Schule

Wie Eltern die beste Nachhilfe für ihre Kinder finden

Berlin.  Früher ging es um die Versetzung, heute wird der perfekte Abi-Schnitt wichtiger: Warum immer mehr Kinder Nachhilfe in Anspruch nehmen.

Mathe ist das Nachhilfefach, das von Schülern am stärksten nachgefragt wird.

Mathe ist das Nachhilfefach, das von Schülern am stärksten nachgefragt wird.

Foto: istock

Es ist lästig, aber es funktioniert: Marie Bhakta hat über die Ferien einen Haufen Aufgabenblätter von der Mathe-Schule Kumon bekommen. Die Eltern haben sie in den vergangenen Wochen nach Kräften motiviert, zumindest ab und zu so ein Blatt zu bearbeiten. „Irgendwie verstehe ich das mit dem Rechnen inzwischen besser“, sagt sie. Jetzt, zu Beginn der vierten Klasse, sieht sie sich einigermaßen gut auf den Matheunterricht vorbereitet.

Nachhilfe ist in Deutschland weiterhin schwer gefragt. Der Markt ist deutlich größer als noch zu Zeiten der heutigen Elterngeneration: Es sind längst nicht mehr nur Wackelkandidaten, die sich außerschulisch helfen lassen. „Auch ehrgeizige Schüler kommen zu uns, um sich beispielsweise vor Abiturprüfungen helfen zu lassen“, sagt Thomas Momotow von Studienkreis Nachhilfe, einem der deutschen Marktführer.

900 Millionen Euro werden mit Nachhilfe verdient

Die Nachhilfe habe ihr Stigma verloren und spreche damit breitere Gruppen von Schülerinnen und Schülern an als früher. „Unbefriedigende Zensuren sind nicht mehr unbedingt ausschlaggebend“, stellte auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2016 fest.

900 Millionen Euro werden demnach in Deutschland mit Nachhilfe verdient. Davon entfallen nach Angaben des Bundesverbands Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN) rund 360 Millionen Euro auf professionelle Nachhilfeschulen und 640 Millionen auf den rein privaten Bereich, wo meist keine Steuern gezahlt werden.

Vielen Abiturienten reicht ein Schnitt von 2,8 nicht mehr

Der Verband sieht ebenfalls einen klaren Trend zur optimierenden Nachhilfe statt der reinen Rettung in letzter Sekunde. „Vielen, die zu uns kommen, geht es um besonders gute Noten“, sagt Cornelia Sussieck, die Vorsitzende des Nachhilfeverbands.

Natürlich sei das Motiv in vielen Fällen immer noch, die Versetzung zu retten, wenn die Bewertungen schlechter geworden sind. Da das Niveau der Noten jedoch insgesamt besser geworden ist, reiche vielen Abiturienten eine 2,8 nicht mehr – sie versuchen, sich durch professionelles Coaching einen Vorteil zu verschaffen.

Der Markt ist im Wesentlichen in vier Segmente geteilt. Einen guten Teil deckt die rein private Nachhilfe ab – wenn etwa ältere Schüler den jüngeren die Aufgaben erklären und dafür ihr Geld direkt auf die Hand bekommen.

Online-Anbieter für Nachhilfe sind hinzugekommen

Ebenfalls gut im Rennen liegen die mittelgroßen Nachhilfeschulen mit regionalem Einzugsgebiet. Sie kennen meist die örtlichen Schulen und ihre Lehrer ganz genau. Das dritte Segment sind die großen Ketten Studienkreis und Schülerhilfe plus einige Konkurrenten.

Dahinter steckt meist ein Franchise-Prinzip: Die einzelnen Schulen eröffnen unter der Führung einzelner Kleinunternehmern, die das Logo, den Werbeauftritt und das Material der Kette gegen eine Gebühr mitbenutzen dürfen und sich zugleich zu bestimmten Mindeststandards verpflichten. In letzter Zeit sind noch reine Online-Anbieter als vierte Säule hinzugekommen.

Japanischer Anbieter bringt es inzwischen auf 25.000 Filialen

Die japanische Kette Kumon als internationaler Wettbewerber ist da bisher die Ausnahme. Schwerpunkt ist Mathe, das am meisten nachgefragte Nachhilfe-Fach. Das börsennotierte Unternehmen bietet keine gezielten Rezepte zum Bestehen der nächsten Mathe-Arbeit an, sondern will wirklich Verständnis für die Materie schaffen.

Mit dem Konzept hat es die 70 Jahre alte Schulkette immerhin auf 25.000 Filialen weltweit mit Millionen von Schülern geschafft. Die Kumon-Methode ist zwar schon mehrere Jahrzehnte alt, gilt aber immer noch als aktuell.

Die Kids erhalten Aufgabenblätter, die immer ihrem Niveau angepasst sind – damit sind Erfolgserlebnisse garantiert. Erste wenn ein Niveau gemeistert ist, geht es mit dem nächsten Schritt weiter. Die Arbeit mit den Blättern sollte den Zöglingen immer leicht fallen. Die Arbeitsblätter führen daher anfangs in kleinen Schritten von der Aufgabe zur Lösung.

Ein typischer Besuch dauert eine halbe Stunde

Wer den Stoff schnell kapiert, kommt damit schneller voran. Zugleich erhalten Kinder, bei denen es länger dauert, alle Zeit der Welt. Kumon empfiehlt – nicht ganz ohne Eigeninteresse –, dass schon Kindergartenkinder spielerisch mit der Methode anfangen. Ein typischer Besuch in einem Kumon-Lerncenter dauert eine halbe Stunde; der Lehrer achtet hier genau darauf, wie flüssig die Kinder ihre Bögen bearbeiten können. Auch das gibt Hinweise auf die Entwicklungsstufe.

In Deutschland haben es solche grundlegenden Angebote jedoch immer noch schwer. „Für die meisten Eltern geht es ganz unmittelbar um den Schulstoff und um die aktuellen Noten“, sagt Sussieck. „Die Nachhilfe hängt unmittelbar am Schulunterricht.“ Am meisten gefragt sei gezielte Förderung, um schnelle Ergebnisse zu erhalten.

Für viele Viertklässler geht es um den Übergang zum Gymnasium

Eine potenziell wichtige Entwicklung sehen die Nachhilfeschulen in der Diskussion um Aufnahmeprüfungen an den Unis aufgrund der Einser-Schwemme im Abitur. In einzelnen Studiengängen gibt es bereits Aufnahmeprüfungen, beispielsweise in Umweltschutztechnik an der Universität Stuttgart oder Wirtschaftsinformatik in Mannheim. Wenn mehr Fächer eine eigene Prüfung verlangen, werde die Nachfrage nach entsprechender Vorbereitung wachsen, glaubt Momotow.

Bisher ist es jedoch die klassische Abiturvorbereitung, die das Geschehen dominiert. Doch gerade in den vergangenen Jahren kommen immer mehr Grundschüler. Die Kleinsten haben früher nur vergleichsweise wenig Nachhilfe benötigt, jetzt wächst das Segment am schnellsten.

Für viele der Viertklässler hängt der Übergang auf das Gymnasium von den Noten ab – und mehr und mehr Berufszweige bleiben den Kids verschlossen, wenn sie kein Abitur vorweisen können.

Im Notfall: Hausaufgaben-Soforthilfe über das Internet

Die Digitalisierung macht auch vor der Nachhilfe nicht halt. Einige der Ketten bieten sogar Hausaufgaben-Soforthilfe übers Internet an – nach Anforderung meldet sich innerhalb einer Viertelstunde ein Fachlehrer und hilft weiter. In Deutschland nutzt jedoch nach Verbandsangaben nur ein winziger Teil der Kunden solche Dienste. Den Eltern ist ein Lehrer vor Ort dann doch lieber.

So finden Eltern und Schüler den richtigen Anbieter

Laut des Bundesverbands Nachhilfe- und Nachmittagsschulen sollte eine Nachhilfestunde in Kleingruppen zwischen 8 und 15 Euro kosten, einzeln 18 bis 28 Euro pro Dreiviertelstunde. Es gibt große regionale Unterschiede.

Die Kriterien für eine gute Nachhilfeschule sind:

  • Echte Lehrer, die Pädagogik studiert haben.
  • Interessenten sollten alteingesessene Namen aufsuchen, schlechte Schulen halten sich nicht lange.
  • Maximal sollten vier Schüler in einer Gruppe sein.
  • Nicht sofort einen langfristigen Vertrag abschließen, stattdessen Probeunterricht buchen.
  • Keine Kündigungsfristen über 1-2 Monaten akzeptieren.

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