Essex

39 Leichen in Lkw: Vierter Verdächtiger festgenommen

Grays.  Im Fall der 39 toten Chinesen hat die Polizei drei weitere Menschen festgenommen. Ihnen wird Menschenhandel und Totschlag vorgeworfen.

In diesem Lkw-Container in England sind 39 Leichen entdeckt worden.

In diesem Lkw-Container in England sind 39 Leichen entdeckt worden.

Foto: Stefan Rousseau / dpa

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Bei den Mordermittlungen zum Fund von 39 Leichen in einem Lkw-Anhänger bei London hat die britische Polizei am Freitag drei weitere Menschen festgenommen – zunächst einen 38 Jahre alten Mann und eine Frau gleichen Alters, später dann noch einen 48 Jahre alten Mann aus Nordirland. Ihnen würden Menschenhandel in 39 Fällen sowie Totschlag in 39 Fällen vorgeworfen, teilte die Polizei am Freitag mit.

Der bereits zuvor festgenommene Fahrer des Lastwagens, in dem die Leichen gefunden worden waren, stehe weiter unter Mordverdacht und bleibe in Haft, teilte die Polizei weiter mit. Der Haftbefehl gegen ihn sei am Donnerstag verlängert worden.

Die Toten werden nun obduziert. Die ersten elf Leichen wurden am Donnerstagabend – begleitet von einer Polizeieskorte – in eine Klinik in Chelmsford gebracht. Die Opfer, 31 Männer und acht Frauen, stammen aus China. Experten rechnen mit sehr langen Untersuchungen nach dem grausigen Fund.

Ermittlungen nach Leichen-Fund in Großbritannien

Ambulanzfahrer hatten am frühen Mittwochmorgen um 1.40 Uhr die Polizei zu einem Gewerbegebiet in Grays gerufen, einer Stadt rund 30 Kilometer von London entfernt. Dort, im Waterglade Industrial Park, stand der rote Lkw mit bulgarischen Kennzeichen. Der Ort liegt an der Themse und in der Nähe von Fährverbindungen.

„Wir glauben, dass der Lastwagen aus Bulgarien kommt“, teilte ein Polizeisprecher mit. Das Fahrzeug sei am Samstag mit der Fähre über den Hafen Holyhead in Wales nach Großbritannien gekommen.

Großbritannien: Leichen in Lkw-Container gefunden – Das Wichtigste in Kürze:

  • In England sind 39 Tote in einem Lkw-Container gefunden worden
  • Vermutlich handelt es sich um Flüchtlinge, die ins Land eingeschleust wurden
  • Der 25-jährige Fahrer, ein 48-jähriger Mann sowie eine Frau und ein weiterer Mann (beide 38) wurden festgenommen
  • In Nordirland, dem Heimatland des Lkw-Fahrers, gab es Durchsuchungen
  • In einem weiteren Transporter fand die Polizei wohl neun Migranten, die noch lebten

Das bulgarische Außenministerium konnte bisher nicht bestätigen, dass der Laster seine Fahrt in Bulgarien begann. „Wir überprüfen noch die Informationen, die in britischen Medien veröffentlicht wurden, und kontaktieren die Behörden“, sagte eine Sprecherin. Die bulgarische Botschaft in London kündigte an, mit den britischen Behörden zusammenzuarbeiten.

Nur Stunden später entdeckte die britische Polizei in der Nähe von London einen weiteren Lkw. In dem gekühlten Transporter befanden sich laut Sky News neun Migranten – alle am Leben, wie die Polizei mitteilte.

Britischen Medienberichten zufolge wurden in der Nacht zum Donnerstag zwei Wohnungen in Nordirland durchsucht - dem Herkunftsland des Lastwagenfahrers. Von einem Zusammenhang mit dem Fall sei stark auszugehen, hieß es.

Nachbarn der Eltern des festgenommen Fahrers zeigten sich derweil überrascht von der Festnahme, wie der „Belfast Telegraph“ am Donnerstag berichtete. Die Familie sei angesehen im Dorf Laurelvale und der 25-Jährige habe alle paar Wochen seine Eltern besucht.

39 Tote in Lkw: Ermittlungen könnten sich lange hinziehen

Ersten Erkenntnissen zufolge führte die Route des ersten Lkw zunächst nach Irland. Die Leichen werden derzeit obduziert. „Ich vermute, das könnte ein langwieriger Prozess werden“, sagte ein Polizist.

In dem Fall deutet vieles auf Schlepperkriminalität hin, offiziell bestätigt ist das bislang nicht. Zahlreiche Flüchtlinge versuchen seit Jahren, heimlich nach Großbritannien zu kommen. Oft verstecken sie sich dabei in Lkw.

Immer wieder gibt es spektakuläre Fälle von Menschenschmuggel mit dem Ziel Europa. Im Februar 2017 waren 69 Migranten in Libyen vier Tage lang in einem Container eingepfercht. 13 von ihnen kamen ums Leben, unter ihnen ein 13 Jahre altes Mädchen und ein 14-jähriger Junge.

Premierminister Boris Johnson schrieb auf Twitter, er sei „entsetzt“. Innenministerin Priti Patel teilte mit: „Ich bin geschockt und traurig über diesen äußerst tragischen Vorfall in Grays.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich tief erschüttert. „Unsere Entschlossenheit muss sich gegen diejenigen richten, die solche Transporte organisieren und durchführen“, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Merkel spricht Angehörigen Beileid aus

Viele Fragen bleiben zunächst offen. Der Scania-Laster brauchte nach seiner Ankunft im Hafen Holyhead nur sechs, maximal sieben Stunden für die Fahrt bis zum Gewerbegebiet in Grays. Dort parken Lkw oft nachts. Wo war das Fahrzeug in den vergangenen vier Tagen gewesen? Wie lange stand es im Waterglade Industrial Park? Welche Route hatte es zuvor von – höchstwahrscheinlich – Bulgarien aus genommen?

Andere Fragen, die die stellvertretende Polizeichefin von Essex, Pippa Mills, am Mittwoch nicht beantwortete, lauteten: Wer hatte die Ambulanzfahrer alarmiert, die wiederum die Polizei benachrichtigten? War es der nordirische Fahrer des Lasters? Wusste dieser, dass sich im Container 39 Menschen befanden?

In der britischen Politik vermutet man einen Fall von Schlepper- und Schleuserkriminalität. Jackie Doyle-Price, die Unterhaus-Abgeordnete für Grays, betonte: „Menschenschmuggel ist ein abscheuliches und gefährliches Geschäft.“ Zwar ist es derzeit noch Spekulation, dass es sich um Flüchtlinge handelt, da die Identität der Opfer noch nicht bekannt ist.

Innenministerin Patel scheint jedenfalls davon auszugehen. Im Unterhaus sagte sie, dass ihre Beamten jetzt die einschlägigen Stellen wie Grenzschutz und Einwanderungsbehörde kontaktieren würden. Die innenpolitische Sprecherin der Labour Party, Diane Abbott, appellierte an Patel, die Zusammenarbeit mit den EU-Partnern bei der Bekämpfung des Menschenschmuggels zu intensivieren. Der Brexit dürfe nicht zu weniger Kooperation führen.

Die National Crime Agency hatte im letzten Jahr gewarnt, dass die Route vom europäischen Kontinent über Irland nach Großbritannien zur weichen Flanke des Königreichs geworden sei. Die schärfsten britischen Grenzkontrollen finden im Fährhafen Dover statt. Wer jedoch von der irischen Insel kommend in Holyhead landet, hat überhaupt keine Kontrollen zu befürchten.

Einreise über Irland dauert länger, ist aber leichter

Als wahrscheinliche Strecke des Lkw vermutet daher Seamus Leheny vom Speditionsverband Freight Transport Association den Weg von der irischen Hauptstadt Dublin nach Holyhead, die zwar „unorthodox“ sei und länger dauere, aber dafür leichter sei. Der grausame Fund in Essex erinnert an ähnliche Fälle in der Vergangenheit.

Im Juni 2000 wurde ein Lastwagen im Fährhafen Dover gestellt, der über das belgische Zeebrugge eingereist war. Im Frachtraum fand die Polizei die Leichen von 58 chinesischen Immigranten. Der niederländische Fahrer des Fahrzeugs wurde im darauffolgenden Jahr wegen Totschlag zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.

Für internationales Aufsehen sorgte eine Entdeckung im August 2015 in Österreich. 71 tote Flüchtlinge, darunter vier Kinder, wurden in einem Kühllaster aus Ungarn 50 Kilometer südlich von Wien gefunden.

Im Juni 2017 wurde dem Schlepper der Prozess gemacht.Er war offenbar nicht nur für diese Taten verantwortlich: Nach dem Fund von Leichen im Lkw in Österreich hatte die Schlepperbande wohl noch weitere Flüchtlinge durch Europa geschleust.

Sprunghaft gestiegen ist die Zahl der Migranten, die versuchen, in Schiffen oder kleinen Booten über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu gelangen.

  • Im Jahr 2018 haben dem Innenministerium zufolge 539 Menschen probiert, die Meeresenge illegal zu überqueren.
  • Von November bis Sommer dieses Jahres waren es schon mehr als 1000.

Ein Mann hatte sogar versucht, den Ärmelkanal mit Taucherflossen zu durchschwimmen.

(jkali/dpa)

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren