Kinderporno-Ermittlungen

Junge im Schrank: Polizei ging Hinweis auf Marvin nicht nach

Recklinghausen.  Der vermisste Marvin wurde zufällig bei einem Mann gefunden der unter Kinderporno-Verdacht steht. Es gab wohl eine Ermittlungspanne.

Vermisstenfall Marvin (15): Kinderporno-Ermittlungen führten zu einem 44-Jährigen.

Vermisstenfall Marvin (15): Kinderporno-Ermittlungen führten zu einem 44-Jährigen.

Foto: Marcel Kusch / dpa

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  • Bei einem Kinderporno-Einsatz fanden Polizisten einen 15-Jährigen
  • Es handelte sich um den vermissten Marvin – er verschwand vor zweieinhalb Jahren
  • Offenbar gab es eine Ermittlungspanne bei der Polizei
  • Nach einem Aufruf bei „Aktenzeichen xy“ im Juli 2019 gab es einen Hinweis auf Marvins Aufenthaltsort - Polizei und Staatsanwaltschaft gingen ihm nicht nach
  • Der 44-jährige Wohnungsinhaber sitzt in Untersuchungshaft
  • Der war bereits wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt, die Strafe zur Bewährung ausgesetzt
  • Marvin bleibt zunächst weiter in ärztlicher Betreuung

Im Fall des jahrelang vermissten Marvin, den Polizisten zufällig im Schrank eines unter Kinderporno-Verdacht stehenden Mannes fanden, hat es offenbar eine schwere Ermittlungspanne gegeben. Wie die Polizei Recklinghausen an Heiligabend mitteilte, hatte es nach einem Aufruf in einer „Aktenzeichen XY … ungelöst“-Sendung bereits einen Hinweis auf den Aufenthaltsort des 15-Jährigen gegeben.

Ende Juli 2019 hatte es in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ einen Beitrag über den vermissten Marvin aus Duisburg gegeben. Danach sei ein Hinweis eingegangen, dass sich der Junge in der Wohnung des jetzt verhafteten 44-Jährigen in Recklinghausen aufhalte, teilte die Polizei Recklinghausen am Dienstag mit.

Vermisster Marvin: Warum ging Polizei Hinweis nicht nach?

Derzeit werde polizeiintern geprüft, ob das Polizeipräsidium Duisburg diesem Hinweis mit der gebotenen Konsequenz nachgegangen sei. Dabei sei auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, sagte ein Sprecher. „Der Hinweis ist wohl abgelegt worden ohne weitere Maßnahmen“, bestätigte ein Duisburger Polizeisprecher.

Warum dem Hinweis nicht nachgegangenen worden sei, werde nun untersucht. Dazu habe Duisburg von den Kollegen in Recklinghausen wieder die Akte des Jungen angefordert. Außerdem müssten Kollegen befragt werden. Ein Ergebnis werde wohl erst nach Weihnachten vorliegen, sagte der Duisburger Polizeisprecher.

Junge im Schrank: Marvin lebte seit zwei Jahren bei Vorbestraftem

Marvin soll sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bochum mindestens die letzten zwei Jahre in der Wohnung des Kinderpornografie-Verdächtigen in Recklinghausen aufgehalten haben. Ob der Jugendliche sich auch schon in den ersten Monaten nach seinem Verschwinden im Juni 2017 bei dem Mann aufgehalten hatte, „müssen wir jetzt in Ruhe nachgucken“, sagte Oberstaatsanwalt Christian Kuhnert.

Fest steht allerdings, dass der Junge bereits bei dem Mann war, als der wegen des Besitzes von Kinderpornografie im März 2018 verurteilt wurde. Die Strafe für den 44-Jährigen sei damals zur Bewährung ausgesetzt worden, sagte Oberstaatsanwalt Christian Kuhnert am Montag.

Marvin durch Zufall bei Kinderpornoeinsatz gefunden – im Schrank

Polizisten hatten Marvin am vergangenen Freitag zufällig entdeckt. Der Junge war in einem Schrank versteckt. Die Beamten fanden ihn bei einer Durchsuchung der Wohnung des 44-Jährigen, den sie verdächtigten, Abbildungen schweren Kindesmissbrauchs zu besitzen.

Kistenweise Material holte die Polizei am Wochenende aus der Wohnung in Recklinghausen, die auch mit einem Datenspürhund durchsucht wurde. Die Tiere sind darauf trainiert, versteckte Datenträger zu finden. Gegen den 44-Jährigen war wegen einer schwerwiegenden Sexualstraftat Haftbefehl erlassen worden, er sitzt seit Samstag in U-Haft.

Die Auswertung des Materials, das auf diversen Datenträgern gefunden worden war, werde „noch einige Zeit dauern“, sagte der Recklinghäuser Polizeisprecher Andreas Wilming-Weber. Zur Frage, was der 44-Jährige zu den Vorwürfen gegen ihn sagt, antwortete der Polizeisprecher nur: „Er lässt sich anwaltlich vertreten.“

Junge im Schrank: Marvin (15) unter ärztlicher Beobachtung.

Wie es mit Marvin weitergeht, ist im Moment noch unklar. „Die Entscheidung, was mit dem Jungen passiert, wird eine ärztliche sein und keine polizeiliche“, sagte der Polizei-Sprecher der Polizei am Montagmorgen.

Wie lange er schon in der Wohnung des 44-Jährigen lebte, ist eine von vielen offenen Fragen, die die Polizei noch beantworten muss. Dazu gehört auch, was Marvin in den zweieinhalb Jahren seines Verschwindens gemacht hat. „Das sind alles Punkte, die noch geklärt werden müssen“, sagt Wilming-Weber.

Nachdem die Beamten ihn gefunden hatten, kam er in eine Klinik. „Er war zwei Jahre lang nicht in der Obhut von Erziehungsberechtigten“, sagte ein Polizeisprecher am Samstag. Der psychische Zustand des Jungen werde nun fachärztlich untersucht.

Marvins Mutter sah 15-Jährigen nach zweieinhalb Jahren wieder

Äußerlich sei der Jugendliche unversehrt gewesen, als die Polizei ihn entdeckte, sagt Wilming-Weber. Ob er in der Wohnung Opfer von Straftaten geworden sei, sei ebenfalls Gegenstand der noch laufenden Ermittlungen: „Da ist es jetzt noch zu früh für eine Aussage.“

Marvins Mutter war umgehend informiert worden. Am Samstag konnte Manuela B. ihren Sohn sehen. die Mutter erzählte unserer Redaktion von dem Treffen mit ihrem seit zweieinhalb Jahren vermissten Sohn. Sie war schockiert von seinem Zustand.

Fall war im Sommer noch Thema bei „Aktenzeichen XY“

Der aus Duisburg stammende Marvin hatte nach seinem Verschwinden aus einer Einrichtung in Oer-Erkenschwick im Juni 2017 sein Handy ausgeschaltet und war unauffindbar. In der Folge meldeten sich bei der Polizei Zeugen in Deutschland, den Niederlanden und Österreich, die den Jungen gesehen haben wollten. Gefunden wurde er nicht.

Der Vermisstenfall war noch im Sommer – rund zwei Jahre nach dem Verschwinden des Jungen – Thema bei der „Aktenzeichen XY“-Spezial-Sendung mit dem Schwerpunkt „Wo ist mein Kind“. Danach hatte sich die Duisburger Polizei für die zahlreichen Hinweise bedankt, die nach der Ausstrahlung eingegangen waren. Jeder einzelne davon sollte intensiv geprüft werden, hieß es. Letztlich half doch Kommissar Zufall.

In den zweieinhalb Jahren, in denen Marvin verschwunden war, musste die Familie auch Kritik ertragen. Mancher äußerte sich abfällig über die Familiensituation, die den Jungen in eine pädagogische Einrichtung gebracht hatte. Mutter Manuela B. wurde nicht müde, zu erklären, dass der Tod seines Vaters Marvin aus der Bahn geworfen habe.

Kinderpornoverdacht: Es geht um ein ganzes Missbrauchsnetzwerk

Die Polizei ermittelt aktuell zu einem Kindesmissbrauchsnetzwerk in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz. Bereits am Donnerstag hatten die Beamten die Wohnung eines 45-Jährigen in Oberhausen durchsucht. Festgenommen wurde er nicht, so die Staatsanwaltschaft. Bei den Ermittlungen geht es um sexuellen Kindesmissbrauch und Besitz von Kinderpornografie. Es gibt eine Vielzahl von Beschuldigten.

Die Ermittlungen hatten in Bergisch Gladbach begonnen. Allein in Nordrhein-Westfalen sitzen bisher acht Verdächtige in Untersuchungshaft, außerdem gab es je eine Festnahme in Hessen und Rheinland-Pfalz. In dieser Woche hat sich die Zahl der Beschuldigten auf 20 erhöht. Mehr als 3000 Datenträger wurden beschlagnahmt, die von Hunderten Polizisten durchforstet werden. (mit dpa)

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