Kardiologie

Wie radioaktive Strahlung bei Herzerkrankungen helfen kann

Essen.  Mithilfe strahlender Substanzen lassen sich drohende Erkrankungen rechtzeitig erkennen. Besonders wichtig ist das für Krebspatienten.

Das menschlische Herz kann mithilfe von radioaktiven Substanzen überwacht werden.

Das menschlische Herz kann mithilfe von radioaktiven Substanzen überwacht werden.

Foto: Nerthuz / iStock

Kann Radioaktivität gut dafür sein, Erkrankungen wie Herzschwäche und Herzmuskelentzündungen vorzubeugen oder zu verhindern? Dass die Antwort Ja lautet, ist auch für Kardiologen und Nuklearmediziner neu. Weil die Experten jetzt erkannt haben, wie sehr Patienten von einer sogenannten Nu­klearkardiologie profitieren, bauen sie in Essen einen eigenen Schwerpunkt auf – als deutschlandweites erstes Modellprojekt. Es soll auch eine Chance für Menschen wie Astrid sein.

Die 40-Jährige hat es als Patientin doppelt schwer: In ihrer Brust wurde ein bösartiger Gewebeknoten entdeckt, dem die Ärzte jetzt mit einer Chemotherapie und Bestrahlung zu Leibe rücken. Doch selbst wenn diese Behandlung von Erfolg gekrönt ist, kann sich Astrid nicht in Sicherheit wiegen: „Bis zu 40 Prozent der Patienten können durch eine Therapie des Brustkrebses eine Herzschwäche erleiden“, erklärt Professor Tienush Rassaf, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie (Herz- und Gefäßheilkunde) am Universitätsklinikum Essen.

Er ist zugleich Spezialist für Onko-Kardiologie und weiß, dass es tragischerweise nicht selten dazu kommt, dass der Krebs zwar besiegt wird – anschließend versagt aber das Herz, weil es zu stark durch die Chemo- oder Bestrahlungstherapie beeinträchtigt wurde. Vor allem bei Patienten wie Astrid, deren Vater bereits an einem Herzinfarkt gestorben ist, müssen die behandelnden Ärzte Vorsicht walten lassen. Die genetische Vorbelastung birgt für sie ein Risiko.

Radioaktive Substanzen helfen bei der Herzuntersuchung

So kommt es, dass Kardiologe Rassaf bei solchen Fällen jetzt im Team mit Professor Christoph Rischpler arbeitet. Seit Kurzem ist dieser der erste Professor für Nuklearkardiologie in Deutschland – und hilft an der Uniklinik Essen mit den Techniken der Nuklearmedizin dabei, festzustellen, ob das Herz von Astrid durch die Chemotherapie geschädigt wird und besonders beobachtet werden muss.

Ein normaler Ultraschall oder eine Blutuntersuchung reichen dafür nicht aus. Rischpler setzt spezielle Methoden ein, um potenziellen Schäden oder Entzündungen des Herzens auf die Spur zu kommen – sogenannte Tracer. „Wir können vor Beginn der Chemotherapie zum Beispiel die roten Blutkörperchen mithilfe von schwach radioaktiven Substanzen markieren. So können wir erkennen, wie stark sie durch das Herz gewirbelt werden. Auf diese Weise wissen wir, ob das Herz ausreichend pumpt“, sagt Rischpler. Eine spezielle Kamera zeichnet die Strahlung auf und gibt so Auskunft über den Weg der Blutkörperchen im Körper.

Andere, ebenfalls schwach radioaktive Substanzen können in eine Armvene gespritzt werden und zeigen dann im Herzmuskel an, wie gut dieser durchblutet ist oder ob darin viel Muskelgewebe durch Bindegewebe ersetzt wurde.

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Radioaktive Tracer können Herzinfarktrisiken erkennen

Bei der Tracermethode wirkt das Schlüssel-Schloss-Prinzip. „Das bedeutet: Innerhalb der Zellen gibt es eine Struktur, eine Art Schloss, zu der ein spezieller Schlüssel passt. Das ist dann die Substanz, die mit schwacher Radioaktivität verbunden wird“, sagt Rischpler. Zu seinen Aufgaben gehört, zu immer neuen Schlössern die passenden radioaktiven Schlüsselsubstanzen zu entwickeln. „Die Nuklearmedizin gibt uns eine neue Möglichkeit, das Herz zu charakterisieren“, erläutert Kardiologe Tienush Rassaf.

Das kann direkte Auswirkungen auf die Chemotherapie bei Patienten wie Astrid haben: Ein schwaches Herz erhält eine andere, geringere Dosis, bei der Behandlung werden längere Pausen eingeschoben. Zuweilen muss auch das Therapeutikum gewechselt werden, um das Organ auf Dauer zu stärken. Ob das Herz von Astrid dennoch mit der Zeit Entzündungen davonträgt, kann man übrigens auch während des kompletten Behandlungsverlaufs mithilfe der Nuklearmedizin verfolgen. Dann gilt es notfalls, die Therapie zu korrigieren.

Doch das ist nicht alles: Die Tracermethode erleichtert darüber hinaus die Diagnostik von verengten Herzkranzgefäßen, die zu einem Herzinfarkt führen können. Und sie hilft dabei, festzustellen, ob eine Engstelle in einer der drei Herzarterien unbedingt behandelt werden muss. „Früher wurde schon bei leichtgradigen Engstellen oft ein Stent, also eine Gefäßstütze, eingesetzt. Heute wissen wir, dass nur die Engstellen behandelt werden dürfen, die die Durchblutung des Herzens einschränken“, sagt Kardiologe Rassaf. Er ist erleichtert darüber, mithilfe der Nuklearmedizin und der Tracermethode erkennen zu können, wie stark der Blutfluss in den Gefäßen beeinträchtigt ist. So kann sich die Behandlung nach den jeweiligen körper­lichen Gegebenheiten des Patienten richten.

Neue Behandlungsstruktur entwickeln

Die neue Zusammenarbeit zwischen Kardiologie und Nuklearmedizin in Essen wird bundesweit beachtet und kann viele Nachahmer finden. Denn an zahlreichen Kliniken gibt es bereits Spezialisten für beide Gebiete. Sie sind häufig nur noch nicht so intensiv vernetzt. Deshalb ist es das Ziel von Rassaf und Rischpler, eine komplett neue Betreuungsstruktur für Patienten zu entwickeln. „Wir überlegen derzeit, für welche Patienten eine kardionuklearmedizinische Betreuung notwendig und sinnvoll ist. Leitlinien müssen weiterentwickelt werden, es gilt, die Therapie anzupassen, außerdem müssen Kassen und Hausärzte über die neuen Untersuchungsmethoden informiert werden“, sagt Rassaf.

Beide Professoren sind Autoren eines Positionspapiers, in das Erkenntnisse aus den ersten Behandlungen von Tumorpatienten einfließen sollen. Gemeinsam mit großen Haus- und Facharztpraxen werden Studien entwickelt, die den Nutzen der Nuklearkardiologie nachweisen sollen.

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