Frauengold-Kolumne

2021 kommt der Alltag zurück: Schluss mit Lernen und Netflix

| Lesedauer: 7 Minuten

Berlin.  Wir haben die Nase voll von diesem Corona-Wahnsinn. Lassen wir das mit Weihnachten, entschied daher unsere Kolumnistin. Es kam anders.

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Das Teenagerkind hat „keinen Bock“. Aufs Aufstehen. Aufs Schlafengehen. Auf Homeschooling. Auf Klavier üben. Auf Lesen. Das geht seit Monaten so. Kurz vor Heiligabend, und das ging mir tatsächlich durch Mark und Bein, hieß es: „Auf Weihnachten“.

Ach Mensch. Dabei ist es das Kind von meinen Dreien, das sich nicht abgewöhnt hat, das Jahr in Vor-Weihnachtsfreude, Vor-Geburtstagsfreude, Vor-Ferienfreude einzuteilen.

Es ist das Kind, das wochenlang über das Weihnachtsessen redet, das einen riesigen Weihnachtsbaum will, unter dem Berge von Geschenken liegen.

Homeschooling verdammt Teenies im besten Partyalter an den Küchentisch

Aber das Kind ist 16; also im besten Partyalter – und da war eben dieses Jahr nicht viel. Im Gegenteil: Das soziale Leben der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bewegt sich derzeit zwischen Kinderzimmer und Küchentisch, unterbrochen von einigen halbwegs unbeschwerten Schulwochen im Frühherbst.

Geburtstagsfeiern, Treffen im Park, Übernachtungspartys gar – alles wurde von uns Eltern argwöhnisch debattiert, bis das Kind von sich aus sagte, „dann eben nicht“. Lesen Sie auch: Silvester: Diese Corona-Regeln gelten auch nach Weihnachten

Noch schlimmer erging es unseren Studentenkindern mit ihren Vorlesungen per Notebook, von frühmorgens bis spätabends gezwungen, salbadernden Professorinnen und Dozenten zuzuhören.

Rucksacktrip nach bestandenen Prüfungen? Kennenlern-Abende nach dem Studienortswechsel in der neuen Stadt? Clubs? Studierendenpartys? Nichts von alledem.

Die Wiedervereinigung war mein Lebenshighlight. Für meine Kinder ist es Corona

Wenn ich zurückblicke, dann war meine Zeit zwischen 16 und 26 ein einziger Partytaumel; gespickt mit ein wenig Lernerei für Schule und Uni. Es war die Zeit der Wiedervereinigung – und damit die Zeit des ganz großen Glücksgefühls.

Schülerinnen und Studenten werden das Jahr 2020 als Jahr am heimischen Schreibtisch in Erinnerung behalten; gespickt mit vorsichtigen Treffen an Sommerabenden im Park. Als Jahr mit diffuser Angst vor einem unsichtbaren Virus, dass das Leben der Großeltern bedroht.

In meiner Familie führt das dazu, dass die Generation, die eigentlich feiern sollte, wie verrückt lernt für die gute Abinote, für das gute Examen. „Was soll ich sonst machen“, sagt die Studententochter. Und der Sohn, der froh ist, an diesen Feiertagen bei der Familie zu sein, ergänzt: Ich kenn' doch keinen in München.

Corona schweißt uns zusammen, ob wir wollen oder nicht

Apropos Familie: Corona hat uns fünf zusammengeschweißt. Gezwungenermaßen. Wir waren zusammen im Urlaub, feierten zusammen Geburtstage. Und nun Weihnachten, Silvester: Immer wir fünf.

Zusammen auf dem Sofa vor dem Netflix-Marathon. Zusammen vor der Spielkonsole. Zusammen draußen im Park in der Wintersonne. Zusammen am Esstisch. Wir müssen uns Zimmer teilen, niemals ist jemand ganz allein für sich.

Vor dem Fest war auch ich von der „Kein-Bock“-Haltung unseres Teenagers betroffen. Mir ging das Gejammer von den entgangenen Weihnachtsfeiern furchtbar auf die Nerven. Wer darf wen besuchen? Welche Hygienemaßnahmen gelten in Kirchen? Schützen Schnelltests wirklich?

Hey, Papst, sag‘ doch Weihnachten ab!

Noch in der vergangenen Woche sprach ich Weihnachten die innere Kündigung aus. Sagt Weihnachten ab!, hätte ich am liebsten dem Papst zugerufen und den anderen christlichen Anführern. Sagt die Feiertage ab - und Silvester dazu!, hätte ich gern Angela Merkel aufgefordert und die palavernden Länderfürsten von Laschet über Müller bis Söder.

Seid doch ehrlich: Dieser ganze Tand, um den wir debattieren, diese zur Schau gestellte Besinnlichkeit in Zeiten, in denen wir nichts Anderes als Ruhe und Besinnlichkeit haben, weil es kaum noch Zerstreuung gibt: Weg damit. Wir müssen nicht runterkommen, wir sind schon ganz unten mit unseren Origami-Abenden und Brotback-Wettbewerben.

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Kinder, sag‘ ich, weg mit dem Baum

„Es gibt keinen Baum“, rief ich also der Familie zu. Ich wollte an den Feiertagen einfach die heruntergekommene Wohnung renovieren, die unsere Studententochter im Januar bezieht. Ich wollte Heiligabend malern und dann Sushi bestellen. Ich hatte sogar einen Handwerker gefunden, der uns trotz Lockdown Farbe und Pinsel im Baumarkt besorgt.

Doch der Gatte sagte, darauf habe er keinen Bock. Der Studentensohn sagte, er auch nicht. Ist doch scheiße, rief schließlich das Teenagerkind und sprang in all seiner Größe vom Tisch auf, der Stuhl fiel um, Schritte stampften über das Parkett, die Kinderzimmertür knallte.

Nach einer Phase der Beruhigung steckte es einen hochroten Kopf durch die Tür und rief: Ich will Raclette an Heiligabend. Einen Geschenkeberg. „Ich will einen echten Baum“.

Ein wenig still, ein wenig Langweilig

Da steht er nun. Wie immer zu groß, wie immer zu voll, wie immer wunderschön – weil wir mit unserer Null-Bock-Haltung keine gemeinsame Linie finden konnten.

War schon richtig, Weihnachten nicht ganz abzusagen. Auch wenn es still ist, ein wenig langweilig, mitunter am Rande der Krise, weil das Teenagerkind und ich zu einem gewissen Jähzorn neigen. Jetzt haben wir ein neues Spiel eingeführt, jeden Abend vor dem Essen diskutieren wir eine halbe Stunde, was wir alles nach der Pandemie machen wollen und was wir uns wünschen.

Und das geht so: Das richtige Weihnachten, das mit dem ganz großen Gefühl, bei dem der Opa in die Tasten haut und die Oma alle mit ihrem Sopran übertönt, verschieben wir auf Ostern. Das Teenagerkind darf mit den Cousinen und Cousins Ostereier suchen im Omagarten. Im Sommer fahren wir zusammen an den Gardasee.

Das richtige Weihnachten verschieben wir auf Ostern

Wir kündigen Netflix und bestellen uns ein Kino-Abo. Und ein Konzert-Abo. Und ein Theater-Abo. Wir hören auf, permanent mit gebügelter Bluse und Jogginghose am Küchentisch zu arbeiten und kehren in unsere Bürowelt zurück. Wir rufen „Ciao Enzo“, wenn wir in unsere Stammpizzeria gehen statt den Thermomix anzuwerfen – und wir umarmen ihn. Wir küssen unsere Freunde.

Nun rücke ich noch einmal die Weihnachtsbeleuchtung auf unserem Balkon zurecht und freue mich über die fahle Wintersonne, die unsere Dachwohnung so hell macht. Ganz schön normal, unsere Pläne, denke ich, ganz schön alltäglich. Es ist eben dieser Alltag, den wir verloren haben. 2021 kann nur das Jahr werden, an dem wir ihn zurückbekommen.

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