterberisiko zu bestimmen. Wenn es etwa um die Frage geht, ob einem Menschen eine Therapie noch zugemutet werden kann. Oder bei der Entscheidung darüber, ab wann eine palliative Behandlung eines Kranken angebracht ist, statt ihn mit aller Macht am Leben zu halten.

  • Vor den ersten Symptomen: Neuer Test erkennt Alzheimer
  • Angst vorm Sterben: 89-Jähriger sucht dringend Job - aus Angst vor dem Tod
  • Uni Heidelberg in der Kritik: Wer wusste was im Bluttest-Skandal?

„Prinzipiell ist jeder Schritt hin zu einer fundierten Therapieentscheidungen sehr zu begrüßen“, sagt Kronenberg. Doch Rogge mahnt zur Vorsicht: Arzt und Patient würden nur eine sehr abstrakte zusätzliche Information über einen auch noch relativ langen Vorhersage-Zeitraum erhalten. Diese Information müsse in der individuellen Situation aber richtig bewertet werden.

Tod niemals „hundertprozentig“ vorhersagbar

Und auch eine Angst vor falschem Umgang sei berechtigt, findet Kronberg. „Es steht zu befürchten, dass kommerzielle Interessen für manche Firmen eine Versuchung darstellen werden, die dann den betroffenen Patienten und dessen Arzt mit den Ergebnissen solcher Tests alleine lassen werden.“

Doch er wirbt grundsätzlich für Offenheit: „Es macht möglicherweise zunächst Angst, wenn ein Algorithmus über Therapien mitentscheidet“, sagt der Professor für Genetische Epidemiologie, „doch schon heute fallen in der Medizin ständig Entscheidungen, meist auf der Basis von relativ wenigen Daten.“ In Zukunft sei die Vorhersage aufgrund tausender Daten wohl präziser, „wenn auch niemals hundertprozentig treffsicher“.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.