Gesundheit

Stress: Kann er dauerhaft sogar zu Demenz führen?

Berlin.  Durch Stress sind wir achtsam und können Gefahren aus dem Weg gehen. Doch bleibt man dauerhaft angespannt, sind die Folgen schwer.

Stress löst im Gehirn viele Reaktionen aus. Wenn er länger andauert, kann das zur Gefahr werden.

Stress löst im Gehirn viele Reaktionen aus. Wenn er länger andauert, kann das zur Gefahr werden.

Foto: istock / iStock

Gestresst? Egal, geht schon. Viele Menschen neigen dazu, trotz Stress einfach zu „funktionieren“. Stress wird ignoriert. Schließlich geht es anderen genauso, noch schlechter – oder, oder, oder. Aber auch wenn es einem per se gut geht, darf man eines nicht ignorieren: Stress ist potenziell schädlich. Nicht akut, aber bei einer Dauerbelastung kann er im Laufe der Zeit Schaden anrichten.

Wichtig ist hier zu differenzieren, denn die menschliche Reaktion auf Stress hat zwei Seiten. „Der Körper versucht, mit einer äußerlichen Belastungssituation passend umgehen zu können“, erklärt der Neurobiologe Oliver Stork von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, der die Auswirkungen von Stress auf das Gehirn insbesondere an Tiermodellen erforscht. „Das ist zunächst einmal nicht unbedingt etwas Schlechtes, sondern hat eigentlich eine schützende Funktion.“ Denn ab und an gestresst zu sein, ist normal.

Stress: Blutdruck und Herzfrequenz steigen

Dann laufen diverse komplexe Prozesse in unserem Gehirn und unserem Körper ab, die dazu führen, dass unter anderem Energiereserven mobilisiert werden und die Aufmerksamkeit erhöht wird. „Das ermöglicht uns etwa, in Gefahrensituationen schnell und fokussiert reagieren zu können, sowie auch körperliche Abwehrreaktionen“, so Stork.

Mit etwas Verzögerung steigt dann der Cortisolspiegel im Blut. Nicht umsonst wird Cortisol auch als Stresshormon bezeichnet. „Das steigert den Blutdruck und die Herzfrequenz und macht uns so richtig kampf- oder eben fluchtbereit“, ergänzt Frank Erbguth, ärztlicher Leiter der Universitätsklinik für Neurologie an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Nürnberg.

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Das menschliche System sei aber darauf ausgelegt, dass der Stress wieder aufhöre und es so in Balance bleibe, so die Experten. „Eine normale Stressreaktion dient dazu, mit einer Stresssituation umzugehen, diese zu bewältigen und dann wieder weiterzumachen“, sagt Stork. Bei chronischem Stress tauche die Stresssituation am nächsten Tag aber wieder auf. „Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und mein Körper alles getan, um den Stress zu bewältigen. Aber ich werde ihm wieder ausgesetzt, und wieder, und wieder“, erklärt Stork.

Dauer-Stress kann Körper und Geist stark beeinflussen

Das Problem sei unter anderem, dass sich dadurch der Cortisolspiegel immer wieder erhöhe, so Stork. Das könne zu langfristigen Veränderungen führen, da Cortisol die neurochemische Zusammensetzung und die Struktur der Nervenzellen im Laufe der Zeit verändere. „Wenn Sie so wollen, ist das manchmal der Beginn einer Spirale“, fügt Erbguth hinzu. „Denn Dauerstress verändert auch die Netzwerke des Zusammenwirkens im Hirn in einer Weise, die uns wiederum anfälliger für Stress macht.“

Dieser kontinuierliche Stress kann Körper und Geist stark beeinflussen. Er führt zu Aufmerksamkeits-, Gedächtnis-, Lern- und Konzentrationsproblemen. „Man kann schon bei akutem Stress zeigen, dass insbesondere der Gedächtnisabruf und die kognitive Kontrolle oder die Zielgerichtetheit im Handeln verloren gehen“, erklärt Oliver Wolf, der den Lehrstuhl für Kognitionspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum leitet. „Diese rationalen, planerischen, kontrollierten Arbeiten und Prozesse, die wir heutzutage oft ausführen müssen, funktionieren dadurch unter Stress schlechter“, so der Stressforscher, „und zwar sowohl unter akutem als eben auch unter chronischem Stress.“

Produktiver macht uns eine Dauerbelastung also auf keinen Fall. Da sind sich die Experten einig. Vielmehr würden Arbeiten am Ende länger dauern oder seien fehleranfälliger, als wenn man sich Pausen und Auszeiten gönne, um das komplexe menschliche System so in Balance zu halten. Chronischer Stress führe auf Dauer zu Schlaf- und damit oft verbunden auch zu psychischen Problemen. Nicht selten sind Depressionen und Burnout, Angststörungen sowie im Extremfall posttraumatische Belastungsstörungen die Folge.

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Führt Stress auch zu Demenz?

„Auch das Risiko für weitere Krankheiten wie Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck steigt“, gibt Wolfs Kollege Robert Kumsta aus dem Fachbereich Genetische Psychologie der Ruhr-Universität Bochum zu bedenken, „genauso wie die Tendenz für Fettleibigkeit.“

Stork ergänzt, dass aktuell vieles darauf hinweise, dass Stress möglicherweise auch degenerativen Erkrankungen wie Demenzen Vorschub leisten könne. Zudem gibt es Studien, die zumindest formal zeigten, dass ein hohes Stressempfinden das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle um etwa 20 Prozent steigere. Allerdings handelt es sich hier um Querschnittsstudien, die zwar einen Zusammenhang zeigen, aber Stress als Auslöser nicht eindeutig nachweisen können.

Positive Nachricht: „Das Ganze ist abhängig von der Veranlagung“, so Kumsta. „Es gibt Leute, die sind aufgrund ihrer Genetik eher geschützt vor diesen langfristigen Folgen – wir sagen resilient.“ Genauso gebe es aber eben auch Personen, die anfälliger für Stress und dessen Folgen seien. Hier spielen laut Kumsta auch negative frühkindliche Erfahrungen eine wichtige Rolle.

Stressempfinden ist bei jedem Menschen anders

Was jeder Einzelne als Stress empfindet, wie der Organismus darauf reagiert und wie viel Belastung dieser ausgleichen kann, ist also sehr individuell. „Spätestens wenn man nicht mehr durchschlafen kann, wenn man keine Freude mehr empfindet an alltäglichen Dingen, an denen man sonst Freude hatte, oder wenn man körperliche Symptome spürt, eine starke Abgeschlagenheit oder das Gefühl der ständigen Überlastung, sollte man hellhörig werden“, warnt Kumsta. „Wenn es extrem oder sehr belastend wird, sollte man sich dann unbedingt professionelle Hilfe suchen.“ Ein Ausbrechen aus dem Teufelskreis sei allein dann kaum noch möglich.

Bei ersten Anzeichen von chronischem Stress lasse sich aber laut den Experten oft noch gut gegensteuern. „Das Einfachste ist, sich soziale Unterstützung zu holen“, rät Kumsta, „sich am besten mit Menschen umgeben, die man mag, denen man sich öffnen kann und die einen unterstützen können.“ Das sei ein sehr potenter Stresspuffer. Laut Erbguth helfe es bei Dingen, die man nicht beeinflussen könne, oft auch bereits, kurz innezuhalten, kritisch zu prüfen, ob man die Lage wirklich selbst beeinflussen könne, und die Schuld für den Stress nicht bei sich zu suchen. Auch Achtsamkeitstraining sei für manche hilfreich.

Stressforscher Wolf rät ergänzend zu versuchen, Stresssituationen neu zu interpretieren, umzuwerten: „Die Frage ist: Sehe ich eine Situation als Herausforderung und Chance, als Möglichkeit, mich vielleicht zu bewähren oder besondere Leistung zu erbringen? Oder sehe ich es eher als Bedrohung?“, sagt Wolf. Wer diese Umwertung oft auch im Alltag spontan einsetze, könne besser mit Stress umgehen.

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