Kolumne

Ablenkungen im Homeoffice – Schaffen statt Schieben

Berlin.  Unser Kolumnist Hajo Schuhmacher schreibt über Ablenkungen des Internets und den Unterschied zwischen dem Schmutz- und dem Nutznetz.

Das Internet bietet im Homeoffice jede Menge Gründe die Arbeit auf die lange Bank zu schieben, findet Hajo Schuhmacher.

Das Internet bietet im Homeoffice jede Menge Gründe die Arbeit auf die lange Bank zu schieben, findet Hajo Schuhmacher.

Foto: ROBINUTRECHT / action press

Heute ist Homeoffice. Ich werde diszipliniert das WLAN abschalten, eine Stunde lang oder vielleicht nur eine halbe; nachher verpasse ich noch was. Der Aufgabenzettel ist lang und lästig: Artikel verfassen, Lesermails beantworten, den längst überfälligen Vortrag auf die Reihe bringen und weitere Kleinigkeiten, die eins gemeinsam haben: Sie sind mitteldringend, also gut zu schieben.

Aber heute wird nicht geschoben, sondern geschafft. Wie wir´s den Kindern predigen: Smartphone zur Seite, konzentrieren, dranbleiben, zusammenreißen. Bevor ich loslege, nur noch schnell in die Nachrichten gucken. Kann ja sein, dass sich die Weltlage grundlegend geändert hat und ich meinen Artikel neu anfangen muss.

Homeoffice: Die Arbeit ruft aber in der 3. Liga geht’s drunter und drüber

Die Weltlage ist gewohnt instabil. Aber in der 3. Liga geht’s drunter und drüber. Zudem soll eine Influencerin, die ich nicht kenne, schwanger sein. Und Trump hat was Empörendes gesagt. Ein Anbieter mäßig eleganter Herrenmode verfolgt mich seit Wochen mit diesen karierten Hosen, von denen ich zwar gern eine hätte, aber keine brauche. Morgen werde ich dieselbe Werbung wieder bekommen. Sie wollen mich weichkochen.

Standhaftigkeit ist einer meiner wichtigsten Charakterzüge. Blick auf die Uhr. Kann das sein? Eine Dreiviertelstunde spurlos verschwunden. Früher dauerten die Minuten länger. Also gut, zum Artikel. Der Einstieg funktioniert leider nicht. Sätze umstellen, Wörter tauschen. Vielleicht finde ich online eine Anregung.

Twitter: Warten auf die Antwort

Auf Twitter waren neulich so witzige Sachen. Ich suche, bis ich mich empören muss über den dämlichen Tweet eines Kollegen. Bämm, habe ich einen fulminanten Antworttext rausgehauen. Hmm, nach 30 Sekunden immer noch kein Like. Ich hämmere auf „Neu laden“. Im Wohnungstürschloss knirscht der Schlüssel. Die Chefin. Eilig rufe ich die Seite mit dem Artikelfragment auf; ich muss nach Arbeit aussehen. „Hast du was geschafft, Schatz?“, fragt sie. „Ist kompliziert“, sage ich. „Ich habe rumgedaddelt“, wäre ehrlicher gewesen.

Dieses Internet ist eine falsche Schlange. Mit dem Versprechen, ganz viele nützliche Informationen zu liefern, lockt es mich zunächst, um mir umgehend ein Feuerwerk der Nebensächlichkeiten um die Ohren zu ballern. Es fühlt sich an, als würde ich in einem Glaskasten auf dem Rummel arbeiten. Tapfer halte ich Ohren und Augen auf meine Schreibarbeit gerichtet, aber die permanente Ablenkung ist stärker. Lesen Sie dazu: WhatsApp, Mails und Co.: Das Internet sorgt zuverlässig für Kommunikationschaos

Ich gucke raus. Ich bin verloren. Ich treibe durch bunte Gassen, überall so viel los, eine hysterisch glucksende Konfettimaschine, die Zeit saugt, Daten, manchmal Geld und Ansehen. Es gibt ein kleines gutes Internet, das bei der Arbeit hilft, Informationen bietet, Kontakte knüpft, Impfstoffe ausrechnet, Datenmengen überträgt, also dem zivilisatorischen Fortschritt hilft – das Nutznetz.

Konsum und schlechte Laune – So funktioniert das Schmutznetz

Leider liegt es in einem vielfach größeren Schmutznetz, wo der größte, lauteste, bunteste, kriminellste, irrste Jahrmarkt der Welt rund um die Uhr nur auf Charakterschwächlinge wie mich wartet, die „nur mal eben gucken“ wollen. Schnäppchen, Zocken, Spannen, Applaus – in dieser dauererregten Welt verlieren wir uns nur zu gern, vergessen die Zeit und tauchen nachher ein wenig einsamer und schlechtlauniger auf.

Verwirrte Gefühle sind keine unerwünschten Begleiteffekte, sondern Teil einer Strategie. Denn wer Halt sucht, bleibt länger oder kommt öfter wieder. So soll das sein. Jede Sekunde Verweildauer bedeutet für die Digitalkonzerne mehr frische Daten, die sich wiederum weiterverkaufen lassen, an die Anbieter karierter Hosen etwa, die noch genauer wissen, an welchem Tag, zu welcher Uhrzeit ich endgültig auf den Jetzt-kaufen-Knopf drücken werde.

Das Schmutznetz hat nur ein Ziel: Uns in Konsumiermaschinen zu verwandeln. Unsere digitale Unruhe ist kein Kollateralschaden, sondern Bedingung einer florierenden Industrie. Dann arbeite ich halt heute Abend weiter. Aber vorher muss ich noch mal eben gucken, nur ganz kurz.

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