Corona

Die Argumente der Impfgegner – und wo sie falsch liegen

Christian Unger und Kai Wiedermann
| Lesedauer: 9 Minuten
Lauterbach plädiert im Bundestag für allgemeine Impfpflicht

Lauterbach plädiert im Bundestag für allgemeine Impfpflicht

In seiner Rede vor dem Bundestag setzt sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD)erneut für eine allgemeine Impfpflicht ein. Nur so könne Deutschland langfristig die Pandemie beenden, sagte er.

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Berlin.  Gegner der Corona-Impfungen führen viele Bedenken gegen die Vakzine ins Feld. Die acht größten Sorgen und Behauptungen im Faktencheck.

Noch immer sind viele Millionen Menschen in Deutschland nicht geimpft. Jede Woche gehen Tausende auf die Straße und demonstrieren gegen die geplante Impfpflicht, darunter auch Verschwörungsideologen und extreme Rechte.

Daneben gibt es zahlreiche Menschen mit Ängsten und Bedenken, die bislang zögern, sich impfen zu lassen. Was sind die Argumente der Impfgegner, der Impfskeptiker, der Unsicheren – und wie kann man ihnen begegnen? Unsere Redaktion führt die zentralen Thesen an und liefert einen Faktencheck.

Argument 1: Die Corona-Impfstoffe wurden vor der Zulassung nur unzureichend überprüft

Bewertung: Das trifft so nicht zu. Innerhalb der EU kontrolliert die Europäische Arzneimittelagentur EMA die Herstellung der Impfstoffe durch die Firmen. Die EU-Kommission muss das Mittel am Ende zulassen. In Deutschland prüft zudem das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) die Chargen eines Impfstoffs vor dem Einsatz.

Alle in der EU verwendeten Impfstoffe von Biontech über Moderna bis zu Astrazeneca haben bisher eine "bedingte Zulassung" – das heißt: Es gibt bereits Studien und Daten zur Wirkung und Sicherheit der Impfstoffe, die Begutachtung dieser Daten aber wurde durch optimierte Prozesse beschleunigt und lief parallel an, bevor die komplette Zulassung durch die Hersteller beantragt wurde – das Verfahren folgte dennoch geltenden Standards.

An der Phase-III-Studie von Biontech, also einer Studie kurz vor der Zulassung, nahmen über 40.000 Menschen teil. Zudem wurden Risikopatienten etwa mit Übergewicht oder Vorerkrankungen zu Reaktionen auf den Impfstoff untersucht. "Bedingte Zulassung" - das bedeutet auch: Weitere Studien zu möglichen Nebenwirkungen und gesundheitlichen Folgen durch die Hersteller sind notwendig und müssen nachgereicht werden. Und auch nachdem ein Impfstoff auf dem Markt ist, wird er weiter geprüft.

Argument 2: Das Risiko einer schweren Nebenwirkung durch die Impfung ist höher als das Risiko einer schweren Erkrankung an Corona.

Bewertung: Studien und Beobachtungsdaten aus vielen Ländern belegen das Gegenteil. In Deutschland überwacht das PEI mögliche Folgen einer Impfung. In seinem Sicherheitsbericht hält das Institut Ende 2021 fest: Nach derzeitigem Kenntnisstand seien schwerwiegende Nebenwirkungen, "sehr selten und ändern nicht das positive Nutzen-Risiko-Verhältnis der Impfstoffe". An oder mit einer Corona-Infektion starben allein in Deutschland bis Mitte Januar mehr als 115.000 Menschen.

Impfungen können unerwünschte Reaktionen des Körpers auslösen, die zum Teil spürbare Immunreaktionen sind – vorübergehende Kopfschmerzen zum Beispiel oder Fieber.

Im Zuge der Impfkampagne fiel auf, dass mRNA-Impfstoffe in sehr wenigen Fällen etwa allergische Schocks, Herzmusk- oder Herzbeutelentzündungen (insbesondere bei jungen Männern nach der zweiten Impfung) und die Vektor-Impfstoffe auch Hirnvenenthrombosen als schwere Nebenwirkungen verursachen können. Daraufhin wurden die Warnhinweise angepasst und die Ständige Impfkommission (Stiko) aktualisierte ihre Empfehlungen zur Impfung bestimmter Altersgruppen.

Schwere Impfnebenwirkungen, die etwa einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen, treten sehr selten auf. Ein Beispiel: Die Melderate einer Entzündung am Herzen bezogen auf 100.000 Impfungen beträgt laut Paul-Ehrlich-Institut bei Unter-30-Jährigen für den Biontech-Impfstoff etwa fünf Fälle und für den Moderna-Impfstoff etwa elf Fälle. Insgesamt wurden bis Ende November 2021 fast 125 Millionen Dosen Corona-Impfstoff verabreicht. Das PEI registrierte demnach in 1,6 Fällen pro 1000 Impfdosen mögliche Nebenwirkungen.

Argument 3: Die Corona-Impfstoffe könnten gravierende Spätfolgen haben, von denen wir heute noch nichts wissen.

Bewertung: Der Immunologe und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, räumt mit einem Missverständnis auf: Langzeitfolgen bei Impfungen seien seltene Nebenwirkungen, die häufig erst nach längerer Zeit mit der Impfung in Zusammenhang gebracht würden.

Tatsächlich würden solche Nebenwirkungen aber bereits innerhalb weniger Wochen nach der Impfung auftreten. Die Immunreaktion durch die Impfung selbst sei bereits nach wenigen Wochen abgeschlossen – der Impfstoff dann aus dem Körper verschwunden. Dass danach noch unerwartete Langzeitfolgen auftreten, sei äußerst selten, aber nicht völlig auszuschließen, so Watzl. Demgegenüber sei das Risiko, durch eine Covid-19-Infektion schwer zu erkranken und Langzeitschäden davonzutragen, Stichwort Long Covid, viel höher.

Stiko-Chef Thomas Mertens betont in diesem Zusammenhang: Wenn ein Impfstoff zur Verwendung an Menschen freigegeben werde, gebe es begleitende Studien, die genau untersuchten, ob es bei der Anwendung zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen könne. "Dass es bei der Anwendung eines Impfstoffes über knapp ein Jahr keine Zehnjahres-Beobachtungsstudien geben kann, ist klar." Das gelte aber ebenso für jeden anderen Impfstoff, der neu angewendet werde, wie auch für jedes neue Medikament.

Argument 4: Die Corona-Impfung macht unfruchtbar.

Bewertung: Falsch. Grundlage ist die laut Forschern der Universität Jena irreführende Annahme, dass sich die durch eine mRNA-Impfung gebildeten Antikörper gegen die Plazenta richten. Studien etwa aus Israel zeigen dagegen keine Folgen der Impfung für Frauen, die einen Kinderwunsch haben. Dort wurden Daten von 36 Paaren ausgewertet, die in der Behandlung für eine künstliche Befruchtung waren und sich in dieser Zeit impfen ließen.

Ergebnis: Auf die Produktion von Eizellen oder Spermien hatte die Impfung keine Auswirkung. Die Universität in Miami (USA) kam in einer Untersuchung zu dem gleichen Ergebnis. Auch dort: keine Hinweise auf die Gefahr der Unfruchtbarkeit. Im Gegenteil: Frauen mit Kinderwunsch sollten sich nach Ansicht von Medizinern impfen lassen. Eine Corona-Infektion in der Schwangerschaft stellt ein erhöhtes Risiko dar.

Argument 5: Eine Impfung bringt nichts, denn ich stecke mich ohnehin mit Corona an.

Bewertung: Es stimmt zwar, dass eine Ansteckung mit dem Corona-Virus wahrscheinlich ist. Die neue Omikron-Variante ist hochansteckend. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet damit, dass sich jeder zweite Europäer in den kommenden Monaten infizieren könnte.

Auch Geboosterte können sich anstecken. Sie sind aber gegen schwere Omikron-Verläufe deutlich besser geschützt als Ungeimpfte. Beide Effekte zusammen – Schutz vor Infektion und vor schwerem Verlauf – kombinierten sich beim Boostern auch für ältere Menschen nach Erkenntnissen des Instituts für Computergestützte Biomedizin an der Technischen Hochschule Aachen zu einem - Stand heute - 90-prozentigen Schutz vor einem Klinikaufenthalt.

Argument 6: Der Impfstoff könnte das Erbgut der Menschen verändern.

Bewertung: Nach dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand ist das nicht möglich. Medizintechnisch schließen Fachleute das aus, denn der Wirkstoff der Impfung etwa mit dem Vakzin von Biontech gelangt gar nicht dorthin, wo das Erbgut eines Menschen sitzt: in den Zellkern, dort, wo unsere DNA liegt.

Vektorimpfstoffe dagegen kommen zwar bis in den Zellkern und sie enthalten auch DNA, diese könne sich aber nur mit einer extrem seltenen Wahrscheinlichkeit von eins in einer Million Zellen mit dem Erbgut verbinden, so die Hannoveraner Immunologin Christine Falk.

Argument 7: Hinter der Corona-Impfung steckt eine profitorientierte Pharma­­lobby.

Bewertung: Es stimmt, dass Pharmaunternehmen mit Impfstoffen Geld verdienen können. Das vor der Pandemie abseits der Branche kaum bekannte Mainzer Unternehmen Biontech ist nun ein weltweit agierendes Unternehmen, kooperiert mit dem US-Pharmariesen Pfizer. Die Gründer, Ugur Sahin und Özlem Türeci, sind nun Multimillionäre. Doch ihr eigentliches Ziel der Forschung war nie ein Impfstoff gegen ein Coronavirus. Schon lange vor der Pandemie forschten die beiden deutschen Mediziner an einem mRNA-Wirkstoff. Ihr Ziel: der Fortschritt im Kampf gegen Krebs.

Der Hersteller Astrazeneca machte bisher dagegen keine hohen Profite. Das Unternehmen arbeitet mit der Universität Oxford zusammen – und stellte den Impfstoff zu einem geringen Preis her. Erst Ende 2021 hatte das schwedische Unternehmen angekündigt, künftig "bescheidene" Gewinne mit dem Vakzin erzielen zu wollen.

Klar ist: Hohe Investitionen sind notwendig, denn die Erforschung und die Produktion von Impfstoffen sind teuer. Dafür braucht es große Unternehmen mit Kapital. Auch der Staat fördert seit Beginn der Pandemie Corona-Impfstoffhersteller mit mehreren Hundert Millionen Euro.

Argument 8: Mit dem Impfstoff werden Mikrochips bei den Menschen implantiert, um sie zu kontrollieren.

Bewertung: Nein. Der Chaos Computer Club hat dem Recherchezentrum Correktiv dazu mitgeteilt: Schon an der Größe würde es scheitern, Menschen funktionsfähige Mikrochips durch eine Impfung zu verabreichen. Die allerkleinsten Chips, die wenigstens einfachste Funktionen ausführen und per Funk kommunizieren könnten, seien zwischen 0,6 und einem Millimeter dick – und somit zu dick für eine Impfnadel.